Von Sabrina Frangos
Sie könnte Radieschen züchten, Rosamunde-Pilcher-Romane lesen oder anderweitig ihr Rentnerleben in Ruhe genießen. Doch für Elizabeth "Libby" Kosmala ist ein Leben ohne Sport und Wettkampf viel zu langweilig. Mit ihren 70 Jahren ist die Sportschützin aus dem Süden Australiens die älteste Teilnehmerin bei den Paralympics in London, mit ihrem Luftgewehr ist sie bereits zum elften Mal dabei: Rekord.
"Sport hält mich fit, und die Wettkämpfe pushen mich erst richtig, immer mein Bestes zu geben, härter zu kämpfen", sagt Libby Kosmala. Die Wangen der Rentnerin aus Adelaide glühen vor Begeisterung. "Wenn ich schieße, denke ich an nichts anderes." Ihre Antworten sausen genauso sicher, schnell und gerade heraus wie die Patronen aus ihrem Luftgewehr.
Schießen ist ein mentaler Sport, aber natürlich geht es auch um körperliche Stärke. Libby verfügt über beides.
Wenn die 70-Jährige sich auf dem Schießplatz befindet, ihr Luftgewehr anlegt, das Ziel anvisiert und konzentriert abdrückt, ist sie in ihrem Element. Sie manövriert ihren Rollstuhl gekonnt, ihre Hände zittern nicht, sie hat alles fest im Griff.
Seit ihrer Geburt ist Libby Kosmala querschnittgelähmt, Ärzte verletzten ihre Wirbelsäule. "Nur selten gibt es Dinge, die ich nicht machen kann", sagt Libby Kosmala. Wenn im Supermarkt etwas im obersten Regal liegt, fragt sie einfach nach Hilfe. Im Haus ist alles in erreichbarer Höhe, und es gibt selbstverständlich keine Treppen. Auch Autofahren ist kein Problem. Libby Kosmala hat genug Kraft in ihren Armen, um sich aus dem Rollstuhl in ihr Fahrzeug zu heben. Ihr Rollstuhl ist aus Leichtmetall. Sie faltet ihn zusammen, während sie im Wagen sitzt, und hebt ihn dann hinein. Wie eine 70-Jährige wirkt Libby Kosmala nicht. Sie ist fit - körperlich und geistig.
Bronze im Schwimmen, Gold mit dem Luftgewehr
Die Australierin ist eine Sportlegende. 1972 nahm sie in Heidelberg zum ersten Mal an den Paralympischen Spielen teil und gewann Bronze - im Schwimmen. Anschließend konzentrierte sie sich aufs Schießen. Seitdem sind nicht nur 40 Jahre vergangen, sondern auch viele erfolgreiche Wettkämpfe. "Ich weiß gar nicht genau, wie viele Medaillen ich gewonnen habe", sagt Libby Kosmala. Allein neunmal holte sie paralympisches Gold, zuletzt 1988 in Seoul.
In London lief es für die älteste Teilnehmerin der Spiele nicht so gut. Sie landete im Luftgewehr-Finale auf dem achten und damit letzten Platz. "Wenn du im Finale bist, dann willst du eine Medaille. Also bin ich natürlich enttäuscht", sagt Libby Kosmala, deren Kontrahentinnen gut ihre Töchter oder sogar Enkelinnen sein könnten.
Libby Kosmalas Medaillen-Berg, den die Power-Frau sicher in einem Karton unter ihrem Bett aufbewahrt, ist also nicht weiter gewachsen. Ab und zu holt sie eine Plakette heraus und zeigt sie vor, wenn sie an Schulen oder auf Veranstaltungen Vorträge hält.
Ihre internationale Karriere wird die Australierin nun wohl beenden. "Auf nationaler Ebene schieße ich aber wahrscheinlich noch ein bisschen", sagt die 70-Jährige. Ob sie ihr Trainingspensum reduziert, ist aber fraglich. Libby Kosmala fährt jeden Morgen fünf Kilometer in ihrem Rollstuhl. Einfach die Straße hoch und runter. So wie andere täglich ihre Strecke ums Haus joggen. Danach folgen vier Schießübungen. Und wenn sie nicht schießt, denkt sie daran - mentales Training.
"Wir zogen vor Gericht, kämpften und gewannen"
Auf ihre Hände gibt sie besonders acht und cremt sie viel ein. Denn ihre Hände sind ihr Kapital. Mit ihnen treibt sie den Rollstuhl voran, hält das Gewehr sicher, drückt präzise ab, pflegt die Beete in ihrem Garten und spielt mit ihren Enkeln. In ihrer Leidenschaft für Bewegung findet sie Ruhe.
In ihrem Leben hat sich Libby Kosmala nie diskriminiert gefühlt, sagt sie. Aber es gab doch eine Situation, in der sie sich besonders behaupten musste - vor Gericht. Vor einiger Zeit gewann sie einen Wettkampf der Vereinsmeister, der vom südaustralischen Kleinkaliberverein organisiert wurde. Die Trophäe erhielt sie allerdings nicht. Die Begründung: Nach internationalen Regeln müsse aus unterschiedlichsten Positionen geschossen werden, auch im Stehen. Libby Kosmala wurde disqualifiziert.
"Ich habe den Wettbewerb gewonnen und die Trophäe war ein Teil davon. Es ging mir nicht um den Pokal, sondern ums Prinzip", sagt sie. "Wir zogen vor Gericht, kämpften und gewannen. Seitdem bindet der Verband in Südaustralien Sportler mit Behinderung in einige Wettkämpfe ein."
Für Libby Kosmala sind Sportler einfach Sportler. Wichtig ist für sie nur, wie sie sich im Wettkampf schlagen: "Vor einigen Wochen war ich in Hannover. Dort haben Nichtbehinderte gegen Menschen im Rollstuhl geschossen, und wir waren alle gleich und ebenbürtig. Das war einfach großartig."
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