Skisprung-Olympiasieger Hannawald: "Ich war ein totales körperliches Wrack"

Ex-Skispringer Hannawald : "Ich hatte keinen Bock mehr auf den ganzen Mist"  Zur Großansicht
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Ex-Skispringer Hannawald: "Ich hatte keinen Bock mehr auf den ganzen Mist"

Ein Burnout beendete die steile Karriere des Skisprung-Stars Sven Hannawald. Im SPIEGEL spricht der einstige Gewinner der Vierschanzentournee zum ersten Mal ausführlich über seine psychischen Probleme. Der Leistungssport habe seine Lebenskrise ausgelöst.

Hamburg - Sven Hannawald, Gewinner der Vierschanzentournee und Olympiasieger im Skispringen, spricht erstmals ausführlich über den tiefen Fall nach seinem Zusammenbruch vor neun Jahren, der seine Karriere beendete: "Ich war ein totales körperliches Wrack", sagt Hannawald in einem Gespräch mit dem SPIEGEL.

"Ich spürte eine totale Unruhe in mir und hatte keinen Schimmer, warum." Seinen Alltag habe er "kaum noch bewältigen können", so Hannawald: "Stand ein Lehrgang an, wollte ich mich vergraben und hoffte, wieder normal zu sein, wenn ich mich nach 30 Tagen ausbuddle."

Hannawald beschreibt, wie er vor Beginn seiner Behandlung nachts schweißgebadet aufwachte und Weinanfälle bekam. Suizidgefährdet wie der deutsche Fußball-Nationaltorwart Robert Enke, der sich im November 2009 das Leben nahm, sei er nicht gewesen, sagt Hannawald: "Solche Selbstmordgedanken hätte ich womöglich bekommen, wenn ich nicht mit dem Sport aufgehört hätte. Robert Enke war ja schon lange in Behandlung gewesen und hatte sich dennoch weiter dem Druck und Stress ausgesetzt. Ich hatte zwar keinen Bock mehr, aber nicht auf das Leben, sondern nur auf den ganzen Mist, in dem ich drinsteckte."

Hannawald hofft, anderen Sportler Vorbild zu sein

Auch nach dem neunwöchigen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik im Allgäu und der Rückkehr in seine Wohnung in Hinterzarten sei er von Schlaflosigkeit geplagt gewesen: "Eine furchtbare Unruhe packte mich wieder. Ich ging nachts in der Wohnung auf und ab, auch draußen spazieren. Ich ahnte, dass ich dort nicht lange wohnen würde." Erst nach fünfjähriger Therapie führte ihn seine Psychotherapeutin wieder in ein normales Leben.

Hannawald, dessen Autobiografie "Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben" in der kommenden Woche im Münchner Verlag Zabert Sandmann erscheint, macht den Druck des Leistungssports für seinen Burnout mitverantwortlich. Hannawald war schon mit sechs Monaten in der DDR in eine Kinderkrippe gekommen. "Da habe ich einen Knacks erlitten. Dadurch hatte ich später Probleme, Menschen nah an mich heranzulassen, weil ich keinen Verlust erleiden wollte."

Hannawald sieht sich in seinem öffentlichen Bekenntnis zum Burnout als Vorbild für andere Sportler, die unter ähnlichem Druck leiden. "Ich habe gezeigt, dass erfolgreiche Athleten nicht unbedingt Superhelden sind, die nichts und niemand aufhält", sagt Hannawald, "ich hatte alles für den Sport gegeben – bis mein Körper streikte."

