Skandal um Harvey Weinstein "Kultur der Komplizenschaft"

Im Skandal um Filmproduzent Harvey Weinstein werden neue Vorwürfe bekannt: Er wird der Vergewaltigung beschuldigt. Nun ringt Hollywood mit der Erkenntnis, dass viele sein Benehmen duldeten.

Von , New York


Die italienische Schauspielerin Asia Argento war in ihrer Heimat bereits ein Star, als sie Harvey Weinstein kennenlernte. Zweimal schon hatte sie "Italiens Oscar" gewonnen, den David di Donatello. Jetzt lockte Hollywood.

1997 war das, als der US-Filmproduzent Weinstein die damals 21-Jährige zu einer Party einlud. Stattdessen aber, so berichtet Argento jetzt, habe er sie alleine in seiner Hotelsuite empfangen - und vergewaltigt: "Es war ein Albtraum."

Argentos dramatische Erinnerung, veröffentlicht am Dienstag vom Magazin "New Yorker", markiert eine neue Dimension im Weinstein-Skandal. Dieser erfasst nicht mehr nur den Produzenten selbst, sondern auch sein bisheriges Studio - und seine mutmaßlichen Mitwisser und Helfershelfer in Hollywood, die seine sexuellen Übergriffe jahrelang gedeckt haben sollen.

Asia Argento 2014 in Cannes
REUTERS

Asia Argento 2014 in Cannes

Das Drama wurde öffentlich mit einem Exposé der "New York Times", in dem acht Frauen Weinstein sexuelle Belästigung vorwarfen. Nun legten die "NYT" und der "New Yorker" mit weiteren Enthüllungen nach. Woraufhin sich Hollywood endlich offen distanzierte.

Nun finden sich immer mehr - und immer größere - Stars auf der Liste der Frauen, die Weinstein beschuldigen. Darunter Gwyneth Paltrow, die mit dem von Weinstein produzierten "Shakespeare in Love" 1998 einen Oscar gewann. Und Angelina Jolie, die von einem Annäherungsversuch Weinsteins berichtete und ihrer Entscheidung, danach "nie wieder mit ihm zu arbeiten".

Paltrow, Jolie und sechs weitere Frauen offenbarten sich am Dienstag in einem zweiten "NYT"-Bericht, während der "New Yorker" fast zeitgleich von 13 Frauen sprach, die seit den Neunzigerjahren von Weinstein sexuell angegriffen worden seien. Argento und zwei andere Schauspielerinnen habe Weinstein sogar vergewaltigt.

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Harvey Weinstein: Skandal in Hollywood

"Alle Vorwürfe von nicht einvernehmlichem Sex werden von Mr. Weinstein kategorisch dementiert", erklärte seine Sprecherin Sallie Hofmeister und legte die Rechtfertigung nach: "Mr. Weinstein ist der Ansicht, dass alle diese Beziehungen einvernehmlich waren."

Für den Bericht im "New Yorker" recherchierte Autor Ronan Farrow, der Sohn von Regisseur Woody Allen und Schauspielerin Mia Farrow, zehn Monate lang. Dabei stieß er auch auf eine Tonaufnahme der New Yorker Polizei, die ein Model 2015 mit einem versteckten Mikrofon ausgestattet hatte. Darauf gab Weinstein offen zu, er sei daran "gewöhnt", Frauen zu belästigen. Die Justiz hatte jedoch nicht genügend Beweise, um ein Verfahren zu eröffnen.

Farrow offenbart nicht nur neue Fälle, sondern auch die stille Mittäterschaft einer von Männern beherrschten Branche: Weinsteins Benehmen "war ein offenes Geheimnis in Hollywood und darüber hinaus", schreibt er. Diese "Kultur der Komplizenschaft" habe in Weinsteins Unternehmen begonnen: Mehr als ein Dutzend Ex-Mitarbeiter bestätigten demnach, es sei "weithin bekannt" gewesen, dass der Chef regelmäßig Frauen belästige.

Arbeitstreffen seien oft nur "Vorwände für sexuelle Angriffe auf junge Schauspielerinnen und Models" gewesen, heißt es in dem Artikel. "Zahlreiche Leute in den Firmen waren sich seines Verhaltens voll bewusst, leisteten aber Beihilfe oder schauten weg." Das sei über das Schweigegeld hinausgegangen, das viele Frauen bekommen hätten: Oft seien - auch weibliche - Angestellte an Weinsteins "Tricks" beteiligt worden, "damit sich die Opfer sicher fühlten".

