Gegen das Alzheimer-Stigma Komiker Seth Rogen hält Brandrede vor Senat

So viel gab es im Senat in Washington selten zu lachen, und das auch noch trotz eines ernsten Themas. Aber Schauspieler Seth Rogen schaffte es, mit Witz auf die Situation von Alzheimer-Erkrankten aufmerksam zu machen. Ein Thema, von dem er selbst betroffen ist.

DPA

Washington - Eines wollte Seth Rogen gleich mal klarstellen: "Mir ist bewusst, dass es hier nicht um die Legalisierung von Marihuana geht." Der kanadische Schauspieler ("Beim ersten Mal", "Take this Waltz") war vielmehr aus einem weit wichtigeren Grund nach Washington gekommen, um dort vor dem Senat zu sprechen. Es ging um etwas, das er sich vor einigen Jahren noch so vorgestellt hatte: Nur sehr, sehr alte Menschen bekommen es und die Symptome sind, den Schlüssel zu vergessen, die Schuhe falsch herum anzuziehen und häufiges Nachfragen. Es ging um Alzheimer.

Heute weiß Rogen, dass seine Vorstellungen mit der Realität der Krankheit wenig zu tun haben. Gelernt hat er das durch seine Schwiegermutter. Als er sie vor neun Jahren zum ersten Mal traf, war sie 54 Jahre alt. Ein Jahr später wurde bei ihr Alzheimer diagnostiziert, berichtet Rogen in Washington. "Sie vergaß, wer wir und andere Menschen sind, denen sie nahestand. Sie wusste nicht mehr, wie man spricht, wie man isst, sie konnte sich nicht mehr alleine anziehen oder selbständig auf Toilette gehen." Da war sie gerade 60 Jahre alt.

Die Familie setze nun alles daran, ihr den Alltag so angenehm wie möglich zu gestalten, trotz allem. Eine andere Sache sei ihm aber erst aufgefallen, nachdem jemand aus seinem unmittelbaren Umfeld betroffen war: Dass die Krankheit Alzheimer heute noch mit Scham besetzt sei. "Noch bevor ich auf die Welt kam war auch Krebs so stigmatisiert, dass die Menschen, wenn sie davon betroffen waren, lieber darüber schwiegen, anstatt zu sprechen und anderen Menschen mit ihrem Schicksal Mut zu machen. Es sieht so aus, als stünden wir heute mit Alzheimer an der gleichen Stelle."

"Flüstern ist nicht genug"

Er sei aus verschiedenen Gründen in die US-Hauptstadt gekommen, erzählte Rogen weiter. "Zum einen bin ich ein großer 'House of Cards'-Fan. Deshalb musste ich einfach hier sein." Zum Zweiten gehe es ihm darum, dass die Betroffenen mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten. Allein die finanzielle Belastung für die Familien werde häufig nicht gesehen. "Wenn die Amerikaner irgendwann beschließen, dass sie keine Komödien mit Genitalhumor mehr sehen wollen, kann ich die Behandlungen nicht mehr bezahlen. Also entscheiden Sie sich bitte nicht so", scherzte der 31-Jährige.

Die vertrackte Lage habe sogar dafür gesorgt, dass er, ein egozentrisches Kind im Männerkörper, eine eigene Hilfsorganisation gründete: "Hilarity for Charity". Die wendet sich vor allem an Jugendliche, die sich ehrenamtlich für die Betroffenen engagieren und so mehr über die Krankheit lernen sollen. Aber auch der Staat solle mithelfen, fordert Rogen. "Die Menschen flüstern das Wort Alzheimer, weil die Regierung das Wort Alzheimer flüstert. Und auch wenn ein Flüstern besser ist als ein Schweigen, ist es noch nicht genug. Es sollte herausgeschrien werden bis es endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient und braucht."

