Konstanzer Pianist auf Taksim-Platz "Die Stimmung war gigantisch"

Auf dem umkämpften Taksim-Platz von Istanbul setzt sich ein Künstler an einen Flügel und beginnt zu spielen. Im Interview erzählt Davide Martello aus Konstanz, wie Polizisten und Demonstranten innehielten und warum er selbst zu weinen begann.

Von Julia Jung


Es ist ein unwirkliches Bild: Taksim-Platz, zehn Uhr abends, die Schaulustigen haben den Platz mittlerweile verlassen, übrig geblieben sind nervöse Demonstranten und erschöpfte Polizisten. Einige Erdogan-Gegner bereiten sich hinter den Barrikaden auf eine lange Nacht vor, die Ersten sammeln vorsorglich schon mal ein paar Steine ein.

Plötzlich taucht ein junger Mann auf, schlank, längeres braunes Haar, Sommerhut und weißes T-Shirt. Es ist Davide Martello, 31 Jahre alt, ein Künstler aus Konstanz.

Vor sich schiebt er einen Konzertflügel auf den Platz. Er stellt sich mitten zwischen Demonstranten und Polizisten und fängt an zu spielen. "Imagine" von John Lennon. Langsam nähern sich die ersten, schnell bildet sich eine Menschentraube um den Pianisten.

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Macht der Musik: Klavierkunst beflügelt Taksim-Platz
Auf dem Platz wird es dunkel, zwischen den Lichterblitzen der Handykameras strahlt der Flügel unter seiner sanften blauen Beleuchtung. Wie magisch ziehen die bewegenden Klänge die Zuhörer an. Irgendwann wird die Menschenmasse so groß, dass sich die Zuhörer neben den 20 Meter entfernten Polizisten niederlassen. Sie nehmen die Bauhelme ab, die sie vor herumfliegenden Steinen und Wasserwerfern schützen sollen. Sie sitzen den Polizisten fast schon auf den schwarzen Stiefeln, diese lassen sie gewähren, wie Zuschauer berichten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Martello, was hat Sie mit Ihrem Flügel auf den Taksim-Platz verschlagen?

Martello: Ich war eigentlich gerade mit meinem Flügel in Sofia unterwegs und wollte mich auf den Heimweg nach Konstanz machen, als ich von der angespannten Lage in Istanbul hörte. Ich habe bemerkt, dass es da nicht nur um einen Platz geht, sondern um eine Bewegung, um Demokratie. Ich wollte die Menschen unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann haben Sie sich einfach auf den Platz gestellt und gespielt?

Martello: Ja, zuerst war niemand da. Als ich ankam, sah ich einen chaotischen Platz, übersät von Schutt und Steinen. Es sah aus wie eine riesige Baustelle. Dann kamen die Ersten an. Am Ende waren es Hunderte. Sie haben sich direkt um mich herum hingesetzt und zugehört. Bis zwei Uhr nachts habe ich gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die Polizei dazu gesagt?

Martello: Die hat sich milde gezeigt und mich nicht angerührt. Am Anfang hatte ich Angst, auch um meinen Flügel, ich wusste ja nicht, wie sie reagieren würde. Die Polizisten haben teilweise sogar mitgehört, sich hingesetzt, ihre Schilde und Helme abgelegt und der Musik gelauscht. Das war sehr bewegend. Es war eine allgemeine Entspannung zu spüren: Keine Proteste, kein Gas, keine Steine.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre Botschaft an die Menschen auf dem Platz?

Martello: Redet miteinander! Ohne irgendwelche Gase zu sprühen. Steht euch entspannter gegenüber, trinkt einen Chai und fangt endlich an zu kommunizieren. Ich habe für beide Seiten gespielt, die Polizei und die Demonstranten.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Klaviermusik zwischen Tränengas und Steinewerfern denn verändern?

Martello: Ich sehe mich mit meiner Musik als eine Art Friedensbotschafter. Dabei ist der Flügel nicht nur mein musikalisches Instrument, er verkörpert auch westliche Werte wie Demokratie und Frieden, für die ich einstehe. Meine Musik strahlt eine positive Energie aus und sie kann Menschen inspirieren. Das ist wichtig, die Leute müssen sich inspirieren lassen, um von ihren sturen Standpunkten wegzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Und hat es funktioniert?

