Spätaussiedler aus Russland Putins Propagandist in Deutschland

Heinrich Groth geriert sich als Kämpfer für Russlanddeutsche. Die Bundesregierung hofierte ihn - nun lässt er sich für Putins Propaganda einspannen.

Heinrich Groth: Anführer der Empörten
Theo Schneider

Heinrich Groth: Anführer der Empörten

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Im Oktober 1992 zog Horst Waffenschmidt die Notbremse. "Moralisch und politisch" habe Deutschland zwar die Verpflichtung, all diese Menschen aufzunehmen, mehr als 200.000 Aussiedler pro Jahr könne das Land aber "nicht mehr verkraften".

Waffenschmidt war damals Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium und Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung, im Auftrag von Kanzler Helmut Kohl sollte er die Zukunft der zweieinhalb Millionen Deutschstämmigen in der ehemaligen Sowjetunion regeln. Es waren die Nachfahren jener Deutschen, die einst dem Ruf von Zarin Katharina gefolgt und nach Russland gezogen waren, um dort brachliegendes Land zu übernehmen.

Die Sowjetunion gab es nun nicht mehr. Die Deutschen wollten damals, Anfang der Neunzigerjahre, nur noch raus, zurück in die Heimat ihrer Ahnen. Über hundert Millionen Mark hatte Bonn bereits in den Osten gepumpt, um die Sowjetdeutschen zum Bleiben zu bewegen - vergebens.

195.629 Aussiedler aus der Ex-UdSSR kamen 1992 in der Bundesrepublik an, der Treck der Flüchtenden riss nicht ab. Die Volksdeutschen strömten ins gelobte Land, das Grundgesetz sicherte ihnen freie Einwanderung zu. 2001 wurde der zweimillionste Umsiedler registriert.

Propaganda mit einer 13-Jährigen

Dass so viele Aussiedler sich nach Westen aufmachten, hatte auch mit Heinrich Groth zu tun, Chef der Gesellschaft "Wiedergeburt", die in Moskau die Interessen der Sowjetdeutschen vertritt. Groth, promovierter Fischwirtschaftler und in Kasachstan geboren, malte die Zukunft der Deutschstämmigen in den schwärzesten Farben. Wer in Russland bleibe, werde gewaltsam assimiliert, die "Kommunistenmannschaft Jelzin/Gorbatschow" plane den "staatlichen Völkermord", hämmerte er den Deutschen ein. "Wer hier bleibt, hat keine nationale Zukunft", sagte er 1992 dem SPIEGEL.

Gut 23 Jahre später, im Januar 2016, steht derselbe Mann vor dem Berliner Bundeskanzleramt. Er firmiert als Chef eines "Internationalen Konvents der Russlanddeutschen" und führt Demonstranten an, die sich über die angebliche Vergewaltigung eines 13-jährigen russlanddeutschen Mädchens durch Flüchtlinge empören. Groth sieht nun auch in Deutschland die nationale Zukunft seiner Landsleute bedroht. Dass sich die Staatsanwaltschaft mit dem Fall befasse, sei "der erste Sieg der russlanddeutschen Gemeinde von Berlin".

Tage vorher ist er in Moskau gewesen. Anders als 23 Jahre zuvor rühmt er sich jetzt seiner Kontakte zur russischen Regierung Wladimir Putins, tritt in Talkshows des Kreml-nahen Fernsehens auf. Russische Familien würden von deutschen Behörden nicht geschützt, sagt er dem Sender Ren-TV. Es gebe "Beweise", dass die "Massenvergewaltigung" tatsächlich stattgefunden und die Polizei Ärzte wie Eltern zu gegenteiligen Aussagen gezwungen habe.

Groht drohte, die Bundesregierung zahlte weiter

Im Staatssender Rossija wird Groth grundsätzlich: Deutschland sei kein selbstständiger Staat, sagt er dort, es sei ein "Zwerg" und werde aus Washington regiert. Die Russlanddeutschen würden durch Flüchtlinge aus Nahost und Nordafrika verdrängt. Das ist genau das, was der Kreml jeden Tag den russischen Fernsehzuschauern erklärt. Die Berliner Behörden haben inzwischen ermittelt, dass die 13-Jährige wegen Schwierigkeiten in der Schule ausgerissen war - Groth ignoriert das und stellt die Vergewaltigung weiter als Fakt dar.

Für die deutsche Regierung ist Groth kein unbeschriebenes Blatt. Sie kennt ihn als Selbstdarsteller, hat ihn aber als Funktionär der Sowjetdeutschen jahrelang hofiert. Was Groth nicht daran hinderte, ihr immer wieder Ultimaten zu stellen. "Wir sind Deutsche, und wir wollen entsprechend behandelt werden", dröhnte Groth Anfang der Neunzigerjahre. Kümmere sich die Bundesregierung nicht genügend um sie, werde er "Hunderttausende von Aussiedlern", die bereits in Deutschland lebten, dazu aufrufen, die rechten Republikaner zu wählen. Oder nach Argentinien auszuwandern - die 20.000 Dollar Aufnahmegebühr, die Argentinien pro einreisender Familie verlange, solle Deutschland bezahlen.

Selbst als Groth mit seinen maßlosen Forderungen die "Wiedergeburt"-Bewegung spaltete und danach in die Ukraine ging, um nun dort die Deutschstämmigen zu sammeln, hielt die deutsche Regierung noch zu ihm. Sie zahlte ihm Gehalt und Büro, nur eine von Groth geforderte Dienstwohnung wollte sie nicht finanzieren.

"Keine Basis bei den Russlanddeutschen"

2001 war es auch in Kiew mit Groths Funktionärsdasein vorbei, er schied im Streit und reiste nach Deutschland aus.

Der "Internationale Konvent", den Groth nun in Deutschland gegründet habe, sei eine Fiktion, sagt Hugo Wormsbecher - er habe "keine Basis bei den Russlanddeutschen". Schriftsteller Wormsbecher, in der Wolgadeutschen Republik geboren und einst Co-Vorsitzender der "Wiedergeburt", lebt im Gegensatz zu Groth weiter in Moskau und kümmert sich um die in Russland verbliebenen Deutschen. 400.000 sind es offiziell.

Groth nutze das Thema Flüchtlinge in Deutschland aus und vermische es mit den Problemen der Russlanddeutschen, sagt Wormsbecher. Es gehe ihm aber nur ums eigene Profil.

Ob Moskau Groth in seiner Kampagne gegen das liberale Europa benutze, vermöge er nicht zu sagen, so Wormsbecher. Aber in den Neunzigern habe Groth regelmäßig Kontakt zum KGB gehabt, selbst der Name des betreffenden Offiziers sei bekannt. Und heiße es nicht: "Einmal KGB - immer KGB"?

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Christian Neef schreibt seit über 23 Jahren beim SPIEGEL über die Entwicklungen in Russland, der Ukraine und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Er war 13 Jahre lang Korrespondent in Moskau, wo er auch jetzt wieder lebt.

E-Mail: Christian_Neef@spiegel.de

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