Comeback einer Affäre Lewinsky? So Neunziger!

Jahrelang schwieg sie, jetzt ist sie wieder da: Monica Lewinsky meldet sich ausführlich zu Wort - sie will einen Schlussstrich unter die Affäre mit Ex-Präsident Clinton ziehen. Kann das gelingen?

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Von , Washington


Wie eine Fliege, die auf alle Ewigkeit in einem Klumpen Bernstein konserviert ist: eine 40-Jährige, die festhängt in einem Leben, das geprägt ist von dem, was sie in ihren zwanziger Jahren getan hat. So hat die "New York Times"-Kolumnistin Maureen Dowd jene Frau beschrieben, die vor fast 20 Jahren eine Sex-Affäre mit dem mächtigsten Mann der Welt pflegte: Monica Lewinsky.

An diesem Donnerstag kehrt Lewinsky zurück in die Öffentlichkeit. Auf sechs Seiten und mit 4300 Worten im US-Magazin "Vanity Fair" will sie die Vergangenheit hinter sich lassen: "Das blaue Kleid begraben", wie sie unter Anspielung auf jenes Kleidungsstück schreibt, auf dem sich die Spermaspuren Bill Clintons befunden haben sollen.

Experten sprechen in einem solchen Fall vom "Historisieren" eines Stoffs: Man tritt einen Schritt zurück, der Dunst des Zeitgenössischen verzieht sich und erlaubt die kühlere Analyse, vorsichtig wird das Thema der hastigen Gegenwart entzogen.

Ist es das, was Lewinsky mit ihrem Text bezweckt? Will sie tatsächlich ein Kapitel ihres Lebens schließen?

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Monica Lewinsky über Clinton: "Ich. Bedaure. Zutiefst. Was. Passiert ist"
Gut möglich, dass sie das will. Und der Clinton-Dynastie mag sie schon allein mit dem Versuch dazu einen reichlich großen Gefallen tun. Aber sie selbst wirkt doch weiterhin gefangen im Bernsteinklumpen. Rund zehn Jahre haben wir nichts von ihr gehört, jetzt sehen wir sie auf einer Doppelseite unter der Zeile "Scham und Überleben" lächelnd im weißen Kleid auf roter Couch. Keine Bildunterschrift ist nötig: Sie sieht noch genauso aus wie vor knapp 20 Jahren. Man erkennt sie sofort. Monica Lewinsky ist noch immer die Lewinsky-Affäre. "Sie ist das vergessene, tragische Roadkill dieser Affäre", schreibt die "Washington Post".

Lewinsky ist nicht verheiratet, hat ihren Namen nicht geändert; vor langer Zeit gab sie ihn sogar für eine Handtaschenkollektion her. In London hat sie einen Master in Sozialpsychologie gemacht, aber wegen ihres Namens und Wiedererkennungswerts bisher offenbar keine dauerhafte Anstellung gefunden, schreibt sie. Vor mehr als zehn Jahren spielte sie sich selbst in einem HBO-Dokumentarfilm. Damals begründete sie das so: "Ich kann nichts daran ändern, dass sich die Leute ein bestimmtes Bild von mir gemacht haben. Aber das sollte mich nicht davon abhalten, einige Fehlwahrnehmungen von mir zu korrigieren."

Genau so könnte es auch heute in ihrem "Vanity Fair"-Text stehen. Lewinsky ist weiterhin die Gefangene ihrer selbst.

Dagegen sind die Clintons auf dem neuerlichen Weg ins Weiße Haus, diesmal mit Hillary als Präsidentin. Der alternde Bill Clinton legt seit Jahren umjubelte Auftritte hin. Die Affäre Lewinsky? So dermaßen Neunziger! Die Clintons sind drüber hinweg, sind schon viel weiter. "Während wir Bill Clinton längst vergeben haben, ist sie noch immer der Late-Night-Joke; er ist der Staatsmann - und Lewinsky ist die Frau, die dumm genug war, ihm einen zu blasen", kommentiert "The Daily Beast".

"Beziehung im gegenseitigen Einverständnis"

Hillary Clinton wird von Lewinskys Artikel profitieren. Denn dort wird das bestätigt, was Bill und Hillary ja stets betont hatten: dass die Sex-Affäre auf Einvernehmen gründete. "Natürlich hat mich mein Boss ausgenutzt", schreibt Lewinsky über das Verhältnis zum US-Präsidenten: "Aber es war eine Beziehung im gegenseitigen Einverständnis." Der eigentliche "Missbrauch" habe sich nach Auffliegen der Liebesaffäre ereignet. Sie sei zum "Sündenbock" gemacht worden, um die Machtposition von Clinton nicht zu gefährden.

Gemünzt auf Hillary fügt sie hinzu: Es sei an der Zeit, damit aufzuhören, "auf Zehenspitzen um meine Vergangenheit und um die Zukunft von anderen Leuten zu schleichen". Die Zukunft der anderen - das ist Hillary Clintons mögliche Präsidentschaftskandidatur. Lewinsky räumt die Stolpersteine schon jetzt ab. Damit zementiert sie die bisherige Rollenverteilung: Da ist die betrogene aber zugleich unter Schmerzen loyale und toughe Hillary; da ist Bill, der einstige Filou, heutige Erotik-Pensionär und geachtete Staatsmann. Monica aber bleibt die "narzisstische, bekloppte Witzfigur" - wie sie einst von Hillary Clinton, stets dem familiären Machterhalt verschrieben, bezeichnet worden sein soll.

Und die Amerikaner? Sie sind durch Lewinsky und die Folgen weiter abgestumpft. Seit Nixons Watergate-Affäre in den Siebzigern ist das Vertrauen in die Politik gesunken; in den Achtzigern gaukelte Ronald Reagan den Leuten vor, die Regierung sei "das Problem und nicht die Lösung"; in den Neunzigern lähmte sich Clinton mit seiner Affäre politisch - und bestätigte Vorurteile: "Von Beginn an hielt man den Präsidenten für promiskuitiv; die Politiker galten als Lügner; und die Medien als sensationalistisch", schreibt Joe Klein in seiner Clinton-Biografie "The Natural".

Dieses Misstrauen hat sich über die Jahre verschärft - und das politische System weiter gelähmt. So hat es den Aufstieg der Tea-Party-Bewegung befördert und damit zugleich die Blockade Washingtons vorangetrieben. Davon wiederum profitieren populistische Politiker wie der radikalliberale US-Senator und mögliche Präsidentschaftskandidat Rand Paul, der sich als Außenseiter inszeniert, das System neuerlich blockiert, um dann in den Wahlkampf "gegen Washington" zu ziehen.

Es ist wohl kaum Zufall, dass ausgerechnet Rand Paul die Lewinsky-Affäre schon vor Wochen zum "Faktor" in einem möglichen Präsidentschaftswahlkampf gegen Hillary Clinton erklärt hat.



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