Talkshow ohne Talk Phoenix bei Letterman im Plauderstreik

Niemand weiß so genau, was Joaquín Phoenix gerade umtreibt, aber eines ist deutlich: Der Mann hat nach 20 Jahren Hollywood-Karriere null Bock mehr auf Glamour, Glitter und Chichi. Was Talkshow-Gastgeber David Letterman nun deutlich zu spüren bekam.


New York - Zwischen Talkshow-Diva David Letterman und seinen Gästen gibt es, wie bei allen TV-Formaten dieser Art, einen Deal: Du kommst in meine Show, wir reißen ein paar Witze, du darfst deinen neuen Film, dein neues Parfum oder deine neue Platte bewerben. Meine Quote stimmt, die Zuschauer lachen, kaufen vielleicht dein Produkt und am Ende haben alle was davon.

Dieser Deal mag meistens aufgehen, die Auftritte der Publicity-suchenden Stars sind jedoch zumeist vorhersehbar wie das Wetter in der Wüste, nur öder.

Dass ein Genie wie Letterman beim Sofagespräch erst dann Höchstform zeigt, wenn es auf Widerstände stößt, zeigte sich nun beim Gastspiel des Joaquín Phoenix.

Der charismatische 34-jährige Schauspieler, seit Jahren mit brillanten Darstellungen wie in der Johnny-Cash-Biografie "Walk the Line" bestens im Geschäft, entsagte vor drei Monaten dem Showbiz, ließ sich zum Beweis seiner Sinnkrise einen Bart wachsen, der jedem Waldschrat zur Ehre gereichte und will nun als Rap-Musiker reüssieren.

Bei Letterman demonstrierte Phoenix, wie man einen Profi-Talker durch Plauderverweigerung fast aus dem Konzept bringt: Phoenix, unter massiver Gesichtsbehaarung und Riesensonnenbrille kaum identifizierbar, kaute Kaugummi, nuschelte Unverständliches und verweigerte sich Lettermans Schwatz-Avancen.

Letterman versuchte es mit Schmeichelei, pries Phoenix' letzten Film. "Danke", lautete die spröde Antwort.

Gefragt, ob er sich mit seinem Vollbart wohlfühle, sagte Phoenix: "Ich find's okay, aber nach dieser Frage fühle ich mich irgendwie doof. Was ist denn so schlimm daran?"

Letterman wurde bissiger, verglich Phoenix' Aussehen mit dem des Unabombers. "Ich muss das hier nicht machen", murmelte der Gast genervt.

Letterman stichelte: "Schade, Joaquín, dass du heute nicht hier sein konntest. Ich komm auch mal bei dir vorbei und kaue Kaugummi." Woraufhin Phoenix das Kaugummi aus dem Mund nahm und es unter Lettermans Tisch klebte - und dann Betrachtungen darüber anstellte, welche Drogen Letterman wohl seinem aufgekratzten Publikum verabreicht habe.

Ob es Phoenix mit dem Ausstieg aus dem Filmgeschäft ernst ist oder er sich nur an einer Eulenspiegelei à la Borat versucht - man weiß es nicht.

Da zunehmend Spekulationen ins Kraut schossen, sein Wandel zum Rapper und Exzentriker sei nur eine PR-Maßnahme, sah sich eine Sprecherin kürzlich zur Klarstellung gezwungen. "Der Wechsel von einer Karriere zu einer anderen läuft nie ohne Brüche ab", hieß es in einer Erklärung. "Aber Joaquín wird seine musikalischen Interessen weiter verfolgen, allen negativen Reaktionen zum Trotz."

pad



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