Schauspieler Matthias Brandt "Eine Idiotenstandarte kommt mir nicht ans Auto"

Zu seinem Vater Willy Brandt hatte er ein wenig inniges Verhältnis, mit seiner eigenen Tochter geht Matthias Brandt heute ganz anders um. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Schauspieler und Werder-Fan über die Kunst, ein guter Papa zu sein - und ein glücklicher Sohn.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Brandt, "Ich hab dich lieb" - das sagen heute Millionen Väter ihren Kindern vor dem Schlafengehen, so wie Sie das jetzt im ARD-Film "Ein Sommer mit Paul" sagen. In Ihrer Generation hätte ein solcher Satz wohl eher seltsam geklungen …

Brandt: Ja, weil es uns unangemessen erschienen wäre. Ich habe zu meinem Kind ein vollkommen anderes Verhältnis, als es meine Eltern zu mir hatten. Ich bin nach meiner Kinderzeit in eine andere Welt reingewachsen, als ich sie von Zuhause kannte. Den größeren Teil des Lebens wird der Mensch ja auch von anderen Menschen als von den Eltern geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Die Beziehung zu Ihrem Vater Willy Brandt haben Sie mal als "herzlich sprachlos" beschrieben. Konnte Ihre Mutter das distanzierte Verhältnis ausgleichen?

Brandt: Das Verhältnis zu meinem Vater war nicht besonders innig, aber ich habe das nie als Mangel empfunden. Er war so, wie er war und, wie alle Hochbegabten, ein sehr spezieller, auch schwieriger Mensch. Die angeblichen Probleme, die in diesem Zusammenhang immer thematisiert werden, werden von außen projiziert.

SPIEGEL ONLINE: Und das nervt Sie?

Brandt: Nicht unbedingt, ich verstehe ja die Neugier. Ich mag mir nur kein Problem anquatschen lassen, das ich gar nicht habe. Das Leben ist doch kompliziert genug, oder? Und ich staune manchmal, wer sich alles berufen fühlt, mich zu analysieren.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht kommen Ihre Äußerungen, dass das Vater-Sohn-Verhältnis im Hause Brandt nicht so ideal war, auch bedeutungsschwerer daher als von Ihnen beabsichtigt.

Brandt: Nein, ich meine das schon so, weil es so war - aber es war eben nicht schlimm. Und es geht gar nicht exponiert um mich, sondern darum, dass dieser Fakt viele betrifft, die Eltern im Alter meiner Eltern haben. Diese Kriegs- und Nachkriegsgeneration war nicht sonderlich gesprächig oder extrovertiert. Insofern habe ich das nie als mein Problem empfunden, sondern eher als typisch für meine Generation und die meiner Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten seit Ihrem achten Lebensjahr Polizeischutz, mussten auf arrangierten Familienfotos lächeln, Politikergrößen saßen mit Ihnen am Esstisch. Worum beneiden Sie Kinder, die anders aufwachsen, wie Ihre Tochter beispielsweise?

Brandt: Ich habe meine Kindheit als überhaupt nicht belastend empfunden. Kinder sind viel pragmatischer, die stellen vieles nicht in Frage und machen das Beste daraus. Ich zum Beispiel habe die Beamten hemmungslos instrumentalisiert, die mussten mit mir Fußball spielen. Vor ein paar Jahren habe ich zufällig einen von ihnen getroffen, das war irre nett und ein herzliches Wiedersehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je erwogen, einen Künstlernamen anzunehmen?

Brandt: Ja, das habe ich, aber das war mir dann doch zu doof, denn es war erstens nie ein Geheimnis und zweitens erfahren die Leute auch mit Künstlernamen, wer man ist. Es war immer eine Bürde für mich, mit diesem Namen zu leben, aber es war auch der Kampfname meines Vaters, aus der Zeit des Widerstands gegen die Nazis und ich fand, dass man den nicht einfach so ablegt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mutter war für Sie der prägende Elternteil. Gibt es Eigenschaften, die Sie Ihnen vererbt hat - oder die Sie vielleicht gern von ihr geerbt hätten?

