Pornostar Ron Jeremy: Der Traum des Igels

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In der Porno-Branche ist Ron Jeremy eine Legende. "Igel" wird der 59-jährige in der Szene genannt. Er lebte den Traum Millionen junger Männer, hat es weiter gebracht als die meisten Pornostars. Doch sein wahres Ziel scheint unerreichbar.

Pornodarsteller Ron Jeremy: "The Hedgehog" Fotos
SPIEGEL ONLINE

Berlin - Als Ron Jeremy 50 Jahre alt wurde, widmete ihm der amerikanische "Playboy" eine zwölfseitige Reportage. Ein Fan formuliert darin seine Begeisterung über den Pornodarsteller so: "Er vögelt sich fröhlich durch's Leben, wird niemals krank, ist immer glücklich, hat keine Nöte [...]. Sein Leben ist ein einziger langer Beischlaf. Keine Ehefrau, keine Sorgen, nichts hält ihn zurück, der ultimative freie Vogel. Wer hatte es jemals besser?"

Ron Jeremy ist klein, nicht sonderlich gut aussehend und sehr behaart. Seine Erscheinung hat ihm den Spitznamen "The Hedgehog" eingebracht, "der Igel". Trotzdem steht er als Mann mit den meisten Porno-Auftritten der Welt im Guinnessbuch der Rekorde. In den USA ist er eine Kultfigur. Die studentische Verbindung Tau Kappa Epsilon, eine der größten im Land, hat ihm die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Er fuhr in einer weißen Stretch-Limousine vor, die Studenten feierten ihn ekstatisch.

Nächstes Jahr wird Ron Jeremy 60 Jahre alt, und man kann sagen: Er hat den Traum Millionen junger Männern gelebt. Aber seinem eigenen läuft er hinterher.

Ron Jeremy ist zu Besuch auf der Erotikmesse "Venus" in Berlin, um Rum zu bewerben. Er trägt Jogginghose und T-Shirt, ausgelatschte Schuhe, keine Socken. Er kommt keine 30 Meter weit, ohne dass ihn jemand anspricht.

"Ich verdiene heute Geld, ohne das Bett zu verlassen", sagt er. Das war im Grunde schon immer so. Doch nun meint er etwas anderes. Er kann von seinen Merchandising-Artikeln leben: Grußkarten, T-Shirts, Zigarren, Uhren, Soßen, Truthahnfleisch, der Rum. Im Schnitt drehe er nur noch einen Porno pro Monat. "Ich bin ein sehr nostalgischer Mensch", sagt er. "Ich denke ständig zurück."

Es beginnt mit einem Nacktfoto im "Playgirl"

Ron Jeremy Hyatt wurde im März 1953 als Sohn eines Physikers und einer Lektorin geboren. Er studierte Lehramt und unterrichtete schwer erziehbare Kinder. Er träumte von einer Schauspielkarriere und versuchte sich in einigen Theaterstücken Off-Broadway in New York. Viel Geld verdiente er damit nicht. Seine Freundin schickte 1978 ein Nacktfoto von ihm für die Rubrik "Jungs von nebenan" an das "Playgirl"-Magazin - damals, mit 25, schleppte er noch deutlich weniger Kilos mit sich herum, es war der Startschuss für eine unvergleichlich lange Karriere in der Porno-Branche.

In der Dokumentation "Porn Star" (2001) gibt es eine Szene, in der Ron Jeremy sein Telefonbuch zeigt: Einen Aktenordner, voll mit knittrigen Din-A-4-Blättern, bis zur Unkenntlichkeit beschrieben mit Dutzenden Namen auf jeder Seite. Striche und Pfeile verbinden die Personen zu einem großen Netzwerk aus Kontakten. Seinen Erfolg verdankt Ron Jeremy nicht nur seiner beeindruckenden Manneskraft. Sondern auch einer besonderen Arbeitsethik.

Es scheint, als nehme er jede Veranstaltung mit, die er kriegen kann. Zuletzt war er in Amsterdam, Oslo und London. Über Florida ging es anschließend nach Las Vegas. Dann kam Berlin. Am Wochenende debattierte er in Michigan mit Kirchenmännern, die Pornos abschaffen wollen. Bevor er heimfliegt nach Hollywood, wo er mit seiner Schildkröte lebt, macht er wieder einen Abstecher nach Florida. "Ich habe die meiste Zeit wie ein Workaholic gelebt", erzählt er. Und noch immer verschwende er keinen Gedanken an den Ruhestand. "Mir würde langweilig werden."

Ron Jeremy sagt, er habe keine Angst in Vergessenheit zu geraten. "Mein Name ist zu bekannt. Es gibt zu viel Popkultur da draußen, um zu verschwinden. Ich war in zu vielen TV-Shows, mein Name ist auf so vielen Alben von Rockstars. Jay Leno macht immer noch Witze über mich. Diese Sorge beschäftigt mich nicht. Naja, vielleicht ein bisschen."

Fühlt er sich alt? Manchmal, sagt Ron Jeremy, aber seinem Körper gehe es gut. "Was mich am Älterwerden stört, ist der Tod, der näherrückt. Ich will nicht gehen. Wenn ich 200 Jahre alt werden könnte, würde mich das freuen."

"Es ist immer Platz für mehr"

Ron Jeremy ist weiter gekommen als die meisten Pornostars. Er hat den Sprung ins seriöse Geschäft zumindest ansatzweise geschafft. Er nahm einen Rapsong auf, der 1996 wochenlang in den Charts stand ("Freak of the Week"). Er steht als Comedian auf der Bühne, gibt den lustigen Porno-Onkel. Und er arbeitete stets an seinem großen Traum, ein "normaler" Schauspieler zu werden. Doch er wird immer noch vor allem als Ron Jeremy wahrgenommen, "der Igel". Selten als Ronald Hyatt, der Schauspieler.

Immer wieder betont er im Gespräch, bei welchen Filmen er mitgewirkt hat - auch ungefragt. Da sind seine Beraterjobs bei 9 1/2 Wochen und Boogie Nights ("Ich hatte auch eine Szene, aber die wurde rausgeschnitten"). Oder sein Engagement bei "Aristocrats" ("Da bin ich in den Extras.") In "Ronin" wurde seine Szene ebenfalls herausgeschnitten. In "Boondock Saints" wurde er schnell erschossen.

"Mein Ziel war immer das gleiche", sagt Ron Jeremy. "Ich will mehr und mehr Mainstream-Filme machen. Mit denen wird man automatisch berühmter." Häufig spielt er in B-Movies sich selbst, es sind kurze Cameo-Auftritte.

In einem Interview hat er einmal gesagt, er sei so naiv gewesen zu denken, Pornos könnten ihm zu einer echten Schauspielkarriere verhelfen. Darauf angesprochen sagt er heute: "Sie haben mir geholfen." Immerhin haben sie ihn bekannt gemacht.

Ron Jeremy ist weiter gekommen als die meisten Pornostars. Aber nie an sein Ziel. "Es ist immer Platz für mehr", sagt er. "Selbst De Niro hat sich beschwert, er sei kein Marlon Brando. Niemand ist völlig zufrieden. Jeder Mensch will jemand anderes sein, verstehen Sie?"

Während Jeremy auf dem Gelände der Messe wartet, kommt eine attraktive blonde Frau vorbei. Sie haut ihm zur Begrüßung auf den Hintern, er zieht ihr das Bikinioberteil runter, was folgt, ist Porno. Eine nackte Brust, ein Griff in den Schritt, ganz routiniert. Das alles passiert so selbstverständlich, wie andere Menschen sich die Hand schütteln. "Der Igel" ist in seinem Element.

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