Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Beauty-Tortur für die Oscars: "... und am nächsten Tag wirst du niedergemacht"

Von

Oscars: Tortur für den roten Teppich Fotos
REUTERS

Hollywood vergibt am Sonntag die Oscars, und auf dem roten Teppich muss alles sitzen: Kleid, Oberweite, Lächeln. Die Stars bereiten sich wochenlang darauf vor - auf drastische Weise.

Die "Award Season", wie die Amerikaner die vielen Preisverleihungen im Winter nennen, ist vor allem für weibliche Stars oft eine Tortur aus Diäten, Fitness und in manchen Fällen sogar kosmetischen Eingriffen.

Der Tag, an dem Julianne Moore mit ihrem Programm begann, war der Tag, an dem sie für einen Golden Globe nominiert wurde. "Es ist so unfair, die Globes finden nur 13 Tage nach Weihnachten statt", sagte die Schauspielerin der "Sunday Times". Also sei sie nach einem Familienurlaub mit vielen Piña coladas in Panik geraten. "Ich war verzweifelt." Sie machte eine Saftkur, gefolgt von einer strikten Diät, was "sehr langweilig, aber auch effektiv" gewesen sei. So viel Ehrlichkeit in Sachen Selbstkasteiung hört man selten von Schauspielerinnen.

Die Award-Saison gipfelt mit dem Gang über den roten Teppich bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles. Er gilt nicht umsonst als wichtigster Laufsteg der Welt.

Die großen Couture-Roben der berühmtesten Designer - für diesen Abend werden sie gefertigt. Wer hier eine gute Figur macht, dem winken millionenschwere Werbeverträge mit renommierten Mode- und Kosmetikhäusern.

Gleichzeitig sind die wenigen roten Meter vor dem Dolby Theatre in Los Angeles ein gnadenloser Laufsteg. Hochauflösende Kameras, grelle Scheinwerfer, Schnappschüsse aus jedem Winkel, die sofort in den sozialen Medien landen. "Es ist brutal", sagte Nichola Joss der "New York Times". Sie ist Kosmetikerin aus London, die unter anderem Stars wie Keira Knightley und Gwyneth Paltrow behandelt. "Man sieht jeden Haarfollikel, jeden Pickel, bevor er überhaupt ein Pickel ist."

In der Woche vor den Oscars ist Los Angeles noch mehr als sonst von Stylisten, Kosmetikerinnen und Schönheitschirurgen bevölkert. Renommierte Beauty-Stars wie Joss kommen für die Zeit extra an die Westküste. Am Perfektionismus dieser Veranstaltungen hängt eine ganze Industrie. Eine Industrie, in der es zum guten Ton gehört, sich die Augäpfel aufhellen zu lassen.

Botox gegen Schweiß und Schmerzen

Zähne bleechen, Lippen aufpolstern, chemische Hautpeelings und ein falscher Teint, den sich viele in der Woche vor den Oscars in der St.-Tropez-Suite im Four Seasons aufsprühen lassen - das gehört neben den strengen Diäten zum Standardrepertoire der Vorbereitungen.

Extremer sind kleinere Eingriffe, die beim Durchhalten auf dem roten Teppich helfen sollen. Botox wird längst nicht mehr nur gegen Falten gespritzt, sondern auch unter die Achseln und die Füße - es soll das Schwitzen unter den Kleidern und die Schmerzen in den hohen Schuhen stoppen.

Immer mehr Schönheitschirurgen sind außerdem auf Fettabsaugungen spezialisiert, die minimal invasiv durchgeführt werden. Beliebte Stelle: unter den Schultern, direkt über dem Kleideransatz. Aaron Rollins beispielsweise hat eine Praxis in Beverly Hills, in der er auch kurzfristig Speckröllchen weglasert. "Die Kleider von Hervé Léger sind sehr gut für mein Geschäft", sagte er lapidar dem "New York Magazine". "Weil sie wirklich nichts der Vorstellungskraft überlassen."

"Was meinen Sie, wie wir die Fashion Week durchhalten?!"

Wie akzeptiert solche Maßnahmen sind, zeigt sich spätestens bei den diesjährigen Geschenktüten, die an Oscarnominierte verteilt werden sollen. Neben allerlei teurem Zeug beinhalten diese einen Gutschein für die sogenannte Vampir-Bruststraffung - nur für die Damen versteht sich. Dabei wird der Patientin Blut abgenommen, plättchenreiches Plasma extrahiert, und dann in die Brüste injiziert.

Angeblich werden vor der Oscargala außerdem reihenweise Beruhigungsmittel wie Xanax geschluckt, oder auch Schmerztabletten: "Wenn die Füße wirklich weh tun, schmeiß eine Advil rein", sagte zu dem Thema eine Moderedakteurin der "Marie Claire". "Was meinen Sie, wie wir die Fashion Week durchhalten?!"

Der Ton ist ebenso gnadenlos wie das Geschäft. Zwar wehren sich immer mehr Schauspielerinnen gegen diesen unerbittlichen Perfektionismus. Zuletzt machte beispielsweise Sofia Vergara öffentlich, dass sie von "Preisverleihungen blutend nach Hause" komme, weil sie ihren Körper in die Kleider buchstäblich einschnüren müsse.

Weniger kritisch ist Selbstdarstellerin Kim Kardashian eingestellt, sie verrät schlicht stolz ihre Tricks.

Today on my app see the red carpet cleavage tape trick I've been doing for years!

Ein von Kim Kardashian West (@kimkardashian) gepostetes Foto am

Vergangenes Jahr beteiligten sich Stars wie Reese Witherspoon an der Kampagne #AskHerMore, die forderte, dass Schauspielerinnen auf dem roten Teppich tiefgründigere Fragen als "Wen tragen Sie?" gestellt werden. Mit mäßigem Erfolg, denn: Wer nicht perfekt aussieht, bekommt statt einem Werbevertrag Kritik oder das Prädikat "mutig" verpasst.

Selbst wer den Zirkus mitmacht - eine Garantie für die Sympathie der Kritiker gibt es nicht. Jennifer Lawrence sagte in der "Vanity Fair" nach ihrem Oscargewinn, der Gang über den Teppich sei "Folter". "Du musst posieren, während dich Leute anschreien, und am nächsten Tag wirst du einfach nur niedergemacht."

Die Oscars

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Oscars 2016: Die 10 Filme mit den meisten Nominierungen

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: