Treffen von Franziskus und Kirill Ein Männerkuss, der Putin gefällt

Nach fast tausend Jahren Zoff sollen katholische und orthodoxe Christen wieder zusammenfinden. Deswegen trafen sich Papst und Patriarch in Kubas Hauptstadt Havanna. Warum das ganz im Sinne des russischen Präsidenten ist - die Analyse.


So zelebriert man Geschichte. Schon vorab, im zwölfstündigen Anflug von Rom, verkündet Papst Franziskus in einem Tweet: "Das Treffen mit Patriarch Kirill ist ein Geschenk Gottes."

Dann, nach der Landung in Havanna, steht Kubas Präsident Raúl Castro bereit, den Pontifex maximus der Katholiken in den Präsidentensaal des Flughafens zu geleiten, wo der Moskauer Patriarch wartet. Drei Umarmungen, drei Küsse, die Mienen etwas angestrengt, das Lächeln leicht unterkühlt.

Die Türen schließen sich für zwei Stunden intimer Gespräche, bis sich beide wieder vor den Kameras aus aller Welt präsentieren und eine vorab penibel vorbereitete Erklärung unterzeichnen. Möge ihr Treffen dazu beitragen, die von Gott gewollte Einheit der Christen wiederherzustellen, heißt es darin.

"Wir sind Brüder", hat Franziskus an diesem Abend seinem Gegenüber mehrfach gesagt, "somos hermanos." Und irgendwann hat der genickt und gesagt: "Jetzt wird alles viel einfacher."

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Historisches Treffen: Rom-Papst küsst Moskau-Patriarchen

Der Schwenk zur innerchristlichen Versöhnung hat viele Motive, viele Väter. Darüber wird seit vielen Jahren verhandelt. Doch erst jetzt fanden sich zwei Protagonisten, die den ersten Schritt dazu taten. Das hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, dass im Nahen und Mittleren Osten, in Nord- und Zentralafrika Christen ihres Glaubens wegen vertrieben oder massakriert werden, orthodoxe wie römisch-katholische.

Doch es hat wohl auch mit den politischen Absichten von Russland-Präsident Wladimir Putin zu tun.

Der hat sich mit Franziskus schon mehrfach getroffen. Beide verstehen sich anscheinend gut, was man in Washington und London, vielleicht auch in Berlin, nicht unbedingt goutiert. Wenn das Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken gegen die westliche Syrien-Politik wettert oder den - westlichen - Militärangriff auf Libyen verurteilt ("Vor dem Angriff gab es nur einen Gaddafi, jetzt gibt es 50 davon"), dann ist das gewiss richtig. Aber es ärgert die Nato-Allianz und freut den russischen Regenten. Zumal Putin sich gerade als "Retter der Christen in Syrien" profilieren will.

Von Gott gesandt

Franziskus' Gesprächspartner Kirill hätte dem Druck aus dem Kreml, selbst wenn er gewollt hätte, kaum widerstehen können. Denn Putin habe den Patriarchen gut im Griff, heißt es in Moskau. Kirill fahre teure Autos, schreiben russische und internationale Medien, er habe neben seiner Luxuswohnung in Moskau eine Villa in der Schweiz, ein eigenes Flugzeug und vier Milliarden Dollar auf diversen Konten.

Auch seiner Kirche geht es ökonomisch offenbar sehr gut. 2010 hat sie ihre bei der Revolution 1917 enteigneten Kirchengüter dank Putin zurückbekommen. Regelmäßig fallen ihr üppige Spenden von staatsnahen Firmen wie Lukoil und Gazprom zu.

Im Gegenzug verkündet Kirill, Putin sei von Gott gesandt, und fordert seine Schäfchen auf, ihn zu wählen. Die orthodoxe Kirche in Moskau habe sich bewegt, sagen Kreml-Experten, weil die dortige Regierung das wolle. Dafür spricht auch, dass die eigentlichen Streitpunkte zwischen den Kirchenlenkern in Rom und in Moskau nach wie vor nicht abgeräumt sind. Sie sind nur plötzlich nicht mehr so wichtig.

Tausend Jahre Kirchenstreit

Vor knapp tausend Jahren hatten sich die Wege der römischen Westkirche und der damals auf Konstantinopel ausgerichteten Ostkirche getrennt. Bis dahin gab es ein paar Jahrhunderte lang nur eine Religion im römischen Weltreich, die christliche. Dann brach erst das Reich und bald, 1054, die Religion auseinander. Binnen Kurzem war man sich spinnefeind und blieb es, zumal beide, West- wie Ostkirche, mit internen Revolten und Abspaltungen genug zu tun hatten. Erst in diesem Jahr wollen sich, vermutlich Pfingsten auf der Insel Kreta, Vertreter aller orthodoxen Kirchen zum ersten Mal seit jener Zeit wieder zu einem Konzil versammeln. Hundert Jahre hat die Vorbereitung dazu gebraucht.

