Üben für die Oscars Schüttel dein Haar für uns

Keira Knightley steht sich die Beine in den Bauch, Patricia Arquette muss sich kurz halten: So toll Fotos vom roten Teppich wirken, so wenig glamourös ist die Realität, in der sie entstehen. Eindrücke aus Beverly Hills, eine Woche vor den Oscars.

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Aus Los Angeles berichtet Gesa Mayr


Die Männer mit Headset haben Keira Knightley übersehen. Sie steht schon eine Weile in der Schlange zum roten Teppich, weißes Kleid, schwarzer Kragen, offene Haare. Sie verlagert das Gewicht von links nach rechts, wippt vor und zurück, die Füße dürften weh tun.

Dann fällt einem der Headsetträger doch noch auf: Die Knightley steht da schon eine Weile. Hektisch winkt jemand die Schauspielerin vor, die Fotografen reagieren mit gesteigerter Blitzfrequenz. "Schau hierher", brüllen sie. "Hierher!" Knightley lächelt, dreht sich, schreitet weiter. Etwa hundert Meter geht das so, dann sinkt die Frequenz wieder, Knightley ist Richtung Gala-Dinner verschwunden.

Keira Knightley: Lächeln, drehen, weitergehen
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Keira Knightley: Lächeln, drehen, weitergehen

Es ist die Woche vor den Oscars, dem größten Filmpreis der Welt; die Woche der Gesichtspeelings und Lastminute-Kleideranpassungen, die Woche, in der sich die Branche zusammenfindet. Es geht ums Geschäft und es geht um Präsenz. Dazu gehören: die roten Teppiche in Hollywood.

Seit einer guten Stunde stehen sie hier im Hyatt Regency Hotel in Beverly Hills. Kameramänner mit Karohemden, Promireporterinnen mit Glitzerkleid und Killerabsätzen, Fotografen mit riesigen Kameras und tätowierten Unterarmen. Vorne die Branchenschwergewichte "People", "US Weekly", "Huffington Post", weiter hinten der "Santa Monica Observer".

"Schau über die Schulter!"

Anlass sind die Writers Guild Awards, die Gala der Drehbuchautoren. Ein kleiner Preis, aber wichtig genug für rund hundert Journalisten und eine Gästeliste meist mittlerer Prominenz.

Eine Stunde - so lange soll das Schaulaufen im Saal "Los Angeles" dauern. Im Eingangsbereich sammeln sich pünktlich die ersten Gäste. An der Spitze wibbelt ein 14-Jähriger in Anzug, plötzlich springt eine Frau an ihm vorbei, wohl seine Managerin, in der Hand hält sie ein Schild: "Benjamin Stockham - aus der Serie 'About a boy'". Ein paar Fotografen machen höflich Bilder, die meisten im Raum schwatzen weiter. Ein Kabelträger mit Hipsterbart checkt gelangweilt Tinder, während zwei Mitarbeiter der Security über den Hintern einer Schauspielerin diskutieren.

Auftritt René Russo und Ehemann. Der erste leichtbekleidete Hochkaräter auf dem Teppich, die Fotografen sind wie im Wahn. "Schau über deine Schulter, schüttel die Haare, geradeaus, hier, hier, lächeln, letztes Mal!" Die Fotografen knipsen, Russo, 60, in schwarzem Leder, sieht aus, als wollte sie für die Fortsetzung von "50 Shades of Grey" vorsprechen.

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"Ich drehe mich einfach langsam", sagt sie, strahlt und dreht den Kopf in Zeitlupe um 180 Grad. "Wer ist das, den die da so abfeiern?", fragt eine Journalistin. "Ahja", sagt sie. "Schreiber sind ja auch langweilig." Russo ab.

Geladen war übrigens ihr Ehemann, Dan Gilroy, sein Drehbuch für "Nightcrawler" bekommt später einen Preis.

Es folgt "Star Trek"-Star Sir Patrick Stewart. Die Fotografen machen ein, zwei Fotos. Nein, so geht das nicht, sie bitten ihn, die Brille abzunehmen. Stewart lässt es über sich ergehen und blinzelt ins Blitzlichtfeuer. Lisa Kudrow (Moderatorin der Veranstaltung) ist weniger kooperativ. Ein-, zweimal posen, dann ist sie weg.

Lisa Kudrow: Keine Zugabe auf dem Teppich
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Lisa Kudrow: Keine Zugabe auf dem Teppich

Eine halbe Stunde ist rum, es ist Bewegung in die Reporter gekommen. Die blondgefärbte Moderatorin eines Senders namens Astroid.tv erleidet fast einen Herzinfarkt, als "Game-of-Thrones"-Autor George R.R. Martin nicht bei ihr, sondern bei einem koreanischen TV-Sender stoppt. Brav erzählt Martin, was man im neuen Buch erwarten darf ("Morden, sterben, Krieg, Drachen, Hochzeiten"), daneben rollt die Blondine mit den Augen. Schließlich wendet Martin sich ihr zu.

"Sie sehen nicht aus wie ein Android."

"Danke, Sie auch nicht."

Schlagfertiger wird es heute nicht mehr.

Je nach Bekanntheitsgrad treiben oder zerren die Publizisten ihre Klienten über den Teppich. Man weiß nicht, was würdeloser ist. Vielleicht das: Im Eingang wartet eine hübsche, dunkelhäutige Frau im grünen Kleid. "Lupito Nyong'o", ruft einer. Die Oscargewinnerin aus "12 Years a Slave"? Nein. Sie ist es nicht.

Stars brauchen Hollywood, und Hollywood braucht die Stars. Nur wenige können es sich leisten, den Zirkus am Teppich auszulassen. Am meisten Zeit hat eine junge Frau in Schwarz mit Sommersprossen, langen braunen Haaren und einem blonden Hünen im Schlepptau. Wer das ist? "Abigail Spencer", flüstert jemand. "Du siehst superschön aus, Abigail", schreit eine Fotografin, die barfuß auf einer Leiter steht.

Die TV- Schauspielerin zuckt zusammen, sagt dann tapfer: "Danke, Sie dürfen bleiben."

Abigail Spencer ("Rectify"): "Du kannst bleiben."
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Abigail Spencer ("Rectify"): "Du kannst bleiben."

Ganz zum Schluss, als die Meute schon verdrießlich die Foto-Ausbeute sortiert ( Ben Affleck hat den roten Teppich ausgelassen) kommt sie noch. Patricia Arquette, Oscar-Anwärterin. Königinnengleich bewegt sie sich auf die tosenden Fotografen zu, lässt sich nicht beeindrucken und beantwortet geduldig Fragen, bis ihr Publizist dazwischengeht. "Eine Frage nur." Die blonde Androidin kommt schon wieder in Fahrt, doch kurz darauf ist auch für sie Schluss hier. 50 Minuten, dann beginnt die Show.

Spätestens dann müssen alle wieder strahlen.

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