RTL-Dschungel: Ich bin kein Star, lasst mich da rein!

Von Dennis Kayser

Zehn Kandidaten aus den Untiefen der Showbranche ziehen ins RTL-Dschungel-Camp, um sich fortan vor Millionen Zuschauern zum Deppen zu machen. Dennoch gilt: Vom allseits hämisch kommentierten Urwald-Spektakel profitieren eigentlich alle Beteiligten.

Hamburg - Günther Jauch kann das Leid der gebeutelten Kakerlaken im Dschungel von Australien wohl am Besten nachfühlen. Genau wie die Krabbeltiere muss auch der Fernsehmoderator demnächst sein Revier mit einer fragwürdigen Spezies der deutschen TV-Unterhaltung teilen. Seit dieser Nacht wuchert die Sendung "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" über zwei Wochen lang im RTL-Entertainment-Dickicht.

Selbst Publikumsmagnet Jauch ist gezwungen, mit seinem Magazin Richtung Nachtprogramm auszuweichen, damit zehn mehr oder minder bekannte Kandidaten zur idealen Sendezeit sinnbefreite Urwaldprüfungen absolvieren können. Je ekliger, desto besser, weil quotenträchtiger.

Während der ersten beiden Staffeln verbuchte RTL zeitweilig bis zu sieben Millionen Zuschauer. "Auch dieses Mal werden die Zahlen gut sein", prophezeit RTL-Sprecher Frank Rendez. Ein Erfolg mit vergleichsweise geringem Aufwand.

Die Gagen der sogenannten Stars dümpeln auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Nach Branchenschätzungen erhalten Teilnehmer circa einen fünfstelligen Betrag für 16 Tage bei Wasser und Maden. Trotzdem kämpfen die Kandidaten mit Verve ums Überleben. Tauchten doch die meisten Teilnehmer, deren berufliches Verfallsdatum zumeist längst überschritten ist, in letzter Zeit doch allenfalls mit einem "Ex" vor ihrer Berufsbezeichnung in der Presse auf. Ex-Nationaltorhüter Eike Immel, Ex-Pornodarstellerin Michaela Schaffrath, Ex-"Bros'sis-Barde" Ross Anthony, Ex-Beinah-RTL-Superstar Lisa Bund ziehen heute in den dritten Busch-Krieg. Der Verdacht einer Verzweiflungstat liegt dabei nahe.

Überraschenderweise scheint sich der Aufenthalt im Dickicht dennoch zu rechnen - vom Geld mal abgesehen. Zwar ist das Image für seriösere Projekte ruiniert, doch die C-Liga-Zugehörigen kalkulieren anders. Ein Beispiel: Caroline Beil.

Die Moderatorin zog 2004 in den Dschungel. Selbst vier Jahre nach ihrer Auseinandersetzung mit pickenden Riesenvögeln ("Motherfucker") und Susan Stahnke, die sie aufmerksamkeitswirksam beleidigte, ist Caroline Beil für viele immer noch das fiese "Hackebeil" - ein Spitzname, den ihr die "Bild" verpasste. Dennoch spricht ein damaliger Mitarbeiter Beils, der anonym bleiben möchte, alles in allem von einem "grandiosen Schachzug".

"Ihr Name hat sich festgesetzt, das ist das Wichtigste"

"Caroline Beil hat sehr von dem Auftritt im Dschungelcamp profitiert, auch durch die negative PR", so der Insider zu SPIEGEL ONLINE. "Ihr Name hat sich festgesetzt, dass ist das Wichtigste. Sie hat später Angebote erhalten, die sie sonst nie erhalten hätte." Zunächst allerlei Jobs, natürlich bei RTL. An eine Nebenrolle in der Serie "Alle lieben Jimmy" reihte sich ein Gastauftritt in der Soap "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten", bis Beil schließlich einen Part in der ARD-Schmonzette "Sturm der Liebe" ergatterte. Ob man da von Aufstieg sprechen kann, mag im Auge des Betrachters liegen. Vor "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" moderierte Beil ein Promi-Magazin auf Sat. 1 und entblätterte sich für den "Playboy". Bei vielen Promis die Endstation, bevor sie das letzte Hemd verlieren. Fest steht jedoch: Beil ist immer noch im Geschäft.

