Samuel Finzi: Der Frauenflüsterer

Die Rolle des TV-Polizeipsychologen Vince Flemming klebt an ihm wie Kaugummi am Absatz: Samuel Finzi gilt als Macho und Womanizer. Im Interview blickt er zurück auf seine Flucht nach Deutschland und Dinge, die er nur fürs Geld gemacht hat.

Samuel Finzi: Der mit den Frauen tanzt Fotos
Getty Images

Der Akzent des Ostens ist sein Markenzeichen: Samuel Finzi kam 1989 nach Berlin, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Er lernte es im Handumdrehen und spielte an den Schauspielhäusern und Theatern in Düsseldorf, Köln, Bochum, Zürich, Hamburg, Berlin und am Burgtheater Wien. Seit Til Schweigers Kinofilm "Kokowääh" kennt ihn ein breites Publikum, seit der ZDF-Serie "Flemming" hat er den Ruf der Quasselstrippe und des Frauenflüsterers.

SPIEGEL ONLINE: Herr Finzi, man ist versucht, Sie zu fragen, wie viele Frauen Sie heute schon angesprochen haben …

Samuel Finzi: Heute noch gar keine. Ich werde immer als Frauenversteher angepriesen, seit ich den Kriminalpsychologen Vince Flemming spiele. Dabei ist es eigentlich so: Er versteht alles - nur nicht die Frauen. Trotzdem hat er ein ausgeprägtes Interesse an ihnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie nicht?

Finzi: Ich habe großes Interesse an Menschen. Privat bin ich nicht der große Psychologe, der in die Abgründe der Menschheit schaut und jede Handbewegung analysiert.

SPIEGEL ONLINE: Flemming ist ein Beobachter: Er registriert jedes Zucken, jede Geste, jedes Blinzeln - hat das abgefärbt?

Finzi: Die Figur Flemming nimmt mich schon ein. Ich habe durch sie viel über Psychologie gelernt - aber auch, dass es schrecklich sein muss, mit einem Menschen wie ihm zusammenzuleben.

SPIEGEL ONLINE: Flemming moderiert die Radiosendung "Die Tricks der Seele", haben Sie eine Schwäche für Ratgebershows?

Finzi: Sehr, ich habe großen Respekt vor Radiomoderatoren und finde die Atmosphäre in einem Tonstudio unglaublich angenehm: Eingeschlossen in einen Raum, nur ein Mikrofon und man redet mit Menschen, die man nicht sieht.

SPIEGEL ONLINE: In Bulgarien sind Sie längst ein Star …

Finzi: … Bulgarien ist ein kleines Land. Die Dinge ändern sich dort rasant, man ist ganz schnell ein Star. Ich habe zuletzt 2006 einen Film dort gedreht. Heute heißen die großen Fernsehstars dort schon wieder anders.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben an den großen Schauspielhäusern in Deutschland gespielt. Einem breiten Publikum wurden Sie aber erst durch die TV-Serie "Flemming" und den Kinofilm "Kokowääh" bekannt. Ist das frustrierend?

Finzi: Nein, das ist normal. Man kann noch so viel Theater spielen, aber man wird nie 4,5 Millionen Zuschauer erreichen wie mit einem Film wie "Kokowääh". Und trotzdem wird meine Arbeit auf der Bühne für mich immer die wichtigste bleiben, ich spiele in Berlin gerade in vier Inszenierungen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie dann im Herbst 2010 Werbung für eine große Versicherung gemacht?

Finzi: Weil es eine riesige, künstlerische Herausforderung ist (lacht)! Ich spiele in dem Spot eine Figur. Es ist eine Rolle für mich. Gestern fuhr ich durch Berlin und sah Christoph Waltz, der für die Telekom wirbt. John Malkovich und George Clooney machen auch Werbung, ohne dass es ihnen schadet. Viele machen das heutzutage.

