Tarcisio Bertone: Der Zwischenpapst

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Tarcisio Bertone: Der mächtigste Mann im Vatikan Fotos
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Tarcisio Bertone ist ein streitbarer Mann, viele der Pleiten und Pannen des Vatikans gehen auf sein Konto. Trotzdem konnte er sich im Amt halten - dank eines mächtigen Fürsprechers: Benedikt XVI. Nun ist Bertone der mächtigste Mann im Kirchenstaat. Noch.

Eigentlich ist er ein umgänglicher, lebensfroher Mann. Kardinal Tarcisio Bertone, 78, Bauernsohn aus dem norditalienischen Piemont, schätzt gutes Essen und kräftigen Wein. Auch "ein frisches Bier" sei "nicht zu verachten", sagt er. Er mag Fußball, ist Fan von Juventus Turin, und er mag Sophia Loren - zölibatär, versteht sich. Bei ihr könne die Kirche in Sachen Klonierung durchaus eine Ausnahme machen, hat er vor Jahren im Spaß einmal gesagt.

Auf seinem Schreibtisch steht das Modell eines Ferrari, es ist ein Gesprächsangebot: Wenn der Besucher zwei, drei Sätze über das schöne rote Gefährt verlieren kann, entwickele sich alles weitere leichter, so Bertones Theorie.

Bertone ist seit 2006 Kardinalstaatssekretär, der Stellvertreter des Papstes in weltlichen Angelegenheiten, eine Art "Regierungschef". Seit 2007 ist er zusätzlich Kardinalkämmerer, "Camerlengo" in der vatikaneigenen Sprachdoktrin. Das ist der Mann, der die päpstlichen Gemächer verschließt und versiegelt, nachdem der Papst gestorben oder, wie in Benedikts Fall, in den Ruhestand gegangen ist. Bertone ist der ranghöchste und derzeit mächtigste Mann im Vatikan - aber auch der womöglich meistgehasste Kardinal im römisch-katholischen Imperium.

Pleiten und Pannen

Wann auch immer der Name Bertone fällt, verdrehen Kirchenfürsten die Augen, seufzen. Manche legen gleich los und erzählen von dessen Pleiten und Pannen. Joseph Ratzinger hatte seinen langjährigen Sekretär in der Glaubenskongregation in den päpstlichen Palast mitgenommen, um ihm die politischen und administrativen Aufgaben des Papstamtes zu übertragen. Ratzingers Ziel war es, sich auf Glaubensfragen konzentrieren zu können. Doch Bertone war offenbar für das Metier mindestens so ungeeignet wie sein Chef.

Fast alles, was in den letzten Jahren rund um den "Heiligen Stuhl" danebenging, wird ihm angelastet:

  • die Versuche, die Missbrauchsskandale in katholischen Einrichtungen zu vertuschen und zu verharmlosen;
  • der Eklat um die Pius-Bruderschaft: Bertone hatte Benedikt XVI. wohl nicht informiert, dass deren Bischof Williamson die Existenz von Gaskammern leugnet;
  • der gescheiterte Versuch, die Vatikanbank IOR aus dem Dunstkreis von Geldwäsche und Korruption zu bringen;
  • die Äußerung Bertones, zwischen Homosexualität und Kindesmissbrauch bestehe "eine Verbindung", für die er weltweit kritisiert wurde;
  • das Agieren im Zusammenhang mit der "Vatileaks"-Affäre: Monatelang gelangten vertrauliche Dokumente und Briefe aus dem engsten Umfeld des Papstes an die Öffentlichkeit.
"Bertone bleibt"

Viele Kardinalskollegen hofften vor drei Jahren auf ein Ende der Regentschaft Bertones. Er wurde 75 Jahre alt und musste den Papst um seine Entlassung ersuchen. So sieht es das Kirchenrecht vor. Benedikt lehnte ab. Auch als der Kölner Kardinal Joachim Meisner, ein langjähriger Freund Ratzingers, ihn bat, Bertone in Rente zu schicken, wollte der davon nichts wissen. "Bertone bleibt, basta, basta, basta", habe Benedikt XVI. gesagt. Das erzählte Meisner in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau".

Bertone steht nun in der vorderen Reihe, wenn es darum geht, einen neuen Papst zu küren. Er gilt manchen auch selbst als "papabile" - als Anwärter auf das Papstamt. Aber gegen seine zahlreichen Feinde in der römischen Kurie dürfte Bertone kaum Chancen haben.

Deshalb muss er eine andere Strategie wählen, um nicht vom nächsten Papst entlassen zu werden: Er muss dafür sorgen, dass einer seiner Freunde das höchste katholische Amt auf Erden erklimmt, etwa der italienische Kardinal Gianfranco Ravasi. Der 70-jährige Professor für Bibelauslegung durfte im Februar sogar die päpstlichen Exerzitien zur Fastenzeit leiten - dank Bertones Fürsprache.

