Frédéric von Anhalt und Zsa Zsa Gabor vor den Oscars Der Märchenprinz

Hollywood fiebert der Oscar-Show entgegen. Nicht weit entfernt liegt die letzte Filmdiva im Dämmerschlaf: Zsa Zsa Gabor, 98, gepflegt von ihrem deutschen Ehemann Frédéric Prinz von Anhalt. Besuch in einer Schattenwelt.

Aus Los Angeles berichten , und (Video)

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Die schwere Tür öffnet sich nur einen Spalt. Ein Herr in Schlappen und FC-Bayern-Trainingsanzug, ledernes Gesicht, Pflaster auf der Stirn. "Es ist noch keine neun", murmelt er. "Das Personal ist noch nicht hier." Die Tür schließt sich wieder.

Es ist 8.57 Uhr.

Wer Frédéric Prinz von Anhalt besucht, muss immer mit Überraschungen rechnen. Unfälle, Ausfälle, Überfälle: Der deutsche Gatte des Hollywood-Altstars Zsa Zsa Gabor liebt die Schlagzeilen. Je schriller, desto besser.

Was an seinen Geschichten stimmt und was nicht, ist nicht immer klar. Aber auch egal: "Hollywood ist absolute Show", sagt der 71-Jährige, als er seine Gäste schließlich in ein düsteres, museales Foyer bittet. "Wer keine Show macht, ist ein Außenseiter."

Von Anhalt - dessen Frau einst die rauschendste Hollywood-Ära personifizierte - macht immer Show. Auch heute: Zwei Einbrecher hätten das Haus überfallen und ihn niedergeschlagen, erzählt er und zeigt auf sein frisches Stirnpflaster. Um 2 Uhr nachts! Bel Air sei auch nicht mehr das, was es mal war.

Überall Erinnerungen

Bel Air, die nobelste Nobelgegend von Los Angeles: Hoch über dem Sunset Boulevard, am Ende einer gewundenen Straße, liegt Zsa Zsa Gabors Villa, auch sie ein Relikt aus besseren Zeiten.

Das Anwesen mit Blick aufs Meer wurde 1955 von Howard Hughes gebaut, dem exzentrischen Milliardär. Dann gehörte es mal Elvis Presley. Seit 1984 lebt von Anhalt hier mit Gabor, die heute 98 Jahre alt und in der oberen Etage ans Bett gefesselt ist, ein Pflegefall nach vielen Krankheiten und Operationen.

Während sich eine halbe Autostunde entfernt das neue Hollywood auf die Oscar-Verleihung vorbereitet, liegt hier eine der wenigen noch lebenden Zeuginnen des alten Hollywoods im Dämmerschlaf. Zsa Zsa Gabor ist die letzte große Diva. Jetzt hält nur noch ihr Mann das Zepter, der Realität zum Trotz.

"Ronald Reagan saß hier, Nancy Reagan, die Sinatras, Kirk Douglas." Von Anhalt wandert um den marmornen Esstisch, in der einen Hand eine Brezel, in der anderen eine Starbucks-Tasse. "Die schwedische Königin, Carl Gustaf, Kissinger, Bush." Wer noch? Sammy Davis Jr., Astaire, seine Frau immer am Tischende, er zur Linken. "In den Achtzigern. Lange her."

Der Eingang der Villa mit der Hausnummer 1001

Wohnzimmer mit Rosen überall. Und Zsa Zsas Lieblingsporträt, rund um die Uhr beleuchtet.

Der marmorne Esstisch, wo Stars und Stammgäste speisten.

Fotos von Freunden (die Reagans) auf dem goldenen Konzertflügel

Die Schrankbar mit geleerten Moet-Flaschen

Der verwaiste Schreibtisch von Zsa Zsa Gabor

Blick in den Partyraum im oberen Stock. Hier spielten die Stars Karten und Schach.

Das Gästebad. Der goldene Spiegel ist eine Requisite von den Dreharbeiten zum Liberace-Biopik "Behind the Candelabra" mit Michael Douglas.

Die Terrasse mit Blick bis zum Meer

Blick über den Pool auf die Villa

Ein roter Teppich liegt auf der Treppe zur oberen Terrasse, wenn auch schon recht abgewetzt.

Der goldene Konzertflügel. Der Letzte, der daran gesessen hat, war der berühmte Musical-Komponist Marvin Hamlisch.

Frédéric Prinz von Anhalt im Gespräch mit den Reportern Marc Pitzke und Gesa Mayr

Wenig scheint sich verändert zu haben. Eine Villa wie ein Schrein: Überall alte Glamour-Fotos, Gabor auf dem Zenit ihrer Schönheit, mit Stars, Staatsmännern, gekrönten Häuptern. Im Wohnzimmer ein goldener Konzertflügel und ein lebensgroßes Ölporträt, "ihr Lieblingsbild, das ist immer beleuchtet, 24 Stunden".

Und kein Beistelltisch ohne Blumen: "Meine Frau will immer frische Rosen haben."

Der alte Hollywood-Muff hat seinen Vorteil: Von Anhalt kann die Villa gut für Dreharbeiten vermieten. Szenen für Ben Afflecks "Argo" entstanden hier. Die Filmcrews möbeln die Räume dafür manchmal auf, von Anhalt freut sich über die Gratis-Renovierung. Die Markisen und der kitschige Spiegel im Gästebad sind Überbleibsel des Liberace-Biopics "Behind the Candelabra" mit Michael Douglas.

Von Anhalt - bis heute Stammgast in den Klatschspalten wie auf den Feten der deutschen Exilgemeinde - liebt es, Geschichten zu erzählen. Seine Fabeln saugen einen in eine Dämmerwelt aus Erinnerung und Fantasie, Aufschneiderei und Anekdoten, Schein und Sein. Die Villa hat die Hausnummer 1001. Tausendundeine Nacht.

"In Hollywood weiß man, 1001 ist Zsa Zsas Haus", sagt von Anhalt. "Hier ist immer was los."

Er öffnet eine zwei Meter hohe Schrankbar: "Wir sind bestückt, wir haben alles." Zwölf - leere - Flaschen Moët und eine Oscar-Statuette aus Plastik stehen da. "Ich krieg' den Champagner gesponsert, kann also immer 50, 60 Gäste leicht betreuen." Welche Gäste? "Die zu den Oscars kommen."

Der verschwiegene Tod

Ach, die Oscars: "Viele wissen gar nicht, wie langweilig die sind." Früher seien sie da ja auch hingegangen, einmal habe er sogar eine Flasche Wasser reingeschmuggelt, weil die Gabor so einen Durst gehabt habe. Sein bevorzugter Ablauf aber: "Roter Teppich, rein, und hinten wieder raus."

Dieses Jahr mache er leider nichts: Der Überfall, eigentlich müsste er eine Halskrause tragen, "und dann ist ja auch noch die Tochter weggestorben".

Francesca Hilton, Gabors einziges Kind, ewiger Streitpunkt. Vom Hilton-Clan verstoßen, von Gabor verklagt. Auch das ist Hollywood: Menschen, zerrieben zwischen Eitelkeit und Ego, auf der Suche nach Identität, wenn sich die Paparazzi dem nächsten, jüngeren Gesicht zuwenden.

Im Januar erlag Hilton mit 67 einem Herzinfarkt. Die Mutter weiß davon nichts, von Anhalt hat Angst, das würde sie zu sehr aufregen.

Dass er überhaupt von Partys redet, als sei seine Frau noch fit. Doch spätestens seit der Beinamputation 2011 ist sie bettlägerig. Tagsüber kümmern sich vier Pflegerinnen, von Anhalt übernimmt "die Nachtschicht".

Auch heute hat er wieder eine hinter sich. Nun sitzt er auf der Terrasse in seinem Lieblingssessel am Pool, raucht kubanische Zigarre, El Rey del Mundo, Zigarre des Königs der Welt. Dazu trinkt er Red Bull - Zero natürlich, sonst würde er zu fett, wie er sagt.

