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Rom-Besuch: Gaddafi gibt Hunderten Models Koran-Lehrstunde

Er ist exzentrisch, machtbewusst und unberechenbar. Muammar al-Gaddafi hat bei seinem Rom-Besuch mal wieder für Staunen und Aufregung gesorgt. Seinen ersten Auftritt gönnte der libysche Staatschef Hunderten jungen Damen, denen er eine Lektion über den Islam erteilte -in drei Fällen offenbar mit Erfolg.

Gaddafi in Rom: Der Zirkus kommt Fotos
dpa

Rom - Wenn Gaddafi reist, ist das immer ein wie Zirkus: Zelt, Pferde, schöne Frauen hat er im Gepäck. Dazu noch bunte Gewänder und gute Worte. Rom ist ihm nach seinem ersten Besuch im Juni 2009 offenbar ans Herz gewachsen. Zum vierten Mal ist er in der Ewigen Stadt - zu Gast bei seinem Freund, Premier Silvio Berlusconi.

Doch beliebte es Gaddafi zu predigen. Extra dafür hatte eine Model-Agentur zwischen 200 und 500 Frauen rekrutiert, die eine nicht genannte Summe für die Teilnahme erhielten. Mit zehn Bussen wurden die Frauen zur Residenz des libyschen Botschafters gebracht, wo Gaddafi kurz nach seiner Ankunft seine Ansprache hielt.

"Es war ein wirkliches schönes Treffen", sagte eine Teilnehmerin, Michela, der Nachrichtenagentur APTN. "Er war sehr locker und gab uns einen Koran." Andere Frauen erklärten, der Libyer habe in seiner Rede das Christentum als unbedeutend bezeichnet. Zumindest drei Frauen konnte der Staatschef offenbar überzeugen: Sie konvertierten den Angaben zufolge an Ort und Stelle zum Islam.

Bei seinem letzten Besuch in Italien hatte Gaddafi bei einer ähnlichen Veranstaltung vor 200 Models über Religion gesprochen und auch sie zum Übertritt ermutigt. Die Frauen erhielten damals jede 50 Euro für ihre Teilnahme. "Wer an Gott glaubt, ist ein Muslim", wurde er damals aus seinem Vortrag zitiert.

Die Models am Sonntag wollten keine Summe nennen, sondern erklärten lediglich, sie hätten eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten.

Chaos schon bei der Ankunft

Gaddafi sorgte diesmal bereits vor der Ankunft für Chaos. Erst hieß es, die zunächst am Sonntag geplante Ankunft in Rom sei auf Samstag vorgezogen. Dann Kommando zurück: Der Revolutionsführer blieb bei seinem ursprünglichen Zeitplan. Schließlich landete er am Sonntag - wie gewohnt mit über einstündiger Verspätung - auf dem römischen Flughafen Ciampino, wo er vom italienischen Außenminister Franco Frattini in Empfang genommen wurde.

Zum Gefolge des libyschen Staatschefs gehörten 30 reinrassige Berberpferde, die am Montag gemeinsam mit einer Reiterstaffel der Carabinieri eine Parade abhalten sollten. Gefeiert wird der zweite Jahrestag eines Freundschaftsabkommens beider Länder - wegen des Fastenmonats Ramadan aber erst nach Sonnenuntergang. Wie immer brachte der Machthaber aus Tripolis sein eigenes Beduinenzelt mit, das er diesmal im Garten der luxuriösen Residenz seines Botschafters in Rom aufschlagen ließ.

Mit seinem Besuch wollte Gaddafi den zweiten Jahrestag der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrags feiern, in dem Italien dem südlichen Nachbarn eine Entschädigung von fünf Milliarden Dollar für die 30 Jahre währende Besatzungszeit zuerkannte. Er hatte Italien erstmals im Juni 2009 besucht und dabei den Beginn einer neuen Ära zwischen beiden Ländern ausgerufen. Die libysch-italienischen Beziehungen haben sich in jüngster Zeit stetig verbessert. Besonders eng sind die Verflechtungen in der Wirtschaft, und hier vor allem im Energiesektor.

Opposition kritisiert die Berlusconi-Gaddafi-Connection

Ein zentraler Punkt der Gespräche mit Ministerpräsident Silvio Berlusconi dürfte der wachsende libysche Einfluss auf die italienische Wirtschaft sein, der in Italien umstritten ist. Zuletzt flammte der Streit am libyschen Anteil an der Großbank Unicredit auf, der auf 6,7 Prozent wuchs. Berlusconis Koalitionspartner von der fremdenfeindlichen Liga Nord kritisierten die Beteiligung und forderten eine Untersuchung durch die Aufsichtsbehörden.

Italien ist mittlerweile Libyens wichtigster Handelspartner und bezieht einen Großteil seines Öl- und Erdgasbedarfs von dem energiereichen Staat. Neben Unicredit besitzt Libyen unter anderem auch einen Anteil an dem Ölriesen Eni und dem Stromkonzern Enel. Aber auch die Beteiligung an dem Fußball-Traditionsverein Juventus Turin trifft die Italiener an einer sensiblen Stelle. Der Opposition ist die Nähe zwischen Berlusconi und Gaddafi schon länger ein Dorn im Auge. Sie kritisiert vor allem ein Abkommen zur Rückführung von Flüchtlingen, die illegal aus dem nordafrikanischen Land über das Mittelmeer nach Italien gelangt sind, als Verletzung der Menschenrechte.

