Elterncouch

Elterncouch Was tun, wenn das Baby schreit und schreit und schreeeiiit?

Der letzte Schrei? Leider noch lange nicht.
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Der letzte Schrei? Leider noch lange nicht.


Kleine Babys schreien. Wenn sie Hunger haben oder wenn sie müde sind. Und manche schreien so viel, dass die Eltern ratlos sind. Warum? Die Antwort darauf ist erstaunlich - und beruhigend.

In der Nähe unseres Zuhauses gibt es einen sehr steilen Weg. An diesem Tag ist es ein verflucht steiler Weg.

Willem hängt in seinem Tuch vor meinem Bauch und schreit. Mit einer Hand wippe ich ihn auf und ab, streichle seinen Rücken, klopfe auf seinem Popo herum. Das hilft manchmal, selten, jetzt gerade auf jeden Fall nicht. Mit der anderen Hand schiebe ich den leeren Kinderwagen vor mir her den Berg hinauf und versuche nebenbei, nicht auf dem nassen Laub auszurutschen. Willem schreit mich an, sein Schreien entwickelt sich von laut zu schrill zu verzweifelt. Er wirft sich ins Hohlkreuz, sein kleines Gesicht ist direkt unter meinem, die Stirn ganz kraus, die Wangen rot vor Anstrengung.

Willem ist ein wunderbares Baby. Wenn er lacht, muss ich mitlachen, wenn er mit seiner kleinen, weichen Hand meinen Finger greift und mich ansieht, ist es das reine Glück.

Und er schreit. Willem schreit mehr als unser erster Sohn Benjamin damals. Etwa zwei Stunden am Tag. Manchmal ist das mehr, als wir ertragen können. Oft mehr, als wir ertragen wollen.

Kein Oscar für die beste Vaterrolle

An Tagen, an denen ich ein wenig müde oder dünnhäutig bin, behandle ich Willem nicht wie ein Baby, sondern wie eine Handgranate, die jeden Moment explodieren könnte.

Meist lösen Therese und ich uns beim Kümmern ab, wenn einer nicht mehr kann. In den vergangenen Monaten haben wir gelernt, uns selbst und einander sehr genau zu beobachten: Oft erkennen wir beim anderen besser als bei uns selbst, wann es nicht mehr geht.

Am meisten stresst Willems Weinen, wenn Fremde anwesend sind. Wenn sich ein Café nach und nach leert, weil man dort ist, und mit den beiden Kindern nicht wieder raus in den Platzregen kann. Gott, kann ich den "Entschuldigen Sie bitte vielmals, vielmals, vielmals"-Blick schon gut. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass die anderen Anwesenden es meist bei Weitem nicht so schlimm finden wie ich. Trotzdem verbringe ich viel Zeit damit, mich zu schämen.

Nein, es sind keine Koliken

Auch neulich bei der Babymassage: ein gutes Dutzend Frauen mit ihren ruhigen, entspannten Babys - und ich mit Willem. Die anderen plauderten, hörten der Leiterin zu, spielten mit ihren entspannten, freundlichen Babys, ich tigerte mit dem schreienden Kerl um den Kreis herum und versuchte, nicht zu sehr zu stören. Einmal ist Willem für einen Moment still und alle sind kurz irritiert.

Schlimmer noch als das Schreien dort waren allerdings die vielen freundlich gemeinten Ratschläge. Ja, wir haben puken versucht, nein, es sind keine Koliken. Ja, wir haben das und das und das Medikament gegen Koliken versucht. Sind ja aber keine. Ja, wir waren beim Ostheopaten, drei Mal. Ja, wir glauben auch manchmal, dass es die Zähne sind. Aber vielleicht ist es auch nur ein Gedanke, der uns hilft, das Schreien besser zu ertragen. Als eine Frau fragt, ob wir es schon mit einem Schnuller versucht hätten, muss ich laut loslachen.

Am Ende der Stunde, finde ich, dass wir zwei es eigentlich ganz gut hinbekommen haben - und bemerke erst dann die rasenden Kopfschmerzen.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin (5) und Willem (1)

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.

Schreien - Deutsch, Deutsch - Schreien

Es gibt ein Buch mit einem Titel, der in dieser Situation eigentlich zu wunderbar klingt, um wahr zu sein: "Was sagt mein Baby, wenn es schreit." Also quasi ein Langenscheidt Schreien - Deutsch, Deutsch - Schreien? Ich rufe den Autoren an. Joachim Bensel ist Verhaltensbiologe und Mitinhaber der "Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen", einem selbstständigen Institut, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, "praxisrelevante Fragestellungen zur kindlichen Entwicklung" zu untersuchen. Eine heere Aufgabe.