Weinsteins Übergriffe, berichtete auch die Schauspielerin Lena Dunham in einem separaten Essay für die "New York Times", seien "über Jahrzehnte hinweg von Angestellten und Kollaborateuren schweigend abgesegnet" worden und "ein Mikrokosmos dafür, was seit jeher in Hollywood geschieht".

In der Tat gehörten Sexskandale immer schon zu Hollywood - so wie die "Casting Couch" zum Mobiliar mancher Agenten. "Weinstein mag der mächtigste Mann in Hollywood sein, der als Sextäter enthüllt wurde", schrieb Dunham, "aber er ist sicherlich nicht der einzige, der Amok laufen durfte."

Weinsteins Frau hat sich inzwischen offenbar von dem 65-Jährigen getrennt. "Ich habe entschieden, meinen Ehemann zu verlassen", heißt es in einer Mitteilung von Georgina Chapman, die sie im "People"-Magazin veröffentlichte. Sie fühle mit all den Frauen, "die durch die unentschuldbaren Handlungen unermessliches Leid erlitten haben".

The Weinstein Company bekommt einen neuen Namen

Hollywood wartet nun auch darauf, wie die Weinstein Company mit dem Skandal umgeht. Obwohl das Unternehmen seinen Mitbegründer vor die Tür setzte, wird es kaum von Schaden verschont bleiben. "Seine Firma ist nicht aus dem Schneider, nur weil sie Weinstein gefeuert hat", schreibt NBC-Star Mika Brzezinski, die kürzlich mit Weinsteins Buchverlag einen lukrativen Vertrag abgeschlossen hatte. "Wer wusste von den Abfindungen? Was wussten sie sonst noch? Was galt sonst noch als okay, und was wird sich ändern?"

An diesem Mittwoch tritt der Vorstand des Filmstudios zu einer Krisensitzung zusammen. Erster Tagesordnungspunkt: eine Namensänderung. Es wird kaum reichen: "Dies ist ein Nachruf", prophezeit der Management-Experte Jeffrey Sonnenfeld in der "Los Angeles Times". "Das werden die nie loswerden."

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insgesamt 81 Beiträge
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Papazaca 11.10.2017
1. Eine neue Erkenntnis: Macht erzwingt Sex
Es gibt sicher in Hollywood einige Weinstein's, die jetzt alle zittern. Aber die Aufregung ist natürlich heuchlerisch, weil es immer so war, branchenübergreifend, weltweit: Macht erzwingt Sex. Gut ist natürlich, das es jetzt mehr in Focus kommt und das dagegen angegangen wird. Aber es ist auch ein Beispiel für Tabuisierung und Heuchelei!
macarthur996 11.10.2017
2. bärnbärg
Weinstein, nicht der schönste Mann der Welt aber berühmt und einflussteich, hatte immer wieder die Gelegenheit, "die Dchöne und das Biest" zu spielen. interessant ist auch, das die Schönen 20 Jahre und mehr brauchen um sich an nicht so schöne Vorfälle zu erinnern und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. eigentlich sind sie Opfererzeugerinnen !
oldman2016 11.10.2017
3. Nachdem Wirbelsturm Harvey
werden die Amerikaner nun von den verwerflichen Machenschaften des ehrenwerten Filmproduzenten Harvey Weinstein heimgesucht. Sogar namhafte Mitglieder der Demokritischen Partei, die in der Vergangenheit größere Spenden von Harvey Weinstein erhalten haben, wenden sich von ihm ab. Ja, so mancher Glamour in Hollywood ist nur Fassade.
peterpeterweise 11.10.2017
4. Großspender der Demokratischen Partei
Für ein vollständiges Bild dieses Skandals wäre es auch wichtig, die Rolle Weinsteins als Großspender für die Demokratische Partei zu beleuchten. Viele mächtige Politiker der Demokraten haben von ihm Geld für ihre Wahlkämpfe erhalten. Das war bekannt, und hat unter Umständen bei den Opfern zu einer geringeren Anzeigebereitschaft geführt. Wer legt sich schon gern mit jemanden an, der sich mit Hillary Clinton auf Spendengalas fotografieren lässt. Bei der vorherrschenden Anti-Republikaner Stimmung in Hollywood, wäre das Opfer wahrscheinlich als Nestbeschmutzerin noch zusätzlich unter Druck geraten.
ahloui 11.10.2017
5. Es reicht...
Offen gestanden, finde ich diese inflationäre Berichterstattung über diesen Typen, den hier sowieso nur die Fachwelt kennt, langsam etwas überzogen.
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