SPIEGEL ONLINE: Vor zehn Jahren war das noch anders …

Finzi: Das stimmt! Vor zehn Jahren hätte auch ich mich tausendmal gefragt, ob ich mich damit nicht verkaufe. Heute zerbreche ich mir darüber nicht mehr den Kopf. Ich bin mit oder ohne Werbung der gleiche gute oder schlechte Schauspieler. Ich hätte nicht ernsthaft gedacht, dass man ausgerechnet mich als Charakter für einen Werbeclip nimmt. Als es so war, habe ich mich gefreut und schnell zugesagt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater ist in Bulgarien als Schauspieler so bekannt wie Heinz Rühmann in Deutschland. Welche Privilegien hatten Sie dadurch im Sozialismus?

Finzi: Keine. Er war kein Parteimitglied, dem hatte er sich verweigert. Er galt als exzentrischer Mensch, der für das Wesen des Theaters und der Kunst gekämpft hat. Wir waren nicht im Geringsten privilegiert.

SPIEGEL ONLINE: Mit 13 Jahren sind Sie erstmals aus Bulgarien weg, mit Ihrem Vater nach Budapest zu einem Dreh. Kurz nach dem Mauerfall kamen Sie nach Berlin. Was ist Ihnen am eindringlichsten in Erinnerung geblieben?

Finzi: Eingeprägt hat sich mir meine Ankunft am Bahnhof Friedrichstraße: Überall standen Soldaten mit Gewehren und deutschen Schäferhunden. Aus den Lautsprechern dröhnte eine harte, mir fremde Sprache. Ich fühlte mich wie in einem sowjetischen Kriegsfilm: In den Fängen der bösen Deutschen (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Und das hat Sie nicht abgeschreckt?

Finzi: Mit 22 Jahren schreckt einen nichts ab. Obwohl ich kurzzeitig eingesperrt war, weil ich beim U-Bahn-Fahren meinen Fahrschein nicht abgestempelt hatte - aus Versehen, ich wusste nicht, dass man den extra entwerten muss. Die Kontrolleure waren nicht sehr freundlich zu mir, als sie meinen bulgarischen Pass sahen. Ich hatte das Gefühl, von deutscher Staatsmacht überwältigt worden zu sein. Die Situation erinnerte mich an meine stete Angst vor Menschen in Uniform und deren Willkür

SPIEGEL ONLINE: Wo ist heute Ihr Zuhause?

Finzi: Definitiv in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie an Bulgarien denken, dann ...

Finzi: ... denke ich nur Gutes (lacht). Ich werde bald wieder hinfliegen, meine Eltern besuchen. Viele meiner Freunde von früher leben jetzt wie ich im Ausland, aber sie kehren immer wieder zurück, und dann treffen wir uns in der Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihr Vater eine Ahnung davon, wie bekannt Sie inzwischen hier sind?

Finzi: Er ahnt es. Meine Eltern besuchen mich hin und wieder, schauen sich meine Stücke an. Sie sind sehr umtriebig. Aber er warnt mich oft.

SPIEGEL ONLINE: Wovor?

Finzi: Vor allem. Er hat einen ausgeprägten Aberglauben und spricht davon, dass man nichts zerreden darf oder als Schauspieler sein Gesicht nicht verbrauchen soll.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen dreijährigen Sohn. Gefällt Ihnen die Rolle als Vater?

Finzi: Das ist keine Rolle, das ist das Leben! Ich genieße es mit ihm, diese Lebenszeit kommt nie wieder. Es macht mich glücklich, ihn jeden Tag zu sehen und Zeuge seiner "Entdeckungen" zu sein.


"Flemming": Freitag, 21.15 Uhr, ZDF

Das Interview führte Julia Jüttner

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Zur Person
dapd
Samuel Finzi, 1966 in Plowdiw in Bulgarien als Sohn des Schauspielers Itzhak Finzi und der Pianistin Gina Tabakova geboren, kam 1989 über Paris nach Berlin. Er arbeitete an zahlreichen Theatern. Im November 2009 startete er mit der ZDF-Serie "Flemming" durch, im Februar 2011 sah man ihn neben Til Schweiger in dessen Kinofilm "Kokowääh". Zurzeit arbeitet er an vier Inszenierungen an Berliner Theatern. Demnächst beginnen die Dreharbeiten für Peter Sehrs Kinofilm "Ludwig II".