Papst aus Italien

Um einen Mann seines Vertrauens auf den Stuhl Petri zu hieven, hat sich Bertone in den vergangenen Tagen sogar mit einem seiner ärgsten Widersacher getroffen. Angelo Sodano, Präsident des Kardinalskollegiums, leitet die Wahlversammlung, sobald sich die Türen der Sixtinischen Kapelle hinter den Kardinälen geschlossen haben.

Nur die beiden gemeinsam sind wohl stark genug, den glühenden Wunsch der Italiener zu erfüllen, endlich wieder einen Papst aus ihren Reihen zu krönen. Denn der Rest der katholischen Welt hat ganz andere Absichten.

An diesem Montag geht es los. Zwei Mal treffen sich die angereisten Wahlmänner informell. Erst wenn alle Kardinäle in Rom sind, beginnt das Konklave. Ob das am 11. März geschehen wird oder erst ein paar Tage später, ist nicht klar. Denn ab jetzt wird alles auch taktisch gesehen: Wem hilft eine schnelle Wahl, wer braucht eine lange, quälende Prozedur, um sich durchzusetzen. Benedikt XVI. hat den Kardinälen mit auf den Weg gegeben, sie mögen ein "harmonisches Orchester" sein. Es könnte auch sehr dissonant werden, mit heftigen Paukenschlägen.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Bertone und Co.
matingeorg 04.03.2013
Im Vatikan geht´s zu wie bei einer miesen Partei, schlimmer noch, wenn die Meldungen stimmen. Die katholoische Kirche wäre gut beraten, gar keinen Papst zu wählen. Wozu der ganze Aufwand? Mündige Christenmenschen brauchen keinen Papst. Die Welt braucht auch keinen Papst, Gott schon gar nicht und Chriastus braucht keinen Stellvertreter. Er ist in den gläubigen Christen lebendig. MH
2.
eduardschulz 04.03.2013
Zitat von matingeorgIm Vatikan geht´s zu wie bei einer miesen Partei, schlimmer noch, wenn die Meldungen stimmen. Die katholoische Kirche wäre gut beraten, gar keinen Papst zu wählen. Wozu der ganze Aufwand? Mündige Christenmenschen brauchen keinen Papst. Die Welt braucht auch keinen Papst, Gott schon gar nicht und Chriastus braucht keinen Stellvertreter. Er ist in den gläubigen Christen lebendig. MH
Wieder mal ein missionierender Evangele im Einsatz. 1 Milliarde unmündiger Menschen auf der Welt, weil diese das Papsttum in Ordnung finden? Wenn Sie meinen.
3. so der erste EIndruck
vielfeindvielehr 04.03.2013
wirkt doch sympathisch, selbst mit einer amerikanischen Kopfbedeckung aus 1920 / 30er in Chicago. Da wird wohl Italien mit dem Vatikan zusammenschmelzen, es kommt zusammen ....
4. Mummenschanz
derletztdemokrat 04.03.2013
Zitat von matingeorgIm Vatikan geht´s zu wie bei einer miesen Partei, schlimmer noch, wenn die Meldungen stimmen. Die katholoische Kirche wäre gut beraten, gar keinen Papst zu wählen. Wozu der ganze Aufwand? Mündige Christenmenschen brauchen keinen Papst. Die Welt braucht auch keinen Papst, Gott schon gar nicht und Chriastus braucht keinen Stellvertreter. Er ist in den gläubigen Christen lebendig. MH
Niemand braucht diesen kostspieligen Mummenschanz, was soll der absolut lächerliche Hut auf dem Kopf. Würde ein normaler Mensch damit rumlaufen würde man ihn in die Geschlossene einweisen, wegen Erregung öffentlichen Ärgernis. Warum muss der dt. Steuerzahler diesen Zirkus bezahlen. Wer an einen Gott glaubt braucht das Alles nicht. Jesus dreht sich im Grab herum.
5. Strippenzieher?
hubertrudnick1 04.03.2013
Zitat von sysopTarcisio Bertone ist ein streitbarer Mann, viele der Pleiten und Pannen des Vatikans gehen auf sein Konto. Trotzdem konnte er sich im Amt halten - dank eines mächtigen Fürsprechers: Benedikt XVI. Nun ist Bertone der mächtigste Mann im Kirchenstaat. Noch. Tarcisio Bertone: Der derzeit mächtigste Mann im Vatikan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/leute/tarcisio-bertone-der-derzeit-maechtigste-mann-im-vatikan-a-886665.html)
Wer ist eigentlich der Strippenzieher im Vatikan, ich glaube nicht daran des es eine alter Mann wie der Papst nun mal ist und alles unter seiner Kontrolle hat? So wie in der Politik die Lobbyisten die Politik nach ihren Interssen ausrichten, so werden doch bestimmt auch im Vatikan gewisse Leute die Strippen ziehen und die wahre Macht ausüben, der Papst ist doch nur eine Scheinfigur/Schowfigur. HR
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