Gaddafi und Berlusconi hatten den ersten Jahrestag des Freundschaftsvertrages mit Couscous und Hammelfleisch in Tripolis gefeiert. Das italienische Festmenü diesmal war zunächst "top secret". Das dürften allerdings auch die spannendsten Informationen sein, die zu erwarten sind. Wichtige neue Abkommen der wirtschaftlich bereits eng verbundenen Länder seien noch nicht unterschriftsreif, berichteten Zeitungen.

rüd/AP/dpa/Reuters

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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1. .
Pnin, 29.08.2010
Traurig ist eigentlich nur, dass man da 500 "Models" findet, die für 50 Kröten den Mummenschanz mitmachen. Italien muss echt am Ende sein.
2. ...
Dirk Ahlbrecht, 29.08.2010
Na, diese Story sollte unseren Onkel Guido motivieren, beim nächsten Libyen-Besuch 200 bis 500 schwule Libyer zum Empfang zu bitten - und dort `nen kleine Vortrag zu halten. Auf das Verteilen der Bibel sollte Guido dabei jedoch aus guten Gründen verzichten. Sonst beschweren sich am Ende noch die Jungs aus Rom.
3. ... wenn 2 das gleiche tun ...
epze030, 29.08.2010
... dazu mal im Vergleich, wie die Gruppe Ärzte des christl. Hilfwerks in Afghanistan behandelt wurden, die (angeblich) missioniert haben! ...
4. **
ezuensler 29.08.2010
Interessant, daß lt. Artikel 6,7% der Unicredit-Bank inzwischen dem lybischen Koranbekehrer gehören. Da muß ich mein Konto bei der ehrwürdigen ehemals bayerischen HypoVereinsbank ja gleich kündigen.
5. am ende? nicht nur I
05322 29.08.2010
Italien ist wohl auch am ende, aber die 500 Frauen, die den mummenschanz mitmachen, sind übers ende schon hinaus.
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Zur Person
Muammar al-Gaddafi ist der dienstälteste arabische Machthaber. 40 Jahre nach der Revolution herrscht er über ein Land, das mit den klassenkämpferischen Parolen seines "Grünen Buches" nur noch wenig gemein hat.
Lesen Sie hier mehr über Gaddafi, sein Superzelt und seine Drohungen...
Muammar al-Gaddafi ist der dienstälteste arabische Machthaber. 40 Jahre nach der Revolution herrscht er über ein Land, das mit den klassenkämpferischen Parolen seines "Grünen Buches" nur noch wenig gemein hat. So äußerlich bescheiden er selbst in seinem Zelt sitzt, so feist ist der Hofstaat geworden, der ihn umgibt. Während der "Bruder Führer" gern im Auto von Stadt zu Stadt reist, wo er dann, wie einst die deutschen Kaiser auf der Pfalz, für Wochen kampiert, fliegen ihm seine Beamten im Business-Jet nach."Wir schaffen es, ohne aufzutanken, bis in die Karibik", sagt die Stewardess beim Anflug auf Sirt, 400 Kilometer östlich von Tripolis. "Die zwei weißen Zelte da unten in der Wüste: Dort ist der Führer."

Vor den Toren seiner Geburtsstadt residiert Gaddafi am liebsten. Minister und Beamte sind in einem Hotelkomplex in der Stadtmitte untergebracht und vertreiben sich die Wartezeit mit Spaziergängen und Diners. "Es ist mir eine Ehre, in der Nähe des Führers zu sein", sagt der Gaddafi-Übersetzer Muftah al-Missuri. "Es wäre mir eine Ehre, ihm auch nur die Schuhe putzen zu dürfen."

Libyens Öl sprudelt, ebenso die Petrodollars, und entsprechend gefragt sind Termine beim Revolutionsführer. Politiker empfängt er in farbenprächtiger Berbertracht im klimatisierten Superzelt, Journalisten in schlichter Militäruniform im Nomadenzelt. Libyen hat nicht nur mit Amerika, sondern auch mit dem Kapitalismus seinen Frieden gemacht. In der Hauptstadt öffnete gerade ein Luxushotel, in dessen Garten die Haute-volee von Tripolis sitzt, ein Einzelzimmer kostet 555 Dollar. "Das ist ganz natürlich", sagt Gaddafi zum SPIEGEL. "Einige können sich eben Seide und Gold leisten. Warum sollen wir ihnen die Protzerei verbieten?" Aus dem sozialistisch eingefärbten Entwicklungsland ist nach dem Ende der Uno-Sanktionen ein Boomland geworden: Hunderttausende Gastarbeiter aus Ägypten und Schwarzafrika arbeiten hier, Firmen aus Europa, Asien und Amerika investieren.

Gespräche mit Gaddafi - der SPIEGEL hat seit 1972 sechs geführt - sind noch immer ein Wechselbad zwischen dem Ernsten und dem Absurden. Während er etwa im Nahost-Konflikt gemäßigtere Positionen als Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad vertritt, versteigt er sich in seinem Zorn auf die Schweiz zu Verschwörungstheorien, die selbst über das im Nahen Osten übliche Maß weit hinausgehen.

Wie ernst ist Gaddafi zu nehmen? Frühere Drohungen, er werde dem Warschauer Pakt beitreten oder der Welt den Ölhahn zudrehen, hat er jedenfalls nie wahrgemacht.


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