Islamic Fashion Modezar Pierre Bergé kritisiert "Versklavung der Frauen"

In Frankreich ist ein Streit über sogenannte Islamic Fashion entbrannt. Anlass sind modische Kopftücher und Burkinis. Ein Designer solle nicht "Komplize einer Diktatur" sein, sagt Yves Saint Laurent-Gründer Pierre Bergé.

Marks & Spencer

Nach und nach entdeckt die Modebranche eine Zielgruppe, die sie bislang quasi ignoriert hat: muslimische Frauen. H&M zeigte unlängst in einem TV-Spot ein Model mit Kopftuch, Dolce & Gabbana produzierten eine Kollektion mit eleganten Abayas und die Kette Marks & Spencer ging mit einem Burkini, einem Ganzkörperbadeanzug in Serie.

Doch dieser Trend stößt nun auf Kritik aus den eigenen Reihen. "Ich finde das skandalös", sagte Pierre Bergé, langjähriger Lebenspartner des Modeschöpfers Yves Saint Laurent und Mitbegründer des gleichnamigen Modehauses.

Yves Saint-Laurent (r.) und Pierre Bergé 1990
AFP

Yves Saint-Laurent (r.) und Pierre Bergé 1990

Der 85-Jährige gab dem Sender Europe 1 ein Interview. Darin erklärte Bergé, er sei dagegen, dass Designer sogenannte Islamic Fashion - modische Kleidung für Musliminnen - machten. "Ich habe immer geglaubt, dass ein Modeschöpfer dazu da sei, Frauen schöner zu machen, ihnen Freiheit zu geben, und nicht Komplizen dieser Diktatur zu sein, die Frauen dazu zwingt, sich zu verstecken."

Er appellierte an seine Kollegen, auf das Geld aus dieser Sparte zu verzichten und sich an Prinzipien zu halten. "Diese Modeschaffenden sind Teil der Versklavung von Frauen." Auch die bekannte französische Designerin Agnès Troublé warnte davor, solche Bekleidung zu "verharmlosen".

Burkini bei M&S
Marks & Spencer

Burkini bei M&S

Das laizistische Frankreich, in dem mehr Muslime leben als in jedem anderen europäischen Land, ringt schon seit Langem um den richtigen Umgang mit muslimischer Kleidung. 2010 hatte das Land unter dem konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy ein Burkaverbot verabschiedet, das vom Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) bestätigt wurde. 2004 war an Frankreichs öffentlichen Schulen verboten worden, die Religionszugehörigkeit offen zur Schau zu stellen - was insbesondere auf muslimische Kopftücher abzielte.

So wird auch fernab der Modebranche heftig über das Angebot diskutiert. In Frankreich, das noch traumatisiert ist von den islamistischen Anschlägen vom 13. November, wird mit scharfen Worten über Mode, Religion und Frauenrechte gestritten - Kleidung wird zum Politikum.

Design von Dolce & Gabbana
AFP/ Dolce & Gabbana

Design von Dolce & Gabbana

Die Sozialistin Laurence Rossignol, französische Ministerin für Familie, Kinder und Frauenrechte, empörte sich in einem Interview über große Modefirmen wie Marks & Spencer, die schicke Kleidung wie den Burkini herstellten.

"Unverantwortlich" sei das von den Herstellern, wetterte die Ministerin: "Sie entziehen sich ihrer sozialen Verantwortung und werben in gewisser Weise für ein Einsperren des weiblichen Körpers." Als der Interviewer entgegenhielt, einige muslimische Frauen trügen die Kleidung aus freien Stücken und ganz bewusst, setzte Rossignol zu einem Vergleich an, den sie schnell bereuen sollte: "Es gab auch amerikanische Neger, die für die Sklaverei waren."

Über die Ministerin brach sofort ein Sturm der Entrüstung herein. Nicht nur wegen des Wortes "Neger", für das sie sich schnell entschuldigte. Der Präsident der Beobachtungsstelle für Islamfeindlichkeit, Abdallah Zekri, warf Rossignol eine "Stigmatisierung" muslimischer Frauen vor.

Die aufgeheizte Stimmung erklärt, warum der Streit um modische Burkinis so schnell ausarten konnte. Für den muslimischen Blogger Fateh Kimouche eine vollkommen unnötige Polemik: Das Angebot der großen Marken sei ganz einfach eine Reaktion auf die Nachfrage, "dahinter stehen keine dicken Bärtigen", sagt er. "Man sollte vielleicht ein bisschen pragmatisch sein."

gam/AFP



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