San Juan - Mit ihren treudoofen Knopfaugen, der blonden Perücke und den dicken Schaumstofflippen ähnelt sie Miss Piggy. Und auch sonst hat die Drag-Queen "La Comay" ("Die Patin") mit der Sau aus der Muppet-Show viel gemein: In der beliebten Boulevardsendung "SuperXclusivo" haut sie in Interviews Berühmtheiten, aber auch Politiker und Wirtschaftsgrößen, in die Pfanne und verbreitet mit schriller Stimme die letzten Gerüchte über Stars und Sternchen. Die Kunstfigur, die der Comedian Kobbo Santarrosa verkörpert, hat in dem Inselstaat Kultstatus.
Doch seit zwei Wochen wird der schräge Moderator scharf kritisiert. In seiner Sendung am 4. Dezember widmete sich "La Comay" dem Fall des ermordeten Journalisten José Enrique Gómez. Der 32-Jährige war in einer für Kriminalität und Prostitution berüchtigten Straße entführt, lebendig angezündet und mit Stöcken zu Tode geprügelt worden. Das brutale Verbrechen schockierte Puerto Rico. Tausende, darunter auch Latino-Sänger Ricky Martin, schlossen sich der Gedenkaktion "Todos Somos José Enrique" ("Wir sind alle José Enrique") an. Inzwischen sind drei Personen verhaftet worden, die Gómez offenbar ausrauben wollten. Warum sich der Journalist in der Straße aufhielt, ist nicht klar.
Stoff für wilde Gerüchte also. Der für respektlose Kommentare bekannte Moderator fragte, was Gómez in der Gegend, wo er entführt worden war, überhaupt zu suchen hatte? "War er ein Freier?", fragte "La Comay". "Ist er an seinem Tod selbst schuld?"
Die abfälligen Bemerkungen über den Toten empörten viele Puerto Ricaner. Die Facebook-Gruppe "Boicot La Comay" hat inzwischen über 70.000 Mitglieder. Sie fordern den Sender auf, die Klatschsendung abzusetzen. Große Werbepartner wie Walmart oder der Telekommunikationskonzern AT&T kündigten bereits ihre Werbeverträge mit der Sendung.
Der Sender WAPA TV, der "SuperXclusivo" zeigt, lässt die Skandalpuppe aber weiter auftreten. Zwar hat sich Senderchef José Ramos bei den Angehörigen des ermordeten Journalisten entschuldigt, doch insgeheim scheint ihm der öffentliche Aufschrei ganz gelegen zu kommen: "Seit dem Boykott ist die Einschaltquote sogar gestiegen", sagte Ramos der "New York Times".
ade
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Leute | RSS |
| alles zum Thema Puerto Rico | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH