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Priester in Russland: "Alle wussten, dass ich schwul bin"

Von , Toljatti

Schwule sind "Perverslinge" - da vertritt die russisch-orthodoxe Kirche einen klaren Standpunkt. Dennoch duldete sie über Jahre Artjom Wiecielkowski, einen offen schwulen Priester. Dann wurde er plötzlich geoutet - und verstand seine Kirche nicht mehr.

"Dass ich schwul bin, sah ich nicht als Sünde": Artjom Wiecielkowski auf dem Petersplatz in Rom Zur Großansicht
Artjom Wetschelkowski

"Dass ich schwul bin, sah ich nicht als Sünde": Artjom Wiecielkowski auf dem Petersplatz in Rom

Einen wie Artjom Wiecielkowski darf es eigentlich nicht geben. Er war Priester - und er ist schwul. Homosexualität gilt in der russisch-orthodoxen Kirche als Sünde. Doch Wiecielkowski ist da, er trinkt einen Tee in seiner kleinen Küche in der Wolgastadt Toljatti. Auf seinem Smartphone wischt er durch die Drohungen christlicher Fundamentalisten, die in seinem Facebook-Postfach landen, seit ihn ein russischer Journalist auf einem Internetportal gegen seinen Willen outete. "Der Typ hatte es wohl auf einen Skandal abgesehen, aber für meine alten Kollegen war das ohnehin keine Neuigkeit." Wiecielkowski lacht.

"Ich war zwölf Jahre in der Kirche", sagt der Ex-Priester. "Am Seminar und in der Diözese wussten alle, dass ich schwul bin, nur an die Öffentlichkeit sollte ich damit nicht." Noch vor einem halben Jahr hielt er am orthodoxen Theologieseminar regelmäßig Gottesdienste ab, bis er auf eigenen Wunsch ging.

Ex-Priester Wiecielkowski: "In der Diözese wussten alle, dass ich schwul bin" Zur Großansicht
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Ex-Priester Wiecielkowski: "In der Diözese wussten alle, dass ich schwul bin"

Die Geschichte des 35-Jährigen klingt unglaublich, gilt die russisch-orthodoxe Kirche doch als eine der Triebkräfte der konservativen Wende in der russischen Gesellschaft, die der Kreml seit Jahren vorantreibt. Führende Kirchenvertreter wie Wsewolod Tschaplin geißeln Homosexuelle als "Perverslinge" und stellen sie in eine Reihe mit Dieben und Betrügern. Das Moskauer Kirchenoberhaupt Kirill sieht in der Ehe-Gleichstellung für Homosexuelle ein "gefährliches apokalyptisches Symptom". Vor zwei Jahren trat in Russland das Gesetz gegen sogenannte homosexuelle Propaganda in Kraft. Es stand lange auf dem Wunschzettel der Kirche und belegt unter dem Vorwand des Kinderschutzes jede positive Äußerung über Homosexualität mit einer Geldstrafe.

"In der Kirche gibt es nicht weniger Schwule als anderswo"

Der Zwiespalt zwischen der offiziellen Position der Kirche und seiner Laufbahn wundert Wiecielkowski nicht: "Auf der einen Seite ist die Rhetorik, auf der anderen das Leben. In der Kirche gibt es nicht weniger Schwule als anderswo, auch in den oberen Rängen. Natürlich verstecken sich die meisten, ich tat es nie. Meine Arbeit am theologischen Seminar der Diözese Samara war eben wichtig, also ließ man mich in Ruhe."

Der heutige Ex-Priester fand als 22-Jähriger zum Glauben, er beschreibt diese Veränderung als plötzliches, mystisches Erweckungserlebnis: "Von einem Moment auf den anderen war ich kein Atheist mehr." Der Linguistik-Absolvent schlug eine akademische Laufbahn aus und schrieb sich 2004 am Theologieseminar in der Nachbarstadt Samara ein. "Damals war mir einfach klar: Ich werde mein Leben in der Kirche verbringen. Dass ich schwul bin, sah ich nicht als Sünde." Ohnehin war seine Homosexualität nie ein Problem für Familie und Freunde, und auch nicht für die Kirche - angefangen mit seinem ersten Beichtpriester: "Vater Tichon, Gott habe ihn selig, sagte über meine Homosexualität nie ein böses Wort."

  Konfliktstoff für die Kirchenleitung: "Ich predigte zum Beispiel Evolutionstheorie"  Zur Großansicht
Artjom Wetschelkowski

Konfliktstoff für die Kirchenleitung: "Ich predigte zum Beispiel Evolutionstheorie"

Nach dem Abschluss stieg Wiecielkowski schnell in den Kirchenstrukturen auf, schon bald unterrichtete er Altgriechisch am Seminar, dann kamen theologische Fächer hinzu. Die Priesterweihe vor acht Jahren war der nächste logische Schritt - und das war schon Teil des Problems. "Die orthodoxe Kirche ist eine sehr starre, autoritätsgläubige Institution", sagt Wiecielkowski. "Du kannst ein ungebildeter Rüpel sein, wenn du Priester bist, zählt deine Stimme mehr als die eines Professors."

Der streitlustige Neuling geriet immer öfter in Konflikt mit der Leitung des Seminars. Um seine Homosexualität ging es dabei nie, vielmehr um seine Lehrtätigkeit und seine Art. "Viele Russen meinen, beim Christentum gehe es um Trauer und Trübsal. Das sehe ich anders." Ein Priester, der Witze macht und zusammen mit seinen Studenten lacht - für viele Kirchenoberen ein Problem. Dazu kamen extravagante Bibelinterpretationen: "Ich predigte zum Beispiel Evolutionstheorie", erzählt Wiecielkowski. "Wie hätte ich im 21. Jahrhundert darauf verzichten können?" Daraufhin schwärzte ihn einer seiner Studenten bei der Diözese an.

"Die Kirchenspitze biedert sich bei Fundamentalisten an"

Wiecielkowski Bekehrung dauerte eine Sekunde, sein Abfall vom Glauben brauchte Jahre. Warum er heute nicht an Gott glaubt? "Ich habe einfach zu viele Bücher gelesen", sagt Wiecielkowski und lacht. Theologische Traktate und philosophische Abhandlungen hätten seinem Glauben nach und nach den Kern entzogen: "Was mich damals an Gott glauben ließ, war geistige Umnachtung", sagt der Ex-Priester heute. Jenseits der Transzendenz half die Politik der Kirchenspitze nicht gerade, die Zweifel des jungen Priesters an seinem Leben in der Kirche auszuräumen.

Beim Pussy-Riot-Prozess 2012 forderte die Kirche lange Gefängnisstrafen für die Punkmusikerinnen - für Wiecielkowski schon damals unverständlich. Seitdem hat sich die Situation nicht gebessert, meint er: "Die Kirchenspitze biedert sich bei Fundamentalisten an und hetzt das Volk gegen Minderheiten auf. Der liberale Flügel der Kirche spielt keine Rolle mehr."

Die Kirche hatte sich verändert. Seit der erzkonservative Patriarch Kirill 2009 an die Macht kam, mache sich das Moskauer Patriarchat immer mehr zum Werkzeug des autoritären russischen Staates. Die Religion der Kirchenspitze in Moskau habe mit Christentum nichts mehr gemein: "Der Patriarch predigt Bescheidenheit und trägt eine Uhr für 30.000 Dollar - wie soll ich das rechtfertigen? Dann ist da der Erzpriester Tschaplin, er erklärt russische Luftangriffe in Syrien zu einem heiligen Kampf - ist das noch Christentum?"

Heute bezeichnet sich der Ex-Priester als Agnostiker. "Meine Zeit in der Kirche bereue ich nicht, ich habe viele tolle Menschen getroffen, die meine Freunde wurden - aber ich musste raus." Jetzt hofft Wiecielkowski, einen Job als Sprachdozent an der Uni zu finden, zählt aber nicht darauf: "Ein Anruf von der Diözese, und meine Bewerbung landet im Papierkorb." Aufgeben will der Kirchenkritiker noch lange nicht. "Meinen Glauben an Gott habe ich verloren, aber nicht den an die Menschheit - und die Vernunft."

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