Ohnsorg-Star Heidi Kabel ist tot

Sie war der Star des Hamburger Ohnsorg-Theaters - und stand in mehr als 160 plattdeutschen Stücken auf der Bühne: Jetzt ist Heidi Kabel gestorben. Die populäre Schauspielerin wurde 95 Jahre alt.

DPA

Hamburg - Heidi Kabel ist tot. "Sie ist heute Morgen um 6 Uhr friedlich eingeschlafen", teilte der Intendant des Ohnsorg-Theaters, Christian Seeler, am Dienstag mit. Die beliebte Volksschauspielerin wurde 95 Jahre alt. Seit 2003 hatte sie in einem Senioren-Wohnheim im Hamburger Stadtteil Othmarschen gelebt.

Das Theater trauere um eine "großartige Schauspielerin, um eine wunderbare Kollegin und um einen einzigartigen Menschen", so Seeler. "Es gibt nur wenige Menschen, die in ganz Deutschland quer durch alle Generationen so populär waren wie Heidi Kabel."

Jahrzehntelang war sie der Star des niederdeutschen Ohnsorg-Theaters, dessen Produktionen seit 1954 bundesweit im Fernsehen zu sehen waren. In mehr als 65 Jahren stand sie in weit über 160 plattdeutschen Stücken auf der Bühne. Später spielte Kabel auch in Dutzenden Film- und Fernsehrollen, zuletzt war sie noch 2007 kurz im Kinofilm "Hände weg von Mississippi" des Regisseurs Detlev Buck zu sehen.

Heidi Kabel, die "Hamburger Deern", überzeugte in den großen Frauenrollen des deutschen Volkstheaters und machte das Plattdeutsche weit über den Norden hinaus theaterfähig. Sie begeisterte das Fernseh- und Theaterpublikum als tratschsüchtige Nachbarsfrau, keifender Hausdrachen, bauernschlaue Mutter oder schrullige Alte. Kabel wurde am 27. August 1914 in Hamburg in der Straße "Große Bleichen" geboren - nur wenige Meter von ihrer späteren Spielstätte entfernt. 1932 stand erstmals auf der "Niederdeutschen Bühne", dem späteren Ohnsorg-Theater.

"Eine echte Hamburger Deern"

An der Seite von Henry Vahl garantierte sie jahrelang ein volles Haus. 1937 heiratete Kabel Hans Mahler, der Ende der vierziger Jahre Ohnsorg-Chef wurde. Tochter Heidi Mahler begann ihre Karriere in den sechziger Jahren ebenfalls auf dieser Bühne und spielte oft neben ihrer Mutter.

Nachdem Heidi Kabel 1984 nach Auseinandersetzungen mit dem damaligen Direktor Günther Siegmund als festes Ensemblemitglied aus dem Ohnsorg-Theater ausschied, war sie häufig in TV-Serien zu sehen. Dazu gehörten Filme wie "Kleinstadtbahnhof", "Tante Tilly" oder "Campingpark".

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) würdigte die verstorbene Schauspielerin als echte Hanseatin. "Heidi Kabel gehörte zu Hamburg wie der Michel", so von Beust. "Zu Recht als die große deutsche Volksschauspielerin gefeiert, eroberte sie mit Witz, Geradlinigkeit und Herzenswärme die Zuschauer im Sturm." Sie sei in ihren Rollen wie im wahren Leben immer hanseatisch, bodenständig und ehrlich gewesen - "eben eine echte Hamburger Deern".

Zum Theater war Heidi Kabel fast aus Versehen gekommen: 1932 begleitete sie eine Freundin zum Vorsprechen bei Richard Ohnsorg. Der wurde auf sie aufmerksam und engagierte sie direkt. Als Heidi Kabel am Abend des 23. März 1970 in der Komödie "Suuregurkentied" auf der Bühne stand, überbrachte man ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes. Sie lehnte es ab, die Vorstellung abzubrechen und spielte noch den dritten und letzten Akt zu Ende. Disziplin galt als eine ihrer besonderen Eigenschaften, aber auch Dickköpfigkeit und Schlagfertigkeit.

Abschied von der Bühne an Silvester 1998

Auch politisch war die Schauspielerin, die sich für Asylbewerber und Obdachlose engagierte, aktiv: 1997 machte sie Wahlkampf für die damalige grüne Hamburger Wissenschaftssenatorin Krista Sager. "Ich war schon immer grün", sagte Kabel. Später tauchte sie bei einem Wahlkampfauftritt von Kanzler Gerhard Schröder auf.

Heidi Kabel nahm 1998 ihren Abschied von der Bühne. Am Silvesterabend stand sie mit 84 Jahren in einer Doppelrolle in dem Lustspiel "Mein ehrlicher Tag" ein letztes Mal vor ihrem Ohnsorg-Publikum. Über ihren Abschied von der Bühne 1998 sagte sie: "Ich wollte in Würde abtreten, bevor ich meinen Text nicht mehr behalten kann." Dabei hatte sie sich einst gewünscht, bis zur letzten Minute auf der Bühne zu stehen, "solange der liebe Gott mich lässt". Am Lebensende litt Kabel an Demenz, wie ihre Familie mitteilte.

Einen großen öffentlichen Auftritt hatte sie nochmals 2004, als sie in Hamburg den Bambi für ihr Lebenswerk entgegennahm.

wit/dpa/ddp/AFP/apn



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