Dennoch möchte Beil über ihren Auftritt unter Palmen heute nicht mehr reden - eine Interview-Anfrage von SPIEGEL ONLINE wurde negativ beschieden.

"Man kalkuliert das Risiko mit ein, sich vor Millionen Zuschauern bis auf die Knochen zu blamieren ", sagt Medienpsychologe Dr. Frank Schwab von der Universität des Saarlandes zur Motivation der Kandidaten.

Das Publikum kommt ebenfalls auf seine Kosten. "Wie man anhand der beiden vergangenen Staffeln erkennen konnte, sucht sich der Sender gezielt Kandidaten aus, die polarisieren", erklärt Schwab. Sympathieträger, bei denen der Zuschauer auf das Gute hofft und mitbangt, sowie jene, denen man nur das Schlimmste wünscht, die man verachtet und bei denen man sich über jedes Missgeschick freut. Diese Konstellation ist Bedingung für eine gelungene Show mit hohem Suchtpotential.

"Parasoziale Beziehung" des Zuschauers zum Kandidaten

"Über die Zeit kann sich beim Zuschauer eine parasoziale Beziehung aufbauen, ähnlich wie bei einem Freund oder Nachbarn", erklärt der Medienpsychologe. "Auch diese Quasi-Beziehungen will das Publikum pflegen und schaltet deshalb immer wieder ein. Hat man sich erst einmal in einen Protagonisten eingefühlt, will man auch wissen, wie es ihm weiter ergeht." Natürlich spielen ebenso Häme, Schadenfreude und eine Portion Voyeurismus eine Rolle.

Das Ergötzen am Ekel lockt Zuschauer an. Doch trotz stattlicher Quoten: Werbekunden schreckt das Treiben im Urwald eher ab. Lange stand deshalb eine dritte Auflage des Kakerlaken-Spektakels aus - die Quoten stimmten, aber welches Unternehmen will seine Produkte schon in einem solchen Kontext platziert sehen? "Es geht den meisten Kunden nicht mehr ausschließlich darum, eine möglichst große Anzahl Konsumenten zu erreichen. Ebenso spielt die Akzeptanz im Umfeld eine Rolle", sagt Trendforscher und Werbeexperte Professor Peter Wippermann von der Agentur "Trendbüro" in Hamburg.

Immerhin, schätzt man beim Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft, kostet ein 30 Sekunden knapper Spot zur Primetime auf RTL 120.000 Euro. Da will eine Buchung wohl überlegt sein.

Eine Sprecherin des Unternehmens IP Deutschland, das für RTL Werbefläche vermarktet, versichert auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE: "Wir sind mit den Buchungen mehr als zufrieden." Besonders stark vertreten seien Kunden aus den Bereichen Nahrung, Waschmittel, Autos und Pflegeprodukte. Sogar die Deutsche Telekom, die sich jüngst aus dem Dopingsumpf des Radsports verabschiedete, taucht nun im Dschungel-Morast als Hauptsponsor auf, was sich rein konzeptionell ja auch irgendwie anbietet. Schließlich sind die Zuschauer per Telefonabstimmung an der großen Schlammparty beteiligt.

Trotzdem scheint man bei der Telekom den Deal mit gemischten Gefühlen zu betrachten. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE kommentierte eine Unternehmenssprecherin spitz: "Das ist eben so, fertig!"

So geht es denn wieder los mit Hodenspeisung, Lagerkoller und Kriechgetier. Protagonisten wie Eike Immel werden's ihrem Sender danken. Der frühere Torhüter gab in einem Interview mit der Zeitung "Welt am Sonntag" zu, dass er sich längst im privaten Abstiegskampf befindet. Nach seiner Scheidung, einem Offenbarungseid und Arthrose in den Knochen brauche er nun Geld für eine Hüftoperation, um wieder als Trainer arbeiten zu können, wie er sagt.

Sein größter Wunsch: neuer Lebensmut.

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