Da ging es zwischen den römischen Katholiken und den russischen Orthodoxen, obwohl die eigentlich viel weiter voneinander entfernt sind, deutlich schneller.

Schon Johannes Paul II. hätte gern seinen orthodoxen Kollegen in Moskau getroffen. Der führt die, mit etwa 150 Millionen Mitgliedern, größte Gruppe der insgesamt etwa 300 bis 400 Millionen auf 14 verschiedene Kirchen verstreuten Orthodoxen. Aber die entfremdeten Brüder in Moskau fanden es überhaupt nicht gut, dass die Römer in ihrem Zuständigkeitsbereich Diözesen eröffneten und Bischöfe installierten. Die wollten ihnen offenbar Mitglieder abwerben, so der Verdacht. Und nicht nur das: Seit dem Ende der Sowjetunion zanken sich etliche mit Rom verbändelte Kleinkirchen in der Ukraine und Weißrussland mit den Moskauer Orthodoxen um die Verteilung des nicht unbedeutenden Kirchenbesitzes.

"Du rufst mich und ich komme"

Auch Benedikt XVI. warb vergebens. Erst die neue politische, oft US-kritische Linie und die ganz eigene persönliche Art von Franziskus brachen das Eis in Moskau. Gerade einmal zwei Jahre dauerten die Verhandlungen. Und gleich zu Beginn machte Franziskus diese öffentlich. Im November 2014, auf dem Rückflug von einem Besuch in Istanbul - dem einstigen Konstantinopel, der Heimat der Orthodoxie - plauderte der römische Pontifex über seine Besuchsabsichten. Er habe Kirill am Telefon gesagt: "Ich komme dahin, wo du willst. Du rufst mich und ich komme."

Nun also sahen sie sich auf Kuba. Ein ganz unverfänglicher Ort für beide. Kirill war ohnehin dort zu Besuch, und Franziskus war ja unterwegs nach Mexiko und machte halt einen Zwischenstopp auf der Insel, die neuerdings gute Beziehungen mit Moskau und mit Washington hat.

Zuerst brachte der Vatikan die USA und Kuba zusammen, nun hilft Havanna dem "Heiligen Stuhl" und Moskau bei ihrer schwierigen Annäherung, witzelte man in Rom.

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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
thequickeningishappening 13.02.2016
1. Ein DIALOG ist
immer das beste Mittel des Austauschs zur Herstellung der Balance.
damp2012 13.02.2016
2. Von Gott gesandt...
... und von Putin bezahlt - Zitat: " Denn Putin habe den Patriarchen gut im Griff, heißt es in Moskau. Kirill fahre teure Autos, schreiben russische und internationale Medien, er habe neben seiner Luxuswohnung in Moskau eine Villa in der Schweiz, ein eigenes Flugzeug und vier Milliarden Dollar auf diversen Konten." Was bitte daran ist "christlich"? Es ekelt mich wirklich an - diese ganzen schrecklichen verlogenen Dramen im Namen der Religion, die alle nicht gewinnbringend für die Menschheit sondern nur für einzelne sind. Wer's glaubt...
unclesaaaam 13.02.2016
3. Ein interessantes Spiel des Schicksals...
...wenn man bedenkt, dass damals die Kirche für Millionen tote durch Kreuzzüge verantwortlich war und nun versucht, die großen Problemparteien zumindest im Glauben zu vereinen, um vielleicht ein schlimmes Ende zu verhindern. Sollten Sie damit Erfolg haben, wäre das für mich eine zumindest kleine Wiedergutmachung für das Leid, das die Kirche damals über Europa und Nahost gebracht hat.
analyse 13.02.2016
4. Wenn alles stimmt im Kommentar,wird die Verwirrung nicht kleiner:
Franziskus verurteilt den Sturz Gaddafis und die westliche Syrienpolitik (-hat er eine realistische Alternative und was wären die Voraussetzungen ?)Und:Kirill verkündet:Putin sei von Gott gesandt,und Moskau meint,Putin habe Kirill im Griff,und Putin verstehe sich gut mit Papst Franziskus !Was für eine Gemengelage !Na ja,wenns dem Frieden dient ?!
pcpero 13.02.2016
5. Ego cogito, ergo sum
Dieser Satz Descarte's trift auf diesenPapst zu wie kaum ein Anderer, ist doch dieser Versuch zur Reunion von Vernunft geprägt. Als Agnostiker ordne ich diesen Schritt eher Sozialpolitisch ein, stellt er doch ein wichtiges Signal an alle Kirchen dieser Welt dar: seht her, die Zeit der Vergebung, Versöhnung und Vereinigung ist da. Ganz wichtig auch das Signal, dass Unterschiede nicht zur Spaltung, sondern zum Aufeinanderzugehen und Voneinanderlernen bedeutet. Dieser Papst ist ein Macher.
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