Er kommt ins Erzählen, schwärmt von seiner Frau, die ihm US-Präsidenten vorstellte und mitnahm, in dieses Leben im Scheinwerferlicht. Die Zigarre wird kalt, er redet und redet, von damals, als sein Leben noch nicht daraus bestand, einen der größten Society-Stars des 20. Jahrhunderts zu pflegen.

Zsa Zsa Gabor wurde am 6. Februar 1917 in Ungarn geboren. 1941 kam sie nach Hollywood - und wurde bekannt wie kaum ein andere.

Gabor bei einem Besuch in London 1939: Da hatte sie ihren Weg zum Ruhm schon begonnen - drei Jahre zuvor war sie zu Miss Ungarn gekürt worden.

Der marmorne Esstisch, wo Stars und Stammgäste speisten

Der französische Schauspieler Daniel Gélin und Gabor am Set von "Sang et Lumière" (1953)

Gabor mit ihrem vierten Ehemann, dem Investmentbanker Herbert Hutner und ihrer Tochter Francesa Hilton im Jahr 1964. Hilton starb im Januar, Hutner 2008.

Gabor 1981 in der US-Serie "As The World Turns"

Gabor und Frédéric Prinz von Anhalt kurz nach ihrer Hochzeit im August 1986.

Gabor an ihrem 95. Geburtstag im Februar 2012: Nach vielen Krankheiten und Operationen ist sie heute ein Pflegefall.

Er ist ihr neunter Ehemann, oder ihr achter - je nachdem, ob man die annullierte Ehe mit dem Schauspieler Felipe de Alba mitzählt.

Heiratsschwindler, hieß es in der Boulevardpresse, als sie ihre Hochzeit ankündigten. Goldgräber. "Aber ihr konnte man nichts vormachen", sagt von Anhalt.

"Darling, ich weiß, dass er nichts taugt", sagte sie zwei Tage vor der Hochzeit zu "People" im August 1986. "Ich habe immer schlechte Männer geheiratet. Es ist eine Schwäche, meine Schwäche." Er entgegnete: "Sie ist die einzige Frau, die jemals zu mir gehalten hat, ich werde sie niemals im Stich lassen."

Die Gabor ließ sich von diesem neunten Ehemann nicht abbringen. Trotz Erbschleicher-Image, trotz seiner anderen Liebschaften. Selbst als ihre Mutter einen Herzinfarkt vortäuschte, um die Trauung zu verhindern, wie von Anhalt erzählt. Sie habe sich immer durchgesetzt.

Sie lernten sich kennen, als er schon lange nicht mehr Robert Lichtenberg hieß, sondern Frédéric Prinz von Anhalt, adoptiert von einer Schwiegertochter von Kaiser Wilhelm II. Auch diese Story der ersten Begegnung ist vermutlich eine der vielen, deren Wahrheitsgehalt irgendwo zwischen Begebenheit und Märchen liegt.

Von Anhalt erzählt es so: Als er Anfang der Achtziger nach Hollywood kam, merkte er schnell, wie die Leute hier tickten. Er checkte also im Beverly Hilton ein, mietete einen Rolls Royce, weiß, offenes Dach, engagierte zwei Studenten als Bodyguards und erkundigte sich, wo "denn hier die Post abgeht".

Showtime.

Um Punkt 8 fuhr er bei einer Party des Hollywood-Autors Sidney Sheldon am Sunset Boulevard vor. Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein, der Prinz in anhaltinischer Gardeuniform, im weißen Cabrio mit seinen beiden Gorillas. Die Security winkte ihn an den Anfang der Limousinen-Schlange.

Zwei Leben in Geschichten

Da stand er dann. "Vor der ganzen alten Hollywood-Meute." Plötzlich tat sich die Menge auf: Zsa Zsa Gabor. Auf Deutsch sprach sie ihn an: "Du bist doch der Prinz." Und dann stellte sie ihn allen als ihr Freund vor.

Gabor sagte später, ihr habe sofort gefallen, wie er aussah, wie er redete, wie dieser unbekannte Mann sich völlig ungeniert vor die exklusive Gesellschaft Hollywoods stellte. Diese Lust auf Ruhm, auf Aufmerksamkeit. Vielleicht war es das, was die beiden sofort verband.

Er, der so tat, als sei er europäischer Hochadel und nicht der Sohn eines Kriminalrats aus Rheinland-Pfalz. Sie, die gerne behauptete, von Kemal Atatürk entjungfert und von Conrad Hilton vergewaltigt worden zu sein.

Überprüfen lassen sich von Anhalts Geschichten nur schwer. Ansätze scheinen zu stimmen, das erste Treffen, die Auftritte bei Filmbällen und im Weißen Haus.

Andere, spätere Behauptungen sind dubioser: Dass er der Vater von Anna Nicole Smiths Baby sei; dass er von drei Frauen ausgeraubt und nackt und mit Handschellen gefesselt in seinem Rolls Royce zurückgelassen wurde; dass er sich aus Versehen die Augenlider zugeklebt habe.

"Die Gabors haben sich die Fakten immer so gedreht, wie sie es gerade brauchten", sagte die Society-Kolumnistin Cindy Adams mal der "Vanity Fair". Das trifft es vermutlich am besten. Charmante Hochstapler.

Seit fast 30 Jahren sind sie verheiratet, seit mehr als zwölf Jahren kümmert er sich um seine Frau, die körperlich am Ende und geistig vielleicht "noch zu 40 Prozent da ist", wie er es sagt. Ob ihm das jemand danke? Seine Augen werden feucht: "Wenn ich erbe, dann habe ich es verdient."

Wie viel von dem alten Vermögen noch da ist - man weiß es nicht. Angeblich verlor sie durch den Wall-Street-Betrüger Bernie Madoff Millionen.

Von Anhalt zündet seine halbe Zigarre noch mal an, blickt über Los Angeles, wo er so viel erlebt hat. Die einzige Frau, die an meiner Seite bleibt, sagte er damals. Heute ist er der einzige Mann an ihrer.



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
kopfschütteler 22.02.2015
1. Probleme mit dem Raum-Zeit-Kontinuum ...?
Soweit ich weiß, wurde die potthässliche Hütte von Familie Gabor-Lichtenberg bereits 2013 verkauft - nachdem sie zuvor mal 28 Mio. kosten sollte, dann wieder nur 11 Mio. und zwischendurch auch mal an die Kette gelegt werden musste. Und wenn wir schon dabei sind: Nach Immobilienpreisen gerechnet, ist Bel Air wirklich nicht die beste Wohngegend im Dunstkreis von Beverly Hills. Immer schön aufpassen beim Recyceln alter Meldungen.
ruzoe 22.02.2015
2. Manchmal
schaudert's einen so schön, wenn kurz vor der Oscar-Verleihung auch SPON einen Quickstep zum humanoiden Trash Hollywoods unternimmt...
BruceWayne 22.02.2015
3.
Also ich weiß nicht, muss das echt jetzt unbedingt der unterste trash von ganz unten sein? Mich würde mal interessieren, ob das Team für die "Gastfreundschaft" vom "Prinzen", der ja wirklich manchmal ziemlich blaues Blut hat, ne Rechnung präsentiert bekommen hat. Ist schon mal vorgekommen... Liebes USA Team: there are much more interesting topics in tinseltown...
äppler 22.02.2015
4. Einfach nur peinlich,
so wie der Mann anraucht, lassen andere die Zigarre ausbrennen.
gorgias.2 22.02.2015
5.
"Und dann stellte sie ihn allen als ihr Freund vor." Ob das Sujet dieses aufwendigen Artikels und auch der US-Besuch des Teams dem Spiegel angemessen ist, darüber lässt sich streiten, jedoch die Grammatik sollte wenigstens stimmen.
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