Homosexueller Schauspieler in Russland Mein Kollege, der Schwulenhasser

Der Amerikaner Odin Biron ist in Russland ein Fernsehstar. Nun hat er sich als schwul geoutet. Am Set der Kultserie "Interny" dürfte das für Probleme sorgen: Birons Schauspielkollege ist der militante Schwulenhasser Iwan Ochlobystin.

Von , Moskau

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Amerikaner haben es schwer in Russland: 81 Prozent der Russen haben ein negatives Bild von den USA, mehr als die Hälfte wertet die russisch-amerikanischen Beziehungen als feindselig. Zudem gelten Söhne und Töchter des "Land of the Free" in Russland als unkultiviert und verschlagen. Eine Ausnahme kennt aber fast jeder Russe: den amerikanischen Schauspieler Odin Biron.

Biron, geboren 1984 im US-Bundesstaat Minnesota, hat sich in Russland hochgearbeitet vom Schauspieler auf kleineren Theatern bis zu einem der bekanntesten Serienstars im russischen Fernsehen. Er spielt den Amerikaner Phil in der Arztserie "Interny", eine russische Version der US-Serie "Scrubs". Auf dem Bildschirm verkörpert Biron die Vorstellung der Russen von einem "guten Amerikaner": Er spricht fast akzentfrei Russisch, kennt sich aus mit russischen Kriegsfilmen und ist ein Schürzenjäger.

Der Schauspieler Biron ist ähnlich gut integriert in Moskau. Er ist nach dem Studium am Tschechow-Kunsttheater in der russischen Hauptstadt heimisch geworden. Er spricht fließend Russisch, in Interviews schwärmt er von den Wäldern Sibiriens und zitiert russische Dichter.

In einem Gespräch mit dem "New York Magazine" sprach er dann aber auch über seine Beziehung zu einem Regisseur aus Kasachstan. Birons Freunden war seine Homosexualität seit Langem bekannt. Nicht aber der russischen Öffentlichkeit - und vor allem nicht seinem Schauspielerkollegen.

Das Thema Homosexualität spaltet Russland

Der Russe Iwan Ochlobystin spielt in "Interny" Birons Chef, den Arzt Bykow. In der Serie ist Bykow ein Choleriker, der sich dem Personal im Krankenhaus gegenüber aufführt wie ein Ekel. Und auch im richtigen Leben neigt er nicht gerade zum diplomatischen Ton: Ochlobystin ist einer der krawalligsten Schwulenhasser Russlands.

Vor zwei Jahren sorgte Ochlobystin für einen Skandal, weil er sagte, er würde am liebsten "Schwule am lebendigen Leib in Öfen stopfen". Ochlobystin fordert, Homosexualität wie zu Sowjetzeiten unter Strafe zu stellen. Entsprechend kommentierte der orthodoxe Eiferer und frühere Priester auch die Nachricht, sein Kollege Odin Biron sei schwul. Er habe "den Kopf an die Wand geschlagen und sein Schicksal verflucht", twitterte Ochlobystin.

Der 48-Jährige hat auch für russische Verhältnisse ein kontroverses Image: 2012 wollte er zur russischen Präsidentschaftswahl antreten. Er mietete das Moskauer Olympia-Stadion an, zog sich eine weiße Robe über und hielt von der Spitze einer improvisierten Pyramide herab eine Rede, die ebenso flammend war wie wirr. Sein Wahlprogramm bewegte sich zwischen Esoterik und Verschwörungstheorien.

Ochlobystin ist auch ein öffentlicher Vorkämpfer der patriotischen Welle, die durch Russland schwappt. Seine Webseite schmückt das schwarz-gelb-weiße Banner der russischen Nationalisten. Neulich reiste er ins umkämpfte Donezk, um die Separatisten zu unterstützen.

Seine radikalen Tiraden fallen in Teilen der russischen Gesellschaft auf fruchtbaren Boden. Das Thema Homosexualität spaltet das Land. Einerseits gibt es viele Gerüchte um die sexuelle Orientierung beliebter Popstars, ohne dass ihre Popularität darunter leidet. Andererseits ist für sie selbst ein Coming-out unvorstellbar. Viele schwule Männer führen Scheinehen, lesbische Frauen geben ihre Partnerinnen für Verwandte aus.

Das Land zu verlassen, kommt für Biron nicht in Frage

Homosexualität ist seit 1993 zwar keine Straftat mehr, doch hat die Duma vor zwei Jahren ein Gesetz beschlossen, dass jede positive öffentliche Äußerung über Homosexualität kriminalisiert: Ein prominenter Journalist, der in einer TV-Diskussionsrunde über das neue Gesetz kein Geheimnis mehr daraus machte, dass er schwul ist, wurde prompt gefeuert. Unter dem Deckmantel des Kinderschutzes soll Homosexualität totgeschwiegen werden: Man wolle Kinder und Heranwachsende vor Beeinflussung schützen, so erklärt es die Duma. Für die orthodoxe Kirche ist Homosexualität ohnehin eine Sünde - viele Russen teilen diese Meinung.

Die Fans des Amerikaners Odin Biron nahmen die Nachricht dagegen gelassen auf. Bei Twitter und Facebook löste das Interview jedenfalls nicht nur Hasskommentare aus. Viele sprachen ihm Mut zu. Biron selbst denkt jedenfalls nicht daran, Russland zu verlassen. Der Produzent der Serie hält zu ihm, bald wird die neue Staffel von "Interny" gefilmt.

Die Frage ist, ob sein Kollege Ochlobystin über seinen Schatten springen kann. Die Hasstirade über Schwule in Öfen habe er jedenfalls wie einen Schlag in die Magengrube empfunden, erinnert sich Biron. "Ich wollte schon zum Sender gehen und sagen: Ich will nicht länger für euch arbeiten, wenn Ochlobystin bleibt." Doch Biron entschied sich gegen Konfrontation. Das Land brauche einen Lernprozess, auch Ochlobystin. "Ich mag den Mann", sagte Biron im "New York Magazine"-Interview.

Jedenfalls "wenn er nicht himmelschreiend beleidigende Dinge sagt".

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