Natascha Kampusch: Abrechnung mit den Eltern

Natascha Kampusch versucht, nach ihrer Gefangenschaft ein normales Leben zu führen. Dazu scheint es für sie wichtig zu sein, mit ihren Eltern abzurechnen. In einem Interview fand sie für ihren Vater und ihre Mutter harte Worte.

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Natascha Kampusch: "Ich fühle mich verlegen"

Wien - "Es wird lang dauern, bis ich begreifen werde, was ein normales Leben für mich ist. Es wird noch viel Zeit brauchen, bis ich die Normalität erreichen werde. Ich weiß aber nicht, ob sie mir gefallen wird, wenn ich sie einmal erreicht habe", sagte Natascha Kampusch im Interview mit der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera".

Natascha war zehn Jahre alt, als sie 1998 von ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil auf dem Weg zur Schule gekidnappt wurde. Während ihrer achteinhalbjährigen Gefangenschaft in Strasshof in Niederösterreich habe ihr der Gedanke an ihre Mutter Mut gegeben. "Ich versuchte zu erraten, was sie mit ihrer Kraft an meiner Stelle getan hätte. Ich wusste es nicht, doch in jenen Jahren hat sie nie den Gedanken aufgegeben, dass ich noch am Leben war. Mein Vater hatte dagegen schon die Suche nach meiner Leiche eingeleitet", so Kampusch.

Mit ihren Eltern geht die 22-Jährige hart ins Gericht: "Mein Vater ist so unreif. Er ist in einem Entwicklungsstadium stecken geblieben, das nicht meinem entspricht. Beide meiner Eltern waren bei meiner Geburt nicht bereit, die Verantwortung für eine Tochter zu übernehmen. Als Kind hatte ich oft den Eindruck, ich musste die Verantwortung für sie übernehmen. Das ist jetzt aber nicht mehr möglich. Ich muss an mich denken."

"Hass aus Machtlosigkeit"

Die Rückkehr zu einem normalen Leben sei nicht einfach. "Am Anfang haben mich die Verleumdungen, die Zweifel über meine Aussagen verletzt, sowie der Versuch, mir die Verantwortung für das Geschehene zuzuschreiben. Man hat versucht, mir meine Geschichte zu entreißen, mich meiner existentiellen Erfahrung zu berauben", so Kampusch.

Heute versuche sie, eine Grenze zu anderen Menschen zu ziehen. "Ich fühle mich verlegen, wenn ich eine Person besuche oder wenn ich bei mir zu Hause Besuche empfange." Priklopil habe sie gehasst. "Ich glaube aber, dass wenn man jemanden hasst, man sich auch selber hasst. Oft entsteht Hass aus Machtlosigkeit."

jjc

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