Visum-Ärger wegen "Schwulen-Propaganda": Komm Duma lieber nicht, Selena Gomez!

Selena Gomez: Singen oder nicht singen Fotos
DPA

Plötzlich politisch: Die singende Schauspielerin Selena Gomez hat alle ihre Konzerte in Russland, Weißrussland und in der Ukraine abgesagt. Die Behörden wollten ihr offenbar kein Visum erteilen - aus Angst vor "homosexueller Propaganda". Russische Konzertveranstalter sind verzweifelt.

Moskau - Selena Gomez reiste als "jüngste Unicef-Botschafterin der Welt" schon mal nach Afrika, um arme Kinder zu herzen. Ansonsten machte sie vor allem mit ihrer On-off-Beziehung zu Teenie-Schwarm Justin Bieber von sich reden. Russlands Präsident Putin ist es nun gelungen, mit seiner rigiden Anti-Schwulen-Politik das durch und durch unpolitische US-Sternchen ins Rampenlicht binationaler Verstrickungen zu zerren.

Am 23. September hätte die singende Schauspielerin ("Hannah Montana", "Another Cinderella Story") im Petersburger Eispalast, zwei Tage darauf im Olympiastadion in Moskau auftreten sollen. Doch daraus wird nun nichts. Der Grund: Die russischen Behörden verweigerten der 21-Jährigen das Visum.

Die Konzertveranstalter bestätigten jetzt, dass die "Come and Get It"-Sängerin die geplanten Auftritte ihrer "Star Dance"-Tour in Russland abgesagt habe. Auch auf Performances in Weißrussland und in der Ukraine verzichtete die Künstlerin. Das nächste Konzert wird demnach am 27. September in Dubai stattfinden.

Schuld an den Absagen sind offenbar neue Regeln für Künstler, die aufgestellt wurden, nachdem Madonna und Lady Gaga während ihrer Auftritte in Russland explizit die Rechte von Schwulen und Lesben eingefordert hatten. Madonna war im März 2012 in St. Petersburg aufgetreten, auf ihrem Rücken die Aufschrift "No Fear", "Keine Angst". Dies wurde als Provokation empfunden -die Sängerin wurde angezeigt wegen "homosexueller Propaganda". Lady Gaga hatte auf einer russischen Bühne erklärt: "Heute Abend ist das hier mein Haus Russland. Ihr könnt schwul sein in meinem Haus."

Der Bassist der Bloodhound Gang hatte für schwere Verstimmung gesorgt, als er sich während eines Konzerts eine russische Flagge durch den Schritt zog.

"Die Behörden haben danach die Vorschriften zur Visaerteilung für ausländische Musiker und Künstler geändert", sagte ein Sprecher der Russian Entertainment Academy. Vorausgegangen war laut Nachrichtenagentur Ria Nowosti eine Beschwerde des Petersburger Politikers Witaly Milonow von der Putin-Partei "Einiges Russland", der sich für das Anti-Schwulen-Propaganda-Gesetz eingesetzt hatte.

"Die Weigerung, Selena Gomez ein Visum zu erteilen, zeigt, dass die russische Regierung sehr sensibel und defensiv reagiert", sagte der US-Autor und LGTB-Aktivist John Becker E!News. Becker hatte eine Online-Petition auf Change.org gestartet, in der er forderte, Gomez solle sich bei ihren Auftritten für die Rechte der Schwulen und Lesben in Russland einsetzen. Der Widerstand gegen das umstrittene Gesetz zur Verhinderung sogenannter homosexueller Propaganda unter Jugendlichen sei weltweit groß. Jetzt habe Russland Angst, "dass jemand wie Selena Gomez einreist und ihren Auftritt nutzen könnte, um die Rechte von Schwulen und Lesben einzufordern".

Beckers Online-Petition wurde bereits von 14.000 Menschen unterzeichnet. Gomez selbst hat sich bisher nicht zur grassierenden Homophobie in Russland geäußert.

"Die bürokratischen Momente"

Während auf der einen Seite die Vorschriften verschärft werden, soll auf der anderen die Visaerteilung für "Kurzaufenthalte" ausländischer Künstler erleichtert werden. Wie der russische Minister für Kultur, Wladimir Medinskij erklärte, wird die Einreisebehörde der Russischen Föderation Ende November einen entsprechenden Gesetzentwurf einreichen. Ein diplomatischer Besänftigungsversuch? Wohl kaum. Derzeit reisen Künstler und ihre Entourage überwiegend mit Touristenvisa oder auf Einladung offizieller Stellen ein. Kurzfristige Einreisegenehmigungen sind teuer, ihre Beschaffung kann nervenaufreibend sein.

Die Konzertpromoter raufen sich angesichts der Entwicklung die Haare: "Kein Mensch wird mehr zu uns kommen, wenn die Generalstaatsanwaltschaft nach Schuldigen sucht", sagte Veranstalter Jewgenij Finkelstein. "Wir haben bis zuletzt gedacht, dass das Problem gelöst wird, aber es hat sich erwiesen, dass das in unserem Land nicht so einfach ist", sagte ein Sprecher der Veranstalter der Agentur Ria Nowosti. "Das Problem sind nicht wir, sondern die bürokratischen Momente."

Im Juni war der Gesetzentwurf gegen "Homosexuellen-Propaganda" unter Jugendlichen von der Duma verabschiedet worden. Das Gesetz stellt die Bewerbung "nicht-traditioneller" sexueller Praktiken unter Jugendlichen unter Geldstrafe. Das Gesetz ist im Wortlaut wenig konkret.

Kreml-Chef Putin hatte erst gestern wieder für Kopfschütteln gesorgt, als er erklärte, Italiens Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi stehe in seiner Heimat vor Gericht, weil er mit Frauen zusammenlebe. "Wäre er ein Homosexueller, hätte ihn niemand auch nur mit einem Finger angerührt", sagte Putin auf einer Diskussionsveranstaltung im russischen Waldai.

ala

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