Prostituierten-Affäre Ottfried Fischer und die "nonverbale Drohung"

Hat ein ehemaliger "Bild"-Redakteur Ottfried Fischer unter Druck gesetzt, ihn mit einem heimlich gefilmten Prostituierten-Video zu einem Exklusiv-Interview genötigt? Der Anwalt des Schauspielers konnte eine erste Entscheidung erfolgreich verhindern.

dapd

Hamburg - Christoph Knauer war schon im Vorfeld des Verhandlungstags am Dienstag fuchsteufelswild. Er hatte sich über Berichte geärgert, die orakelten, Ottfried Fischer käme "wieder" nicht ins Gericht, weil er die Konfrontation mit dem ehemaligen "Bild"-Redakteur scheue.

"So ein Schmarrn!", schimpfte der Münchner Strafverteidiger. Und prompt erschien Ottfried Fischer in schwarzem Anzug, weißem Hemd und mit Brille.

In zweiter Instanz geht es um den Vorwurf, Wolf-Ulrich Sch., ehemaliger Redakteur der "Bild"-Zeitung, habe Fischer genötigt und dessen "höchstpersönlichen Lebensbereich" verletzt. Der 30-Jährige soll im Besitz eines kompromittierenden, heimlich gedrehten Films gewesen sein, der den Schauspieler mit zwei Prostituierten in dessen Wohnung zeigt. Er soll Fischer damit unter Druck gesetzt haben, um ein Exklusiv-Interview mit ihm zu bekommen.

In erster Instanz hatte das Amtsgericht München Sch. Zu einer Geldstrafe von 14.400 Euro verurteilt. Der Journalist ging in Berufung.

Die Verteidigung fordert Freispruch

Am Dienstag sollte im Berufungsprozess eine Entscheidung fallen, doch der Anwalt von Nebenkläger Ottfried Fischer, Christoph Knauer, beendete sein Plädoyer mit einem Paukenschlag: Er forderte die Verwerfung der Berufung und beantragte die Anhörung des Amtsrichters, der das erste Urteil fällte. Dieser solle zum Inhalt der Aussagen zweier Zeugen, die in der Hauptverhandlung vernommen wurden, befragt werden.

Zuvor hatten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ausführlich ihre Plädoyers gehalten. Der Staatsanwalt forderte für den angeklagten Ex-"Bild"-Redakteur eine achtmonatige Bewährungsstrafe. Seine Verteidiger plädierten auf Freispruch.

Fischers Anwalt sagte in seinem Plädoyer, der Fall eigne sich nicht für eine Diskussion über die Pressefreiheit in Deutschland oder die Freiheit und Redlichkeit journalistischer Methoden im Grundsätzlichen.

Vielmehr drehe es sich um zwei Fragen: ob die Grenzen des strafrechtlich Erlaubten überschritten wurden, wenn ein solches Video - das die Intimsphäre eines Prominenten betrifft - durch einen Journalisten von einem "zwielichtigen Inkasso-Eintreiber" eingekauft werde. Und darum, dass allein der Hinweis jenes Journalisten auf die Existenz dieses Films dazu diente, dem Betroffenen eine Kooperation abzunötigen.

Knauer betonte noch einmal, dass die Beweisaufnahme erneut ergeben habe, dass Wolf-Ulrich Sch. Fischer dazu habe zwingen wollen, mit ihm "nach einem genau ausgeklügelten Plan exklusiv zusammenzuarbeiten".

"Drohung nicht verbal ausgesprochen"

Fischer habe sich - so hatte er es auch im Zeugenstand betont - nur zu der Kooperation mit "Bild" bereiterklärt, weil "diese Drohung mit der Verwendung und der Veröffentlichung des Videos im Raume stand", so Knauer. Der Bundesgerichtshof habe "zigfach" entschieden, dass eine "konkludente Drohung eben auch dann vorliegt, wenn die konkrete Bedrohung nicht verbal ausgesprochen ist".

Bereits der Hinweis auf den Besitz des Films und das In-Aussicht-Stellen, diesen nach einer Zusammenarbeit "zurückzugeben", stelle ein "empfindliches Übel" dar. "Die Drohung bleibt die gesamte Zeit über aufrechterhalten: Wenn nicht kooperiert wird, dann kann das Video verwendet werden", so Knauer.

Ulrich Ziegert, der Sch. jetzt in der Berufungsverhandlung vertritt, bestreitet, dass sein Mandant je von dem Video Gebrauch machen wollte. Er habe Fischer nie gedroht, etwa nach dem Motto: Entweder Interview - oder wir bringen den Film.

Ziegert hatte im Berufungsprozess angeführt, Fischer habe in der Vergangenheit immer wieder Interviews mit "Bild" geführt und zu seinem persönlichen Befinden Auskunft erteilt - so über seine Parkinson-Erkrankung oder seine Ehekrise. Knauer hielt in seinem Plädoyer dagegen, dass Fischer vor dem Vorfall mit "Bild" kooperiert habe, weil es teilweise seine Produktionsverträge vorschrieben. Und selbst wenn - entscheidend sei die Freiwilligkeit des einzelnen Handelns.

"Ohne die Existenz des Videos bei der 'Bild' und die konkludente Drohung mit dessen Verwendung" hätte Fischer nie kooperiert, betonte Knauer. Weshalb kaufe man ein "unappetitliches, illegal gefilmtes Video", wenn man es nicht in irgendeiner Form verwenden wolle? Weshalb biete man an, das Video erst dann zurückzugeben, wenn der Prominente Interviews gegeben habe?

Die Vorsitzende Richterin der 22. Strafkammer, Susanne Emmerich, konnte ihren Ärger über den Antrag nicht verbergen. Die Entscheidung, den Richter anzuhören, dürfte bei Knauer für bessere Laune gesorgt haben.

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