Brandt: Ich trage meine Mutter nach wie vor sehr in meinem Herzen. Was sie mir ganz wesentlich vermittelt hat war, dass sie so wahnsinnig unspießig war. Sie hatte Stil und Eleganz und war gleichzeitig vollkommen unspießig. Das hat sich mir schon sehr früh eingeprägt. Ich rechne es ihr hoch an, dass sie mir das gar nicht mal bewusst vermittelt hat, denn ich glaube fest daran, dass man Kinder durch Vorleben erzieht.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Brandt: Je konsequenter man etwas vorlebt, desto überzeugender ist man.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fußballleidenschaft haben Sie nicht vom Vater, oder? Der soll von Fußball keinen blassen Schimmer gehabt haben.

Brandt: Das war wohl so. Ich habe als Kind zumindest mehr davon verstanden als er. Insofern war das ein Bereich, in dem ich nicht ganz unwichtig für ihn war. Weil selbst damals erkannt wurde, dass Fußballinteresse eine gewisse Publikumswirksamkeit hat. Heutzutage überbieten sich die Politiker ja bereits mit Fachkenntnissen - dank ihres Beraterstabs.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird man als gebürtiger Berliner wie Sie Werder-Fan?

Brandt: Warum man Fan wird, kann man nicht erklären. Muß man auch nicht. In eine Mannschaft verliebt man sich wie in einen Menschen. Das passiert einem einfach. Für mich ist es in erster Linie umständlich, von Berlin immer nach Bremen zu gurken. Ich habe das große Glück, meist mit einem Freund ins Stadion zu gehen, der auch eher zur nonverbalen Kommunikation neigt. Da gehen also zwei Männer schweigend ins Stadion, schauen sich schweigend das Spiel an und verstehen sich glänzend (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Eine Frau würde sagen: Dann könnten Sie auch alleine gehen.

Brandt: Ja. Stimmt. Das würde eine Frau sagen (lacht). Ich habe selbst lange Fußball gespielt und glaube, ich schweige deshalb beim Zuschauen, weil ich so konzentriert bin. Ich mag das Spiel einfach sehr. Nationale Wallungen erlebe ich allerdings nicht. Und die Idiotenstandarte kommt mir auch nicht ans Auto.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein politischer Mensch?

Brandt: Sicherlich. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich mich mit politischen Äußerungen zurückhalten möchte. Einfach weil das bei mir in einen Zusammenhang gestellt würde, der gar nicht besteht. Trotzdem habe ich politisch eine sehr klare Haltung.

SPIEGEL ONLINE: Im ARD-Film "Ein Sommer mit Paul" spielen Sie einen Zauberer. Lag Ihnen das?

Brandt: Ich mochte Zauberer schon als Kind total gerne. Ich hatte einen Zauberkasten, habe allerdings leider auch einmal im Rahmen einer Darbietung mein Elternhaus angezündet. Eine Hausangestellte hat es aber noch rechtzeitig bemerkt und das Feuer gelöscht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen manchmal 40, 50 Kilometer weit durch die Stadt radeln, einfach so. Was machen Sie dann?

Brandt: Gucken. Ich muss das, wovon ich erzähle, ja auch irgendwo herholen. Ich gehe auch sehr viel durch die Stadt und nehme einfach nur Eindrücke auf. Mir ist schon daran gelegen, dass sich eine Darstellung aus dem Leben und nicht aus einer anderen Darstellung ergibt. Und das Drehen eines Films bedeutet schon, dass ich für diese Zeit in einer sehr hermetischen Welt lebe und danach einen gewissen Nachholbedarf habe, wieder am Leben teilzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie auf der Straße erkannt oder angesprochen?

Brandt: Mein Freund Jan-Gregor Kremp sagt immer, er sei gesichtsbekannt. So ist das bei mir auch. Die Leute erkennen uns, wissen aber nicht, ob aus dem Fernsehen oder ob wir kürzlich ihre Waschmaschine repariert haben.

Das Interview führte Julia Jüttner



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