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Landgründungsversuch: Willkommen in Wunderland

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An der deutsch-niederländischen Grenze liegt eine Fläche, die angeblich zu keinem Land gehört. Zwei Männer haben dort den Staat Wunderland ausgerufen. Nummernschilder sind in der Mache, fehlt nur noch die offizielle Anerkennung.

SPIEGEL ONLINE

Wunderland hat drei Einwohner. Einer davon ist ein Hund. Es gibt zwei Wohnwagen mit vorgebauten Zelten, einen Gartentisch und einen roten Kleinwagen auf dem Gebiet, das der 194. Staat der Welt werden will.

Zwischen der deutschen und der niederländischen Grenze bei Coevorden liegt der Streifen, der offiziell weder zur Bundesrepublik noch zu den Niederlanden gehören soll. 485 Meter lang, sechs Meter breit. Das meint zumindest eine Gruppe von Niederländern, die darauf nun Anspruch erhoben und Wunderland ausgerufen hat.

"Das wird das Land der unbegrenzten Möglichkeiten", sagt Rene van Reenen, der vor dem Wohnwagen sitzt und zusammen mit seinem Husky Luna in Wunderland wohnt. Yoshi Livo ist der andere. Die beiden sind die ersten Bewohner und träumen von einem Land, in dem es weniger Regeln gibt und die Gemeinschaft im Mittelpunkt steht.

Für Livo ist das weitverbreitete Rauchverbot ein Beispiel für Überregulierung. Die Überschuldung und der Euro sind seine Beispiele für ein nicht funktionierendes System.

Van Reenen war bis zu einer Verletzung am Bein jahrzehntelang Unternehmer, hat Badewannen verkauft und später Firmen abgewickelt, und sagt, die Vorgaben des Staats und der EU hätten ihn immer stärker eingeschränkt. Wunderland sieht er als Plattform, in dem jeder seine Ideen für ein ideales Zusammenleben einbringen kann. Mit so wenigen Regeln wie möglich. "Ich glaube an die Freiheit des Menschen", sagt van Reenen. Folgerichtig passt die Verfassung von Wunderland auf eine halbe Din-A4-Seite - in bezaubernd verschnörkelter Schrift:

"Alle Menschen sind in Freiheit und Liebe miteinander verbunden", steht da gefettet ganz oben. Dann folgen zwei weitere Sätze, die sich an der "goldenen Regel" orientieren: "Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst."

Autonummernschilder sind schon bestellt

Zurzeit diskutiert die Gruppe über eine allgemeine Gesetzgebung und ein eigenes Bankensystem. Eigene, rote Autonummernschilder sind schon bestellt. Wunderland soll alles bekommen, was ein Staat nach Meinung seiner bisherigen Bewohner braucht. Mehr als zweihundert Sympathisanten haben sich bereits angeschlossen. Jeder kann Wunderländer werden. Die meisten müssen aber wohl außerhalb wohnen, weil das Land schlicht zu klein ist.

Im Völkerrecht werden solche Gebiete "terra nullius" genannt, Niemandsland. Orte, auf die bisher keiner Anspruch erhoben hat. Die Gruppe, die Wunderland gegründet hat, erklärt, der Streifen am Rand von Coevorden sei weder im deutschen, noch im niederländischen Kataster aufgeführt, weil die Grenzziehung der beiden Länder unterschiedlich gehandhabt wird.

Besagte Stelle ist ein ausgetrocknetes Bachbett. Die Niederlande haben die Grenze in der Mitte gezogen, Deutschland drei Meter von der Böschung am anderen Ufer entfernt. Dadurch sei das sechs Meter breite Niemandsland entstanden, erklärt Livo.

Van Reenen und Livo sitzen am Gartentisch vor den Wohnwagen und diskutieren über die Zukunft des Landes. Für sie ist der Streit um Anerkennung auch ein Erlebnis. Beide sind voller Tatendrang, wollen etwas verändern. Sie hätten Zeit, denn sie seien Single, scherzen sie.

Staatsgründung? Illegales Campen!

Die Gemeinde Coevorden dagegen sagt, es bestehe keinerlei Zweifel daran, dass die Kommune Eigentümerin des Grundes sei. Im Rathaus wird die Staatsgründung deshalb unter "illegales Campen" abgehakt. Man führe Gespräche, so lange zumindest werde das Gelände nicht geräumt, sagt eine Sprecherin. Doch das Grundstück wird für ein Industriegebiet gebraucht, Verkaufsgespräche mit einem Investor laufen bereits. Die Gemeinde ist deshalb an einem schnellen Abzug der Wunderland-Camper interessiert.

Die Anerkennung von Staaten gehört zu den umstrittensten Vorgängen unter Diplomaten und Völkerrechtlern. Grundlage dafür ist die Konvention von Montevideo aus dem Jahr 1933. In Artikel 1 ist festgelegt, dass ein Gebiet vier Voraussetzungen erfüllen muss, um als Staat zu gelten: eine permanente Bevölkerung, ein definiertes Staatsgebiet, eine Regierung und die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Staaten zu unterhalten.

Die erste Voraussetzung scheint erfüllt: Yoshi Livo und Rene van Reenen sind gekommen, um zu bleiben. Sie halten die Stellung und sind die permanente Bevölkerung. Auch die Frage der Grenzen ist für die Wunderländer klar. Das Territorium haben sie mit Flaggen abgesteckt.

Als Regierung sollen Volksversammlungen fungieren, die von fünf Koordinatoren geleitet werden. Und um den vierten Punkt zu erfüllen, wurden bereits Einladungen an den deutschen Botschafter in Den Haag und das niederländische Außenministerium geschickt. Bisher hat noch niemand reagiert. Außer der Gemeinde Emlichheim, die auf deutscher Seite angrenzt. Vor Kurzem hat sie geschrieben - und eine Partnerschaft abgelehnt.

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