Pfarrerprotest gegen Papstbesuch: Ein Käfig für Benedikt

Von Christian Gehrke, Jena

Jugendpfarrer Lothar König ist ein kritischer Kauz, er engagierte sich gegen das DDR-Regime, protestierte gegen G8 und Castortransporte - nun ist Benedikt an der Reihe: Gemeinsam mit Jugendlichen protestiert er gegen den Papstbesuch.

Protest gegen Papstbesuch: Warum ein Pfarrer Benedikt einfangen will Fotos
Sebastian Jung

"Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden, was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!" Jesus sagte das, Lothar König zitiert die Bibelstelle, es ist ihm die liebste. König ist evangelischer Jugendpfarrer in Jena, Jesus sei ein Vorbild, sagt er und macht deutlich, wie Jesus-Zitat und eigene Persönlichkeit zusammenhängen: "Ich bin ein Provokateur, seitdem ich denken kann."

Keiner, der ihn kennt, wird ihm widersprechen. Er lehnte sich gegen das DDR-Regime auf, protestierte gegen G8 und den Castortransport - nun ist der Papst an der Reihe. Gemeinsam mit seinen Jugendlichen hatte er im Rahmen eines Projekts ein Bambusgerüst gebaut, das sie "Papst-Käfig" nannten. Um Benedikt einzufangen, sollte er nach Jena kommen, so wurde gespottet. Auf der Oberseite war ein Flaschenzug zum Hochziehen befestigt.

Das Bambusgerüst existiert inzwischen nicht mehr, Jena stand nie auf dem Programm des Papstbesuchs. Doch was bleibt, ist die Idee, die Kritik, der Protest gegen den Papst.

Für König diente die symbolische Aktion nichts Geringerem als der Verteidigung Thüringens, "das ist Protestantenland". Er könne die Toleranz und den "Kniefall" einiger evangelischer Kollegen nicht verstehen, schließlich erkenne die katholische Kirche die evangelische nicht an. "Was will der Typ hier?", fragt König, er raucht Kette, während er spricht, die Kippen verschwinden fast in seinem Bart.

"Jugendliche sind von Natur aus radikal"

Benedikt solle nach Bayern fahren, "der geplante Besuch in Erfurt ist eine Frechheit". Wenn Benedikt aber schon mal da sei, solle er sich wenigstens für den Umgang der Kirche mit Martin Luther und für alle ihre weiteren Untaten entschuldigen. Punkt.

König ist ein kritischer Kauz, doch er erreicht seine Jugendlichen. Seine Gemeinde gilt als Auffangbecken für schwierige Teenager. König gibt ihnen Selbstbewusstsein, macht sie stark im Kampf gegen Rechtsextremismus. "Jugendliche sind von Natur aus radikal. Meine Aufgabe ist es, diese Radikalität in die richtigen Bahnen zu lenken", so beschreibt König seinen Job. Er erhielt mehrere Auszeichnungen für seine Arbeit. Jena steht hinter ihm.

Auch Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, betont zunächst einmal ihr Verständnis für König, spricht man sie auf den Pfarrer an. "So ist er eben", sagt sie, "er möchte abseits des Mainstreams stehen." Auch sie wünscht sich, der Papst solle die evangelische Kirche anerkennen, wenn er nach Erfurt kommt, doch bei der Aktion mit dem "Käfig" hört ihr Verständnis dann doch auf. "So sollte man dem Oberhaupt der katholischen Kirche nicht entgegentreten, das ist nicht würdig."

"Kein einfacher Zeitgenosse"

König ist Kritik gewohnt, seitdem er provoziert, was bedeutet: seitdem er ein Kind war. In der vierten Klasse bemalte er ein Foto von DDR-Staatschef Walter Ulbricht und wäre fast von der Schule geflogen. Als Jugendlicher schrieb er nach dem Einmarsch der Roten Armee in Prag " Dubcek" an eine Hauswand. Seine Wohnung wurde daraufhin durchsucht.

Er geriet in das Visier der Staatssicherheit, durfte nicht studieren. Nach einer Ausbildung zum Diakon wurde er Pfarrer. Zur Wendezeit gehörte er zu den führenden Oppositionellen der DDR. Er wurde verhört und beschattet. Heute sind seine Gegner andere, doch sein Engagement ist ungebrochen. Mit seinem blauen VW-Bus, ausgestattet mit einer bei Demos nützlichen Lautsprecheranlage, tingelt er von Protest zu Protest.

So war es auch am 19. Februar, als in Dresden Rechtsextreme aufmarschierten. Es kam zu Ausschreitungen, König wird vorgeworfen, Demonstranten zur Gewalt gegen Polizisten aufgefordert zu haben. Er bestreitet das. Gegen ihn läuft derzeit ein Verfahren wegen "aufwieglerischen Landfriedensbruchs", ihm droht eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten. Anfang August wurde sogar seine Dienstwohnung durchsucht, doch der Jugendpfarrer bleibt gelassen. "Ein halbes Jahr Gefängnis ist doch lächerlich. Auch dort lebt man weiter und sammelt Lebenserfahrung", sagt König sarkastisch.