"Können Sie etwas auf babyisch sagen?", frage ich ihn und es folgt gleich eine kleine Enttäuschung. "Es gibt keine spezifischen Schreie", sagt Bensel. "Einen Hungerschrei, ein Langeweile-Quengeln. Das hätten wir Wissenschaftler gerne gehabt. Etliche Forscher haben viele Jahre lang nach einem solchen System gesucht, nur um festzustellen, es gibt keinen Unterschied."

Und wie können wir unsere Kinder dann besser verstehen?

"Eine Kollegin sagte mal sehr schön, man müsse lernen, sein Baby zu lesen. Wann ist es wahrscheinlich müde, wann hat es wahrscheinlich Hunger? Es gibt schon Momente, in denen es relativ klar ist, was das Baby gerade braucht. Etwa nachmittags. Da sind die Babys meist am wachsten, kriegen am meisten von ihrer Umwelt mit. Mit dieser Flut an Reizen können manche Kinder schlecht umgehen - und schreien dann."

Ab wann muss ich mir Sorgen machen?

"Die normale Schreimenge bei Kindern bis zu drei Monaten liegt im Durchschnitt bei eineinhalb Stunden pro Tag. In diese Kategorie würde also auch Ihr Willem mit zwei Stunden gehören. Von einem Schreibaby spricht man, wenn das Schreien die Drei-Stunden-Grenze an mindestens drei Tagen in der Woche überschreitet. Dann ist es sehr wichtig, zum Arzt zu gehen und sich erst einmal abzusichern, dass es keine körperlichen Ursachen dafür gibt. Aber meist ist das nicht so."

Wie verbreitet ist das Phänomen?

"Etwa 13 Prozent aller Babys sind Schreibabys. Also ungefähr jedes achte."

Viel mehr, als ich gedacht hätte.

"Das liegt auch daran, dass das Thema sehr schambesetzt ist. Viele interpretieren das Schreien als etwas, was mit ihrer elterlichen Kompetenz zu tun hat. Aber das ist Unsinn. Manche Kinder sind einfach leichter von ihrer Umgebung irritiert als andere."

Was können Eltern noch tun?

"Wichtig ist, nicht zu denken, man müsse das aushalten. Im Gegenteil: Holen sie sich so viel Hilfe, wie es geht. Vom Partner, Onkels und Tanten, Großeltern, Freunden. In jeder größeren Stadt gibt es außerdem Schreisprechstunden. Außerdem Selbsthilfegruppen und Blogs, in denen Betroffene schreiben. Und irgendwann berichten: Es ist vorbei."

Wir sind alle Frühgeburten

Am Ende des Gesprächs erklärt er mir dann noch etwas, was mich nicht nur beruhigt, sondern geradezu in Hochstimmung versetzt: Alle Babys, die auf der Welt geboren werden, sind Frühgeburten, sogenannte physiologische Frühgeburten: Im Laufe der Evolution wurden unsere Gehirne und damit auch unsere Köpfe immer größer. Weil der Mensch aber auf zwei Beinen geht und sich das weibliche Becken daher nicht beliebig verbreitern ließ, hat die Evolution entschieden, alle Kinder drei Monate zu früh auf die Welt kommen zu lassen, damit der Kopf noch durch den Geburtskanal passt.

Klar. Wer eigentlich noch gemütlich im warmen, dunklen Bauch der Mutter sein müsste, ist von der Welt natürlich heillos überfordert.

Zurück auf dem steilen Weg. Er führt durch einen Park, herbstliches Licht scheint durch die Baumkronen, es ist kühl aber angenehm. Willem und ich schwitzen trotzdem. Ich, weil der Weg so steil ist, Willem, weil ihn das Schreien so anstrengt.

Als wir endlich oben angekommen sind, schreit Willem immer noch.

Er tut mir sehr leid.

Und ich mir auch.


Infos, Kontakte, Hilfe zum Thema und Erfahrungen von Eltern mit Schreibabys finden Sie auf der Website Trostreich.de.


Schreit Ihr Baby auch viel? Wie helfen Sie sich? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!



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30 Leserkommentare
IchUndTom 07.11.2016
taglöhner 07.11.2016
doctoronsen 07.11.2016
firenafirena 07.11.2016
ueberfuehrt 07.11.2016
lug&trug 07.11.2016
jamon 07.11.2016
trompetenmann 07.11.2016
Teilzeitalleinerzieherin 07.11.2016
ganzohnename 07.11.2016
junkyard 07.11.2016
sven2016 07.11.2016
Senf-Dazugeberin 07.11.2016
ganzohnename 07.11.2016
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mr.andersson 07.11.2016
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petra.stein 08.11.2016

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