Onanierender Kragenbär Einen hoch auf Robert Gernhardt

"Der Kragenbär, der holt sich munter/ einen nach dem anderen runter." In Anlehnung an diese Zeilen soll Satiriker Robert Gernhardt nun ein Denkmal bekommen: einen onanierenden Kragenbär. Das findet nicht jeder gleich erhebend.

DPA

Göttingen - Robert Gernhardt war ein Meister des Komischen. Der Mitbegründer des Magazins "Titanic" konnte alles, vom Nonsens-Kalauer bis zur politischen Satire. Ein typischer Gernhardt: "Der Kragenbär, der holt sich munter/ einen nach dem anderen runter". Es waren solche Sätze, die ihm den Ruf als Universalgenie der komischen Literatur einbrachten, als "Genie der Leichtigkeit".

Acht Jahre nach seinem Tod soll der Frankfurter Dichter nun ein Denkmal bekommen. Und weil er selbst ein eher entspannter Zeitgenosse war, soll es eben kein steinernes Buch oder eine marmorne Büste sein. Nein, in Göttingen wollen sie einen onanierenden Kragenbär aufstellen. Eine Modellskulptur eines sich befummelnden Bronze-Tiers existiert bereits.

Doch manche Lokalpolitiker sind alles andere als begeistert. Zu den Kritikern gehören Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck (SPD) und CDU-Ratsherr Wilhelm Gerhardy. Sie finden, der Bär werde Gernhardts Werk nicht gerecht. "Meines Erachtens gibt es keine tiefergehende Botschaft bei diesem onanierenden Bären als den sexuellen Tabubruch", sagt Schlapeit-Beck.

Was Gernhardt wohl selbst zu dem Denkmal gesagt hätte? Immerhin ist er der Verfasser von Gedichten wie:

In jeder Frau da steckt

ein Sexualobjekt.

Das muss der Mann erwecken,

sonst bleibt es in ihr stecken.

Dazu hatte er kurz vor seinem Tod 2006 in einem SPIEGEL-Gespräch gesagt: "Es hat die untergründige Komik aller gereimten Gedichte. Da werden scheinbar logische Beziehungen über Gleichlaute hergestellt: 'Steckt - Objekt', 'erwecken - stecken'."

Zurück zum Bären. Hinter dem Modell steckt der Kasseler Bildhauer Siegfried Böttcher. "Ich habe auf Details im Schritt bewusst verzichtet", sagt der Künstler. Immerhin: Gernhardts Witwe hat er den 16 Zentimeter großen Entwurf schon präsentiert. "Sie findet's gut."

Die fertige Bronzeskulptur soll in etwa die Maße einer Waschmaschine haben und auf dem Robert-Gernhardt-Platz stehen - mitten in Göttingen, wo der Schriftsteller lange gelebt hat. Die Idee kommt von Trägern des "Göttinger Elchs", eines Satire-Preises. Der Kunsthistoriker WP Fahrenberg, der die Auszeichnung initiiert hat, kümmert sich jetzt um alles Organisatorische rund um das Kragenbär-Denkmal.

"Das ist Satire"

Nachdem die Pläne bereits im vergangenen Jahr heftige Diskussionen im Göttinger Kulturausschuss auslösten, kommt erneut Bewegung in die Posse. Nach der Sommerpause will der Stadtrat über den sich befriedigenden Bären beraten.

Die Chancen, dass sich im Rat eine Mehrheit für den Bronzebär findet, stehen gar nicht schlecht - sagt zumindest die Vorsitzende der größten Ratsfraktion, Renate Bank von der SPD. "Ich sehe keinen großen Widerstand in meiner Fraktion."

Die Finanzierung ist noch unklar. Fahrenberg ist sicher, dass er ausreichend Spenden sammeln kann. Das müsse aber geklärt sein, bevor der Stadtrat über die Skulptur abstimme, fordert Kulturdezernentin Schlapeit-Beck. Sie betont: Im Stadthaushalt sind bisher keine Mittel dafür vorgesehen.

Aufgrund der vielen Kritik hatte sich Fahrenberg zwischenzeitlich schon nach Alternativen umgeschaut. "Interesse gibt es aus zwei anderen Städten." Welche, will er nicht sagen. Kunsthistoriker Fahrenberg und Bildhauer Böttcher sehen in dem onanierenden Bären mehr als den sexuellen Tabubruch. "Es geht um die Ich-Bezogenheit und dass sich die Leute nur noch mit sich selbst beschäftigen", erklärt Böttcher. "Das ist Satire."

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir Gernhardt ein Zitat in den Mund gelegt, das nicht von ihm stammt. Wir bitten das zu entschuldigen. Wir haben den Fehler korrigiert.

gam/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.