Dass es bis dahin noch ein langer Weg ist, muss sich Rogen nach seiner Rede dennoch eingestehen - obwohl der YouTube-Clip dazu schon mehr als 500.000-mal angeklickt wurde. So hatte der republikanische Senator Mark Kirk vor dem Beitrag des Schauspielers den Raum verlassen. "All die leeren Stühle der Senatoren, die Alzheimer nicht als wichtig erachten", twitterte Rogen im Anschluss resigniert. "Solange nicht mehr Lärm gemacht wird, wird es sich nicht ändern."

vks

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Paradigm24 27.02.2014
1. Fehlübersetzung
Also beim Tweet hapert die Übersetzung schon arg. Seth Rogen schreibt "All die leeren Stühle sind Senatoren, welche Alzheimer nicht als wichtig erachten. SOLANGE nicht mehr Lärm darum gemacht wird, wird sich daran nichts ändern".
flosse66 27.02.2014
2. Das Video ist wirklich sehenswert
Finde es gut, wenn sich ein namhafter Schauspieler für eine gute Sache engagiert. Hatte eigentlich den Eindruck, dass jeder Schauspieler, jede Schauspielerin über 55, die nicht Jack Nicholson oder Meryl Streep ist, nur Alzheimer-Rollen angeboten bekommen, aber scheinbar ist die Wahrnehmung dieses Problems noch immer unterentwickelt. Glaube auch, dass in diesem Senatsunterausschuss selten so viel gelacht wurde. Und das, obwohl Al Franken Senator von Minnesota ist...
chen-men 07.03.2014
3. Vorbeugen
Es ist gesichert, daß bei Neurodegeneration - so auch bei Alzheimer - Eisen im Gehirn eine ganz wichtige schädliche Rolle spielt (für Einzelheiten reicht hier der Platz nicht). Individuell unterschiedlich reichern wir im Laufe des Lebens Eisen im Körper an, weil wir keinen Auscheidungsmechanismus für Eisen haben - außer Blutverluste (denn im roten Blutfarbstoff Hämoglobin ist viel Eisen enthalten). Der einfachste Weg, Eisen loszuwerden, ist Blutspenden. Leider weigern sich die "Forscher" zu klären, ob Blutspender vor Demenz geschützt sind - ich habe sie dutzendweise angeschrieben, auch sogenannte Selbsthilfe-Organisationen, "Gesundheits"-PolitikerInnen... Es sollte jeder selbst überlegen und entscheiden, ob er oder sie nicht zum Blutspenden geht, um damit wahrscheinlich auch sein "Oberstübchen" zu schützen.
chen-men 07.03.2014
4. Lüge: Alzheimer sei nicht aufzuhalten
Habe mir das Rogen-Video angeschaut. Er wiederholt die Lüge, die uns seit inzwischen 23 Jahren um die Ohren geschlagen wird, daß Alzheimer nicht aufzuhalten sei. Tatsache ist, daß 1991 im LANCET eine ERFOLGREICHE Studie von Crapper McLachlan et al. aus Toronto mit dem seit "ewig" zugelassenen eisen-auschleusenden Medikament Desfer(ri)oxamin / Desferal(R) veröffentlicht wurde. Diese Studie wird von tausenden Alzheimer-"Forschern" weltweit einfach ignoriert. Ich habe Dutzende darauf hingewiesen (etwa mehrfach den "Experten" Prof. K. Beyreuther / Heidelberg) - sie antworten einfach nicht, es ist völlig klar, daß sie nicht diskutieren wollen. Der SPIEGEL hat eine Wissenschafts-Redaktion. Von einem aufklärerischen Medium erwarte ich, daß es aufklärt, also beispielsweise die unablässig wiederholte Lüge überprüft und dann die vermeintlichen "Experten" zur Rede stellt. Ich bin sicher, daß der SPIEGEL eine bessere Chance hat als ich, Antworten / "Argumente" von den sogenannten "Experten" zu hören, beispielsweise auch denen des sog. "Exzellenz-Clusters" in Tübingen: Hertie-Institut usw., die mit Forschungsmitteln geradezu überschüttet werden - aber jegliche Diskussion verweigern.
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