Olli Dittrich Der Humorsoldat

Vokuhila, Bademantel, Adiletten: Je schräger die Verkleidung, desto wohler scheint sich Olli Dittrich vor der Kamera zu fühlen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE gewährt er Einblicke in seine abergläubische, misstrauische Komiker-Seele - es darf auch mal nicht gelacht werden.


SPIEGEL ONLINE: Herr Dittrich, dass wir hier sitzen, ist alles andere als selbstverständlich. Immer wieder versichern Sie, der Erfolg und das daraus resultierende Interesse an Ihrer Person seien Ihnen peinlich. Warum?

Dittrich: Peinlich ist etwas übertrieben. Es ist mir einfach suspekt. Alles, was von der Behauptung lebt, ist nicht meine Sache. Ich bin eher scheu, wenn es um Öffentlichkeit geht und finde es unangemessen, wenn man sich unberechtigt vorführt. Gut, klappern gehört zum Handwerk, das habe ich mittlerweile auch gelernt, aber ich halte mich trotzdem lieber zurück.

SPIEGEL ONLINE: Aber Preisverleihungen und Galas sind doch auch immer ein großes Wiedersehen mit geschätzten Kollegen.

Dittrich: Ja, das finde ich auch toll und es bringt mir Spaß. Trotzdem versuche ich dann, mich am Roten Teppich vorbeizumogeln. Es gibt ja glücklicherweise so viele andere, die das gern machen - und auch besser können als ich.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie als "Dittsche" am Sonntagabend aus dem Imbiss schlurfen und Ihre Fans treffen, hat man allerdings das Gefühl, Sie freuten sich auf diese Begegnung.

Dittrich: Das ist ganz was anderes. Die Figur muss natürlich raus zu den Leuten. Das ist wie Publikum, wenn wir als "Texas Lightning" ein Konzert geben. Die stehen da draußen mit Plastiktüten und Bademänteln aus der ganzen Republik. Das finde ich so großartig, dass ich nach jeder Sendung zu den Leuten gehe, mit ihnen rede und ihnen Autogramme gebe. Ich mache das nicht, um mir Zusatzapplaus zu holen. Die haben das einfach verdient.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Dittsches Bademantel schon 16 Jahre auf dem Buckel hat?

Dittrich: Der ist viel älter. Das sieht und fühlt man an Muster und Konsistenz. Der muss aus den 50er oder 60er Jahren sein. Der hing jahrelang im Schrank eines WG-Partners und gehörte ursprünglich dessen Vater. Ich lieh ihn mir aus, als ich meine ersten Versuche als Komiker und Spaßvogel machte. Die Figur Dittsche gibt es also nur in diesem Bademantel.

SPIEGEL ONLINE: Warum eigentlich im Bademantel, hätten Adiletten und Jogginghose nicht gereicht?

Dittrich: Ich habe mal einen Mann auf der Straße gesehen, der mit großer Selbstverständlichkeit einen Bademantel trug. Der war weder verwirrt noch verrückt. Außer mir fand das niemand ungewöhnlich. Das war scheinbar für viele ein so gängiges Bild wie für mich in meiner Kindheit, als Frauen auf der Straße liefen, deren Haare in Lockenwickler gedreht waren. Darüber trugen sie oft ein transparentes Seidentuch, speziell für diesen Fall.

SPIEGEL ONLINE: Die sind vielleicht zu den Mülltonnen gehuscht, aber ...

Dittrich: Nein, die waren ganz entspannt einkaufen bei Safeway, einem Supermarkt am Langenhorner Markt. Das gehörte genauso zum normalen Bild wie der Hausschuhträger. Das Stichwort heißt "Bequemlichkeit": In Hausschuhen rausgehen, einkaufen, spazierengehen. Heute trägt kein Mensch mehr Hausschuhe!

SPIEGEL ONLINE: Und Sie tragen privat nie Bademantel, heißt es.

Dittrich: Niemals. Sie etwa?

SPIEGEL ONLINE: Ja, gern sogar.

Dittrich: Bei Frauen ist das auch etwas anderes. Da kann er auch etwas Elegantes haben, wie bei David Niven in "Casino Royale". Da trägt er einen seidenen Morgenmantel mit einem kleinen Wappen auf der Brust.

SPIEGEL ONLINE: Dittsche soll nicht nur vom Namen her das meiste von Ihnen haben?

Dittrich: Ja, das stimmt. Aber auch bei "Blind Date" findet man immer etwas von mir. Authentisches muss erlebt sein, nicht nur gut beobachtet und aufgesagt. Es ist keine Frage, dass ich einen großen Hang zur Melancholie habe und durchaus eine ambivalente Affinität zum Scheitern. Ich bin sehr loyal, bringe Menschen und Dingen gegenüber eine große Treue entgegen. Loslassen und Abschiednehmen ist immer sehr schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb schon einmal einen Teil Ihres Lebenswerkes in einer DVD verpackt?

Dittrich: Ich musste mir schon die Frage gefallen lassen, ob das sei eine Art Nachruf sei. Da habe ich natürlich einen Schreck bekommen, weil ich furchtbar abergläubisch bin. Am Ende ist das ein Zeichen… Nein, der Auslöser war "Was tun, Herr Beckenbauer?" Da hatten wir mehr produziert, als wir für die 20-Minuten-Sendung benötigten, aber es gab nicht mehr Sendeplatz. Also haben wir überlegt, was wir mit dem Rest machen: Eine Extended-Version für spät nachts in der ARD, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit versendet wird, oder eben als Teil einer Compilation.

SPIEGEL ONLINE: Es sind auch Ausschnitte drauf von einem sehr jungen, gescheiterten Dittrich.