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1.
Indigo76 08.09.2013
Zitat von sysopEin Burnout beendete die steile Karriere des Skisprung-Stars Sven Hannawald. Im SPIEGEL spricht der einstige Gewinner der Vierschanzentournee zum ersten Mal ausführlich über seine psychischen Probleme. Der Leistungssport habe seine Lebenskrise ausgelöst. Skisprung-Olympiasieger Sven Hannawald spricht im SPIEGEL über Burnout - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/leute/skisprung-olympiasieger-sven-hannawald-spricht-im-spiegel-ueber-burnout-a-921016.html)
Hoffentlich lesen das unsere Politiker und karriereverliebten Jungeltern, die die Kinder am liebsten direkt nach der Geburt in Krippen verstauen würden. Ich spreche hier wohlgemerekt nicht von alleinerziehenden, die keine andere Wahl haben, sondern von den vielen Paaren, die einfach nicht verzichten wollen. Ich weiß, dass jetzt die Gegenargumente kommen, dass es viele Familien gibt, in denen beide Eltern arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Aber für jeden dieser Fälle, zeige ich einen Fall, in dem es einfach nur um Egoismus der Eltern geht.
2. Nicht nur Spitzensportler
donatellab 08.09.2013
Auch Frau 0815 kann an ihre Grenzen kommen. Diese furchtbare Unruhe bringt einen fast um. Wenn dann noch das komplette berufliche Umfeld ständig das Mädchen für alles in einem sieht, wird es eng. Mir hat vor Jahren eine neue Kollegin sehr geholfen. Die einzige Kollegin, die erkannt hat, wie mies es mir ging. Mein damaliger Chef wollte mich sogar befördern. Was für eine Führungskraft....
3.
diskantus 08.09.2013
"Er war schon mit sechs Monaten in der DDR in eine Kinderkrippe gekommen. "Da habe ich einen Knacks erlitten ..." Das ist der Schüsselsatz - und wieder ein Beweis mehr, dass Begriffe wie "Burnout" oder "Depression" keine Krankheit bezeichnen, sondern eine psychische Störung, die, unaufgelöst, auch körperliche Symptome zeigen kann. Bei seelischen Störungen MÜSSEN die Auslöser gefunden werden, und der Klient muss sich mit ihnen versöhnen, sie loslassen und lernen, ein eigenständiges, von der Vergangenheit losgelöstes Leben im Jetzt zu führen. Therapien benötigen dafür genügend Zeit, da die Leere, die das Lösen von der Vergangenheit hinterlassen hat, erst mit neuem eigenem Verhalten gefüllt werden muss, sprich: der Klient muss sich selbst finden und sich daran gewöhnen, eigenständig zu agieren und seine Bedürfnisse zu erfüllen. Es ist ein völlig falscher Ansatz - der natürlich von der Pharmaindustrie gepusht wird -, psychische Störungen als "Krankheit" zu bezeichnen und leider viel zu oft auch so zu behandeln. Psychopharmaka sind allerhöchstens vorübergehend, für eine kurze Zeit, nützlich, um eine Abschwächung der psychischen Störung einzuleiten. Ansonsten führt bei einer ausgeprägten psychischen Störung an einer Intensivtherapie, die sehr individuell ablaufen und viele Facetten - auch Körpertherapien! - einbeziehen sollte, kein Weg vorbei. Übrigens tragen wir alle unser Päckchen aus der Vergangenheit mit uns herum: sie beeinflusst unser Denken und Handeln mehr, als wir glauben. Wenn das Verdrängte nicht mehr verdrängt werden kann und "nach oben" will, kommt es zu Konflikten mit der Jetzt-Innen- und Außenwelt und wird in Störungen sichtbar.
4. Erfahrung
zukuenftiger 08.09.2013
Habe selbst Erfahrung mit BurnOut gemacht. Es dauert Jahre um wieder "normal" zu werden. Allen Betroffenen viel Kraft, Ausdauer und Durchhhaltevermögen.
5. optional
julebule1905 08.09.2013
Es wird mir nicht ganz deutlich, warum im Kontext seiner Erkrankung immer von "Burnout" gesprochen wird. Es scheint, als wolle die Verwendung einer psychischen Störung, wie einer Depression bewusst vermieden werden. Wenn Herr Hannawald etwas für die Akzeptanz psychischer Leiden in der Bevölkerung bewirken möchte, warum wird das unspezifische Modewort Burnout bemüht und das Kind nicht beim Namen genannt?
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