Silbermedaille in Vancouver Abtrünniges Akt-Modell düpiert Russlands Biathleten

Von Moskaus Boulevardpresse wurde sie wegen ihrer Nacktfotos verspottet, jetzt triumphierte Jelena Chrustaljowa bei den Olympischen Spielen. Weil Russlands Biathlonteam keinen Platz für sie fand, startete sie für Kasachstan - und lief zu Silber.

Von , Moskau


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Jelena Chrustaljowa: Die Silberschützin

Zwanzig Mal hat sie den Abzug ihres Gewehrs gedrückt. Zwanzig Mal hat Jelena Chrustaljowa, 29, erfolgreich auf die kleinen schwarzen Scheiben am Schießstand im Whistler Olympic Park gezielt und gleichzeitig mitten ins stolze Herz der Biathlon-Nation Russland getroffen.

Am Donnerstag gewann die Athletin bei den Olympischen Spielen Silber im 15-Kilometer-Rennen der Damen, es ist der größte Erfolg ihrer Karriere. "Ich bin noch selbst ganz geschockt von dem Ergebnis", sagte Chrustaljowa, Absolventin der renommierten Sportuniversität Krasnojarsk, kurz nach dem Finish.

Erschüttert ist jetzt auch Russland, denn die Sportlerin ist eine Abtrünnige: Chrustaljowa hat die Medaille für Kasachstan errungen, weil sie keinen sicheren Startplatz in der russischen Nationalmannschaft fand. Russlands Biathleten dagegen, bei den Winterspielen in Turin 2006 noch Medaillengarant, sind bislang gänzlich leer ausgegangen.

Spott und Häme der patriotisch gesinnten Moskauer Presse musste Chrustaljowa vor den Spielen über sich ergehen lassen. "Die einen trainieren eifrig", schrieb die Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda", "die anderen versuchen, durch provozierende Auftritte Aufmerksamkeit zu erregen". Chrustaljowa hatte für die kasachische Ausgabe des Männermagazins "Men's Health" posiert, mit Gewehr und Skiern, ansonsten splitterfasernackt.

"Der ästhetische Wert der Aufnahmen ist, vorsichtig formuliert, nicht ganz unstrittig", kommentierte das Blatt die freizügigen Aufnahmen abschätzig. Man könne nur dem "Mut der Athletin applaudieren", ihren Körper so der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der durchtrainierte Körper der Sportlerin hat wenig gemein mit den Kurven der üppigen Schönheiten, mit denen russische Revolverblätter sonst ihre Seiten zu schmücken pflegen.

In Vancouver jedoch triumphierte Chrustaljowa - gleich drei russische Konkurrentinnen hat sie hinter sich gelassen - nur die Norwegerin Tora Berger war noch schneller als sie.

Chef des russischen Olympiakomitees "sofort zum Teufel jagen"

Chrustaljowas Sieg befeuert in Moskau die Diskussion über das schwache Abschneiden des eigenen Olympiateams. Vielleicht liegt es an den verschärften Dopingkontrollen. Weltmeisterin Jekaterina Jurjewa etwa wurde positiv auf Epo getestet und für zwei Jahre gesperrt.

Russische Biathleten waren in den vergangenen Jahren immer wieder des Dopings verdächtigt worden. Zuletzt nahm das ZDF einen Bericht der internationalen Anti-Doping-Agentur Wada auf, wonach staatliche Stellen in Russland die Arbeit der Kontrolleure massiv behinderten.

In Vancouver drohen die Russen die Generalprobe für Sotschi zu verpatzen. In der russischen Schwarzmeerstadt finden 2014 die nächsten Winterspiele statt. Doch die Medaillenbilanz in Vancouver ist für den künftigen russischen Gastgeber bislang eine Schmach: einmal Gold, einmal Silber, einmal Bronze, Rang elf im Medaillenspiegel, nur knapp vor den Niederländern. Sogar Platz eins im ewigen Medaillenspiegel der Winterspiele haben die Russen abgeben müssen, es führt jetzt Deutschland.

Höchst alarmiert schaltet sich die Politik ein. Abgeordnete der Liberaldemokratischen Partei des Rechtspopulisten Wladimir Schirinowski - im Parlament immerhin drittstärkste Kraft - fordern den Rücktritt von Sportminister Witaly Mutko, wenn das russische Team nicht zu siegen beginne. Den Chef des russischen Olympiakomitees Leonid Tjagatschew solle man sogar "sofort zum Teufel jagen".

"Ich glaube nicht, dass mich das Sportkomitee begrüßen wird"

Tjagatschews Demission ist allerdings wenig wahrscheinlich. Der Funktionär, vom sowjetischen Geheimdienst einst als Agent "Elbrus" geführt, verfügt über beste politische Kontakte: Er unterweist Premierminister Wladimir Putin im Skifahren.

Biathletin Chrustaljowa ist es nicht leichtgefallen, gegen die eigenen Landsleute zu laufen. "Aber nur wenn ich starten kann, habe ich überhaupt eine Chance." Sie ist deshalb schon unter weißrussischer Flagge angetreten, 2002. Danach wollte sie sich wieder bei den Russen durchbeißen, vergeblich.

Sie wird jetzt in die Heimat zurückkehren, allerdings nur für einen Besuch bei ihren Eltern. Ob sie denn auf einen großen Empfang in Krasnojarsk hoffe, auf eine triumphale Rückkehr?, haben sie Reporter eben jener "Komsomolskaja Prawda" in Vancouver gefragt. "Ich glaube nicht, dass mich das örtliche Sportkomitee oder die Biathlonakademie begrüßen wird", antwortete Chrustaljowa. "Und offen gestanden ist mir das auch gleich."

Stattdessen erinnerte die Sportlerin die Journalisten an die Worte des russischen Biathlontrainers. Der hatte 2005 keinen Platz im Team für die Sportlerin: "Mir ist die Chrustaljowa egal", sagte er damals. "Uns geht es um Medaillen."



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