Dittrich: Es gibt immer jede Menge Mist im Laufe einer jahrzehntelangen künstlerischen Arbeit, den man rückblickend nicht mehr so machen würde. Aber zu dem jeweiligen Zeitpunkt hat man sie so gemacht und deshalb haben sie auch ihre Relevanz. Sie markieren eine Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie diese ersten Gehversuche heute sehen?

Dittrich: Wenn ich mir das heute angucke, sehe ich, dass da durchaus hochkomische Ideen drin waren, die aber handwerklich und technisch miserabel umgesetzt wurden. Aber das Ganze war unschuldig und hat Charme. Es gibt einfach Dinge, die sind für eine bestimmt Zeit reserviert. Da darf man sich auch Entgleisung leisten.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Ihre erste Zeit als Komiker etwa als Entgleisung?

Dittrich: Na ja, die ganz frühen Sachen, die hätte ich ein halbes Jahr nach ihrer Entstehung so nie zeigen wollen, weil ich mich dafür geschämt habe. Ich hatte mich da schon längst wieder weiterentwickelt und solche Versuche als alt und schimmlig angesehen. Heute, mehr als 20 Jahre später, sehe ich es so, dass ich diesen Weg gehen musste. Und eins ist klar: Ich habe bis Mitte 30 Papier in Druckereien gestapelt und die Farbwalzen saubergemacht. Oder über Nacht Discos ausgestattet, um die Miete zusammenzubekommen. Das könnte ich heute – mit über 50 – alles nicht mehr machen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich an Erfolg gewöhnen?

Dittrich: Scheitern kann man bei dem, was ich mache, immer. Dazwischen hat man mal Erfolg, aber eine Minute später geht es wieder bergab. Ich habe das schon so oft erlebt, dass mich das nicht mehr kratzt. Applaus ist auch trügerisch - auch die Claqueure, die Buh rufen. Das Wichtigste ist, so weiterzumachen, dass es einen selbst glücklich macht.

SPIEGEL ONLINE: Wie übersteht man Tiefschläge?

Dittrich: Vielleicht ist es meine Natur. Ich bin ein Soldat des Humors. Mein Cutter, der maßgeblich die Menüfolge auf der DVD kreierte, hat auf eine Gedenktafel geschrieben "20 Jahre Humorsoldat". Weil ich immer der erste bin, der kommt, und der letzte, der das Licht ausmacht. Und immer weiterarbeite, wenn die anderen in die Kneipe gehen oder längst davon überzeugt sind, das etwas sowieso nichts wird. Ich bin eine ausgesprochene Kämpfernatur und habe gelernt, mich für die Dinge zu entscheiden, für die es sich lohnt, zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie verhält sich ein Humorsoldat?

Dittrich: Ich denke immer: Mooooment, es könnte doch noch weitergehen. Immer weitermachen! Man kann mich in Extremsituationen auch länger leiden lassen als andere. Wenn ich ehrlich bin: Diese Hartnäckigkeit und das Durchhaltevermögen haben mich auch dahin gebracht, wo ich heute bin. Dittsche zum Beispiel haben wir zweieinhalb Jahre jedem Sender angeboten und zum Teil gar keine Antwort erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen die Menschen haben, die Sie parodieren?

Dittrich: Eine gute Parodie ist daran zu erkennen, dass das Original zu erkennen ist. Es darf nicht nur durch ein paar Chiffren erkennbar sein. Dann muss man sich fragen: Bietet das Original überhaupt von sich aus Komik an? Beckenbauer zum Beispiel ist, wenn man genau hinguckt und hinhört, außerordentlich unterhaltsam. Über das hinaus, was er tut: Er ist ein Elder Statesman, eine Art Bundespräsident mit Fußballerausbildung. Wenn der auftritt, ist man fasziniert von seiner Aura - aber nicht unbedingt von dem, was er da sagt. Er kann sagen, was er will. Es wirkt immer relevant. Wenn man sich dann noch der Mundart und dem Aussehen der Person nähern kann, dann lohnt sich eine Parodie - und ich verkleide mich gerne.



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Seite 1
fabi82 18.12.2007
1.
Zitat von sysopDer Zuschauer kann Olli Dittrich momentan in verschiedenen Rollen erleben - als "Dittsche" oder bei "Blid Date". Was halten Sie von seinem Humor?
Also ich finde ihn echt lustig und bin auch Dittsche-Fan. Sonntagabend 22:10 ist bei mir ein Pflichttermin. Etwas problematisch ist der Alkoholkonsum von Dittsche, 2-3 Flaschen pro Sendung ist ja nicht ganz wenig und ich schätze mal der bechert auch schon vorher eine Menge. Dittsche war ein paar mal schon so voll dass er kaum noch stehen konnte und nur noch gelallt hat. Manchmal ist mir Dittsche aber zu dumm, das wirkt dann einafch nicht mehr authentisch.
Klo, 18.12.2007
2.
Zitat von sysopDer Zuschauer kann Olli Dittrich momentan in verschiedenen Rollen erleben - als "Dittsche" oder bei "Blid Date". Was halten Sie von seinem Humor?
Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Reziprozität 18.12.2007
3.
Zitat von sysopDer Zuschauer kann Olli Dittrich momentan in verschiedenen Rollen erleben - als "Dittsche" oder bei "Blid Date". Was halten Sie von seinem Humor?
Nichts, gelinde gesagt. Postpubertaerer TV-Klamauk.
gehlhajo, 18.12.2007
4.
Ich (und viele andere Nutzer des ÖPNV) finden das alles gar nicht mehr witzig...
strandfliege 18.12.2007
5.
Nein. Ist nur langweilig.
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