New Yorker Fashion Week: Das perfekte Model

Aus New York berichtet Wlada Kolosowa

Sie ist stets perfekt, immer modisch gekleidet und ewig jung: Auf der New York Fashion Week gewährt Barbie den Besuchern einen Blick in ihren gigantischen Kleiderschrank. Designer lieben die Modepuppe - auch wenn mancher sie schon geköpft hat.

Christopher Lane/ Getty Images

Rot ist der Teppich hier natürlich nicht - er ist pink. Genauso wie die sieben Meter hohe Tür in das Glitzerreich, in dem 360 Paar pinkfarbene Schuhe, rosa Kunstdiamanten und ein rosaroter Zweimeter-Pudel die Gäste erwarten: Willkommen in der Modewelt einer Fashionista, die es nicht übel nimmt, wenn man sie Modepüppchen nennt. Denn sie ist wirklich eines.

Nur wenige Meter von den Modeschauen der Mercedes Benz Fashion Week entfernt hat Barbie die Türen ihres Riesenkleiderschranks aufgemacht, zuerst für das Fachpublikum und später für alle Barbie-Liebhaber. Mit seinen zwei Stockwerken und über 800 Quadratmetern Fläche ist es wohl einer der größten Kleiderschränke in New York, und doch kann er nur einen Bruchteil von Barbies Klamotten beherbergen: Über tausend unterschiedliche Paar Schuhe wurden für sie entworfen, über 96 Millionen Meter Stoff wurden für ihre Outfits vernäht.

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Fashion Week New York: Vorne elegant, hinten sexy
Barbie ist das Ideal der Modeindustrie: Kleider kann sie nie genug haben, sie nimmt nie zu, ist makellos und seit 53 Jahren in der Blüte ihrer Jugend. Von ihrer Geburt an hatte die Puppe eine Verbindung zur Mode: Die erste Barbie arbeitete als "Teenager Fashion Model", die zweite als Moderedakteurin. Seitdem hat Barbie 125-mal ihren Job gewechselt. Doch ob sie Astronautin war oder Präsidentschaftskandidatin, Chirurgin oder Computeringenieurin - stets war Barbie nach den letzten Trends gekleidet. Über 70 namhafte Couturiers haben für sie entworfen, ein hauseigenes Designerteam hält Ausschau nach neuen Trends, zeichnet und diskutiert Entwürfe und bittet die Puppe dann zur Anprobe.

Auf der Fashion Week ist das Modepüppchen kein Neuling: Zu Barbies 50. Geburtstag hatten Designer wie Vera Wang, Diane von Fürstenberg und Calvin Klein lebensgroße Outfits für ihre Modenschau entworfen.

Modegeschichte im Kleiderschrank

Dieses Jahr nimmt Barbie (okay, die PR-Maschinerie von Mattel) die Besucher mit auf eine Tour durch ihren Kleiderschrank und somit durch die Modegeschichte eines halben Jahrhunderts. Die erste Barbie trug 1959 nur einen Badeanzug in inzwischen legendärer schwarz-weiß Optik. In den Sechzigern kamen kurze geometrische Kleider dazu, später Disco-Glam der Siebziger, die Powersuits der Achtziger, die Extravaganz der frühen Neunziger, Girl-Power und die Anfänge der ökologischen Mode der frühen nuller Jahre.

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Fashion Week New York: Barbie - Stilikone und Supermodel

In Barbies Traumkleiderschrank führen Models Designer-Outfits vor, die aus vergangenen Jahrzehnten stammen, außerdem können Besucher die Klamotten virtuell anprobieren und ein Foto davon drucken lassen. Die Kinder kriegen vor Begeisterung kaum Luft, die Erwachsenen nippen an rosa Cocktails zwischen rosa Glitzerkissen, oder wandern auf einer Wiese aus Kunstblumen.

"Es ist, als sei ich wieder sieben!", sagt die Mode-Stylistin Ashlee Bricks. Eigentlich hat sie die Barbie-Phase schon lange hinter sich, als Teenager hat sie aus Langeweile und einem diffusen Rebellionswunsch Barbies geköpft und in die Mikrowelle gesteckt. "Als Schönheitsvorbild für kleine Mädchen ist Barbie ungeeignet", sagt Bricks. "Aber sie ist unbestreitbar ein Teil der amerikanischen Kultur und unserer Vorstellung der Weiblichkeit. Und für die Mode ist sie eine Kultfigur."

Barbie steht häufig in der Kritik, ein falsches Bild der Weiblichkeit zu vermitteln, sich zu sehr auf Make-up und Klamotten zu konzentrieren. Dabei war die Ursprungsbarbie eine emanzipierte Alternative zu den Babypuppen der fünfziger Jahre. Anders als sie, sollte Barbie nicht auf die Mutterrolle vorbereiten, sie war eine unverheiratete Frau, die ihr eigenes Geld verdiente und selbst Auto fuhr.

Das Barbie-Syndrom

Für das Model Nikki Exotika war Barbie nicht nur in Modefragen ein Vorbild. Früher war Nikki ein Junge. "Ich habe die Barbies meiner Schwestern geklaut und träumte davon, wie sie zu sein. Sie hat mir Mut gegeben, das Geschlecht zu wechseln." Mit 16 wusste Nikki, dass sie im falschen Körper steckt und ließ sich operieren. Inzwischen erinnert sie an die lebensgroße Version ihres Vorbilds: blonde Mähne, große Brüste, Stupsnäschen. Barbie-Syndrom nennen Ärzte den übertriebenen Eifer, wie die Mattel-Puppe aussehen zu wollen.

Barbie-Maße wird Nikki Exotika wohl nie erreichen - der WDR hat ermittelt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau mit solchen Maßen auf die Welt kommt, bei 1:100.000 liegt. Außerdem hätte eine lebende Barbie nicht genug Platz für die inneren Organe im Unterleib und Probleme beim Atmen. "Egal", sagt Nikki Exotika. "Barbie und ich haben trotzdem viel gemeinsam: Sie ist aus Plastik, ich auch." Die Puppe wird ihr Vorbild blieben. Und was die unrealistischen Körpermaße angeht: "Gilt das Ganze nicht für die gesamte Modeindustrie?"

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