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Opernbesuch: Merkels modischer Coup d'État

Auffällige Optik mit kühnen Formen: Die neue Nationaloper Norwegens gilt als architektonisches Meisterstück. Jetzt wurde das Bauwerk eingeweiht. Beim festlichen Galaabend überraschte Angela Merkel mit wagemutigem modischen Vorstoß.

Oslo - "Ich gratuliere Norwegen zum neuen Opernhaus. Das ist ein architektonischer Glanzpunkt in der Geschichte der Architektur Europas." Mit diesen Worten drückte Angela Merkel ihre Begeisterung für das kühne Bauwerk in Oslo aus - doch es dürfte vor allem die Optik der Kanzlerin gewesen sein, die bei dem festlichen Anlass Aufmerksamkeit erregte.

Die sonst hochgeschlossen auftretende Politikerin hatte diesmal eine Abendrobe mit tiefem Dekolleté gewählt - und war bei den Fotografen ein noch beliebteres Motiv als sonst.

Merkels Galaauftritt - und dessen Effekt - erinnerte an einen früheren, ebenfalls wohldokumentierten Ausflug der CDU-Chefin in die Welt der klassischen Oper: Als sie vor zwei Jahren in rosa Robe in Bayreuth erschien und beim Winken Schweißflecken unter den Achseln offenbarte, zierten die Aufnahmen die Seiten der Boulevardblätter.

Was für die Politikerin Merkel gilt, hat jedoch auch für die modebewusste Merkel Bestand: Sie macht keinen Fehler zweimal. Ihr Auftritt in Oslo war in Sachen Couture nahezu perfekt: Das schwarze Abendkleid mit türkisfarbenem Bolero-Schal, Ton in Ton mit dem seidenen Abendtäschchen und sogar den Schuhspitzen, wirkte feminin, glamourös und dennoch staatstragend.

Merkel gehörte zu den Ehrengästen des Abends; zur Einweihung der Oper hatte König Harald V. unter anderen die dänische Königin Margrethe II. und Schwedens Kronprinzessin Viktoria geladen.

Das futuristische neue Operngebäude für umgerechnet knapp 500 Millionen Euro geht auf einen Entwurf des heimischen Architektenbüros Snøhetta ("Schneekappe") zurück, das bereits die weltberühmte ägyptische Nationalbibliothek in Alexandria baute.

Die mehr als 100 Innenräume der Osloer Oper mit drei Bühnensälen auf einer Gesamtfläche von 38.500 Quadratmetern sind von einer Fassade aus weißem italienischem Carrara-Marmor umgeben. Das Aussehen der zum Wasser hin immer flacher wirkenden Oper soll an einen Gletscher, Schnee und Eisberge aus dem hohen Norden erinnern.

"Wir wechseln von einem alten Volkswagen zu einem neuen Porsche", sagte die Sopranistin Solveig Kringlebotten über ihren künftigen Arbeitsplatz - Oper und Nationalballett waren bisher in einem umgebauten Kino untergebracht.

Nach dem umjubelten Galaabend vor 1400 Zuschauern wurden die Feierlichkeiten mit einem Feuerwerk über dem Oslofjord direkt vor dem Neubau abgeschlossen.

Während die architektonischen Grundlinien und die Akustik von der Fachwelt einhellig Lob ernteten, war der massive Einsatz des italienischen Marmors auch während der fünfjährigen Bauzeit in Norwegen stets heftig umstritten. Zahlreiche der insgesamt 36.000 Marmorplatten hatten sich schon vor der Eröffnung leicht gelblich verfärbt. Als möglicher Grund wird das feucht-kalte nordeuropäische Klima genannt. Beiderseits des Gebäudes soll am alten Hafen Bjørvika unweit des Osloer Hauptbahnhofs ein völlig neuer Stadtteil entstehen.

König Harald sagte bei der Eröffnung vor 1200 geladenen Ehrengästen und 200 "Normalbürgern": "Diese Oper wird für uns ein neues nationales Symbol." Der Bau sei "wie ein monumentales Denkmal am Ende des Oslofjordes, voll architektonischer Schönheit im Inneren und von außen".

Bei aller Begeisterung über den gelungenen Neubau steht die neue Oper in dem durch Nordsee-Öl und -Gas reich gewordenen Land vor beachtlichen Anlaufproblemen. Die 600 Beschäftigten haben deutliche Einkommenserhöhungen verlangt und wollen bei Nichterfüllung in vier Wochen streiken.

Vor der feierlichen Einweihung musste die als Premierenknüller geplante Oper "In 80 Tagen um die Welt" des norwegischen Komponisten Gisle Kverndokk um fast ein Jahr verschoben werden. Die hochmoderne und hochkomplizierte Bühnentechnik ließ sich nicht rechtzeitig installieren.

pad/dpa

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Oslo: Galaabend mit Kanzlerin


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