"Lothar König geht einen weiten Weg, aber so, dass die Jugendlichen nicht zu weit gehen", erklärt Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD). Klar sei aber auch: "König ist kein einfacher Zeitgenosse."

Das Gegenteil wäre für König eine Beleidigung.

Anmerkung der Redaktion: Eine erste Version dieses Artikels erweckte den Eindruck, der "Käfig" würde noch existieren. Tatsächlich wurde das Bambusgerüst, das im Rahmen eines Graffiti-Projekts entstanden war, Anfang Juli zerstört. Darauf weist die Junge Gemeinde Stadtmitte hin. Die entsprechenden Passagen wurden geändert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Solch...
olaf m. 21.09.2011
Zitat von sysopJugendpfarrer Lothar König ist ein kritischer Kauz, er engagierte sich gegen das DDR-Regime, protestierte gegen G8 und Castortransporte - nun ist Benedikt an der Reihe: Gemeinsam mit Jugendlichen hat er einen Käfig gebaut. Damit will er den Papst einfangen. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,785294,00.html
...einen Pastor hätte ich mir zu meiner Konfirmation 1970 gewünscht. Da war die katholische Kirche schon als Aktionär bei Dow Chemicals engagiert und ich habe es nicht verstanden...: "Zur Zeit des Vietnamkrieges stellten Dow Chemical und Monsanto das dioxinhaltige Entlaubungsmittel Agent Orange her, durch dessen Einsatz tausende Vietnamesen und auch amerikanische Soldaten gesundheitlich geschädigt wurden. Bis heute kommt es zu einem vermehrten Auftreten von Schwangerschaftsschäden und Fehlbildungen unter der betroffenen Bevölkerung. Ein Schadensersatzprozess scheiterte 2006 in Vietnam, da ein wissenschaftlicher Nachweis des Zusammenhangs zwischen den Gesundheitsschäden und Agent Orange nicht erbracht werden konnte. Die Unternehmen lehnten die Übernahme der Verantwortung mit der Begründung ab, dass der Einsatz durch das US-Militär außerhalb ihrer Einflussnahme lag. Dow Chemical stellte ebenfalls den geächteten Kampfstoff Napalm her. Die grausamen Verletzungen der Getroffenen wurden durch die Medien weltweit verbreitet. Dies führte noch während des Vietnamkrieges zu großen öffentlichen Protesten gegen Herstellung und Einsatz des Mittels. Nach Rückversicherung des Dow-Chemical-Managements gegenüber dem US-Verteidigungsministerium, juristisch nicht zur Verantwortung gezogen werden zu können, wurde eine Einstellung der Produktion abgelehnt." Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Dow_Chemical
2. Früher als Jugendlicher
Ridcully 21.09.2011
fand ich sowas auch toll, heute ... "er möchte abseits des Mainstream stehen." - nja, das ist mittlerweile ja selbst ein Mainstream ... Zudem scheint es sich ja um einen eher militanten Protestanten zu handeln - ohne kritischen Blick auf den Antisemiten und Bauernfeind Luther.
3. .
ThomasBernhard 21.09.2011
Ganz toller Typ, dieser evangelische Berufsjugendliche. Cleveres Konzept sein lutheranisches Stammland mit diesem Käfig vor dem Papst zu schützen. Sonst laufen seine Schäfchen, diese unberechenbaren radikalen Jugendlichen, am Ende noch über zu einer unzeitgemäßen Kirche, die man ernstnehmen kann.
4. zeitgenössische Dämlichkeit
toskana2 21.09.2011
Zitat von sysopJugendpfarrer Lothar König ist ein kritischer Kauz, er engagierte sich gegen das DDR-Regime, protestierte gegen G8 und Castortransporte - nun ist Benedikt an der Reihe: Gemeinsam mit Jugendlichen hat er einen Käfig gebaut. Damit will er den Papst einfangen.
Die Dämlichkeit unerer Zeitgenossen, die sie als Monstranz vor sich her tragen und damit obendrauf auch noch kokettieren, ist schlicht grenezenlos. Warum sollte ein evangelischer Pfarrer davor gefeit sein?! Wutbürger ist ohnehin ein Zeitgeist-Syndrom mit epidemischen Tendenzen, das nur Aufschluss darüber gibt, wie unglücklich die Betroffenen doch sind.
5. Ein Käfig für Benedikt - oder seinen Glaubensvorgaben
samide 22.09.2011
* Vor dem Papst schützen ? – indirekt ja! Geschützt werden sollten wir von den sehr weltfremden Glaubensvorgaben (Dogmen und Glaubenssätze) der Amtskirche und der Zölibatsbestimmung, die eine Negativselektion bei der Auswahl für den Priesterberuf bewirkt. Der Papst sollte das Buch „Wer lügt – Gott oder die Kirche?“ lesen, das die katholische Kirche in einem anderen Licht erscheinen lässt!
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