Gunter Sachs: Das letzte Geheimnis

Gunter Sachs hatte ein Leben, wie es intensiver kaum gelingen kann: Er war reich, umgab sich mit Schönheiten, half Menschen in Not. Warum aber ertrug er sein Leben nicht mehr? In einer von SPIEGEL TV produzierten Dokumentation spricht nun seine Familie erstmals über das Leben des einstigen Playboys.

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Warum war einer des Lebens müde, der mehr als ein Dutzend Häuser an den schönsten Ecken der Erde bewohnte? Den man auch mit knapp 80 Jahren immer noch in Begleitung der schönsten Frauen sah? Und der mehr Vermögen besaß, als ein einzelner Mensch überblicken kann? Es gab niemanden, der nach seinem Tod nicht respektvoll über ihn hätte reden wollen.

Auch jetzt, da seine Frau Mirja und seine drei Söhne zum ersten Mal von ihrem Leben mit ihm erzählen: kein anklagendes Wort. Keine verletzten Gefühle. Es ist, als habe es in seinem Umfeld nur Menschen gegeben, die bereit waren, alles für ihn zu tun.

Trotzdem setzte sich Gunter Sachs an jenem 6. Mai 2011 an seinen Computer und schrieb: "… Ich habe durch die Lektüre einschlägiger Publikationen erkannt, an der ausweglosen Krankheit A. zu erkranken … Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten."

"Er hat alles perfekt inszeniert"

Einen Arzt hatte er zu diesem Thema nicht konsultiert. Auch die Familie hatte nichts von einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung bemerkt. Er war nie ohne Orientierung herumgeirrt.

Die Art und Weise, wie er seine Finanzen vor seinem Tod geregelt hatte, sprach erst recht nicht für einen verwirrten Kopf. Überall auf der Welt hatte er in Immobilien investiert oder sich an verschachtelten Finanzfirmen beteiligt. "System Sachs" nannte die "Süddeutsche Zeitung" in der vergangenen Woche die ausgeklügelte Konstruktion. In einem Schattenreich von Offshore-Gesellschaften hatte Gunter Sachs Teile seines Vermögens untergebracht, einem Reich voller Steueroasen. Die Nachlassverwalter von Gunter Sachs bestreiten den Verdacht, er habe sein Einkommen und Vermögen nicht ordnungsgemäß versteuert.

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Gunter Sachs: Autor, Millionär, Frauenschwarm
"Mein Mann war in Taktik und Strategie der absolut Allerbeste", sagt seine Frau Mirja. "Alles, was mein Mann gemacht hat, hat er perfekt inszeniert." Wenn man irgendetwas über seinen Entschluss, sich umzubringen, sagen kann, dann dies: Es war keine spontane Entscheidung. Gunter Sachs hat sich nicht in einem Moment der Verzweiflung das Leben genommen. Dafür hatte er den Gedanken zu lange mit sich herumgeschleppt. "Mein Mann hatte nie alt werden wollen", erzählt seine Frau. "Zum Glück für uns alle ist er nicht früher gegangen, als er gegangen ist."

Sachs lebte frei, aber nicht freizügig

Gunter Sachs war 26 Jahre alt, als im Jahr 1958 zwei lebensentscheidende Dinge passierten. Er hatte geheiratet und einen Sohn bekommen. Gerade machte er ein Praktikum in einer deutschen Bank. Dies war der Wunsch des Vaters gewesen, damit der Sohn später mal einen Posten bei Fichtel & Sachs übernehmen konnte. Seine Frau blieb während dieser Zeit in Lausanne. Sie wollte sich in einer Klinik behandeln lassen. Nur eine Kleinigkeit eigentlich. Aber dann unterlief den Ärzten bei der Narkose ein Fehler. Sie wachte nicht mehr auf. Und ein halbes Jahr später griff sein Vater zu einem Gewehr und erschoss sich in seinem Jagdhaus.

Gunter Sachs war plötzlich Witwer, alleinstehender Vater und zusammen mit seinem Bruder der Erbe eines Vermögens, das jede Vorstellung überstieg. Das Erste, was Gunter Sachs damals tat, war, in die Berge zu gehen. Seinen Sohn gab er zu dessen Großmutter.

Plötzlich war dieses Leben für ihn nichts Selbstverständliches mehr, sondern ein ungewisses, kostbares Gut. Und ein Frevel, es ungenutzt verstreichen zu lassen. Wenn es überhaupt einen Sinn geben konnte im Leben, dann den, es zu leben. So frei und intensiv es einem Menschen nur möglich war.

In St. Tropez jagte er mit seinem Mahagoni-Sportboot über die Wellen. Er mietete im Hotel ganze Etagen für sich und seine Freunde. Er feierte mit Juliette Gréco oder Pierre Brice oder Andy Warhol. Sachs lebte frei, aber nicht freizügig. Es ging ihm um Leidenschaft, nicht um Sex. Irgendwann ließ er Rosen regnen auf das Grundstück von Brigitte Bardot. Sie liebten sich auf den Polstern seines Motorboots weit draußen im Meer. Bei vollem Schub und mit festgebundenem Ruder. Später heirateten sie in Las Vegas. Je intensiver der Moment, desto erfüllter das Leben.

"Angst vor dem Leid anderer Menschen"

Freunden und Bekannten in Not half er mit Geld oder mit seiner Prominenz oder mit Anwesenheit, und besonders gern half er, wenn es darum ging, gegen die Mächtigen oder die Medien ins Feld zu ziehen. Er engagierte Anwälte, bezahlte Kautionen, auch für Menschen, die er noch nie gesehen hatte.

"Er hatte Angst vor dem Leid anderer Menschen", erzählt Mirja Sachs, "er konnte auch nicht darüber sprechen. Er konnte nicht auf Beerdigungen von engen Freunden gehen. Mein Mann war ein unglaublich starker Mensch nach außen. Aber er hatte in sich auch eine sehr empfindsame Seite."

Am Schreibtisch war er ein furchtloser Perfektionist, der nicht eher ruhte, bis absolut keine Einwände mehr denkbar waren. Das allerdings bezog sich bei ihm auf alles, das Ausrichten seiner Feste, das Zusammenstellen der Gästeliste, die Einrichtung seiner Häuser. Mit etwas Vorläufigem konnte er sich nicht arrangieren. "Vielleicht war auch das ein Grund für ihn zu gehen", sagt seine Frau. "Er war so ein Perfektionist. Wenig perfekt wollte er sich selbst nicht sehen."

Wahrscheinlich wurde alles für ihn schwerer als für andere Menschen, weil das Alter vor der Kulisse eines so prallen Lebens noch viel bedürftiger wirkt. Vielleicht wogen die Einschränkungen für ihn so schwer, da er sich in seinem Leben noch nie hatte einschränken müssen. Vielleicht war es folgerichtig, dass ein Mensch, der sich so sehr dem Tempo und der Intensität des Moments verschrieben hatte, die Gemächlichkeit des Alters als Fessel empfand.


Die von SPIEGEL TV produzierte Dokumentation "Der Gentleman-Playboy: Gunter Sachs" von Jens Nicolai und Kay Siering sehen Sie am Montag, 8. April, 21 Uhr, ARD

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