Martello: Das weiß ich nicht, aber die Reaktionen waren toll und überwältigend.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Martello: Sobald ich mit einem Lied aufgehört habe, hat die Menge angefangen zu jubeln. Ich habe nicht verstanden, was sie riefen, aber ich habe einfach mitgegrölt. Die Stimmung war gigantisch. Alle Aggressionen waren einfach weg. Einer sagte mir später: "Du bist über Nacht zu so etwas wie einem Nationalheld für uns geworden."

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Istanbul: Die Nacht der Gewalt

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Liedern haben Sie die Massen denn so begeistert?

Martello: Mit allen möglichen. Gefühlte tausend Mal musste ich "Imagine" von John Lennon und "Let It Be" von den Beatles spielen. Ich habe aber auch klassisches von Bach gespielt und spontan ein Lied für Istanbul komponiert - "Lightsoldiers". Irgendwann kam ein Istanbuler, hat sich neben mich gesetzt und türkische Balladen gespielt. Alle haben mitgesungen. Das war so bewegend, da musste selbst ich anfangen zu weinen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, Sie konnten mit Ihrer Musik weitere Aufstände verhindern?

Martello: Na ja, das weiß ich nicht. Manche haben mir nach dem Auftritt gesagt, ich hätte sie vor weiteren Ausschreitungen bewahrt. Andere meinten, sie hätten sowieso keine weiteren Proteste für den Abend geplant gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie weiterspielen?

Martello: Das weiß ich noch nicht. Ich weiß nicht, welche Wirkung ich hier auf die Politik habe. Aber das Feedback der Menschen gibt mir viel Energie.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
sechsender 14.06.2013
1.
Meine tiefe Verneigung! Wenn Lennon das wüßte!!!
optional_muenchen 14.06.2013
2. spannend...
ich frage mich nun, was die AKP-Claquere gegen diesen Pianisten alles zu Felde führen werden. Danke SPON.
pfaffae 14.06.2013
3. Es gibt sie noch ...
Zitat von sechsenderMeine tiefe Verneigung! Wenn Lennon das wüßte!!!
die Wunder, und die Menschen, die sie vollbringen.
postbote101 14.06.2013
4. Wow
Zitat von sysopGetty ImagesAuf dem umkämpften Taksim-Platz von Istanbul setzt sich ein Künstler an einen Flügel und beginnt zu spielen. Im Interview erzählt Davide Martello aus Konstanz wie Polizisten und Demonstranten innehielten und warum er selbst zu weinen begann. http://www.spiegel.de/panorama/leute/pianist-martello-spielt-auf-dem-taksim-platz-in-istanbul-a-905685.html
Bevor das nächste Mal wieder ein Politiker oder noch dümmer, eine "EU" einen Friedensnobelpreis überreicht bekommen, sollte sich das Kommitee eventuell mal solche Menschen anschauen. Menschen, die von sich aus mit wenig, viel erreichen können. Auch wenn der Konflikt deswegen nicht beendet ist, so hat ein bisschen Musik die "Waffen" zumindest für einen Augenblick zum schweigen gebracht. Das hat bisher kein Politiker geschafft. Er ist ein schönes Beispiel dafür, daß es auch andere Wege gibt als Tränengas und Wurfgeschosse. Imagine all the people...
epic_fail 14.06.2013
5.
Zitat von sysopGetty ImagesAuf dem umkämpften Taksim-Platz von Istanbul setzt sich ein Künstler an einen Flügel und beginnt zu spielen. Im Interview erzählt Davide Martello aus Konstanz wie Polizisten und Demonstranten innehielten und warum er selbst zu weinen begann. http://www.spiegel.de/panorama/leute/pianist-martello-spielt-auf-dem-taksim-platz-in-istanbul-a-905685.html
Das verdient ehrlichen Respekt! Aber bitte hören Sie auf, die Worte "Demokratie" und "Frieden" als "westliche Werte" zu deklarieren. Wir wissen doch alle, dass es keine Werte des Westens mehr sind.
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