Til Schweigers Flüchtlingsheim-Pläne Gefallene Glücksritter

Til Schweiger wollte in Osterode ein Vorzeige-Flüchtlingsheim bauen. Doch mit den bisherigen Geschäftspartnern wird das kaum klappen. Jetzt bringt sich ein neuer Investor ins Spiel.

Schauspieler Til Schweiger: Schlecht beraten
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Schauspieler Til Schweiger: Schlecht beraten

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Vielleicht war es einfach eine Schnapsidee. Eine alte, heruntergekommene Kaserne in Osterode am Harz in ein Vorzeige-Flüchtlingsheim umzuwandeln, sponsored by Til Schweiger.

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Heft 35/2015
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Vielleicht könnte es aber auch funktionieren, es hätte ja vor 24 Jahren auch keiner gedacht, dass aus dem Darsteller des Prolls Bertie in "Manta, Manta" einer der erfolgreichsten Schauspieler Deutschlands wird.

Sicher scheint inzwischen aber: Mit den bisherigen Geschäftspartnern für das Flüchtlingsheim-Projekt am Harz kann es kaum etwas werden. Sie haben sich übernommen - und wollen nun offenbar aussteigen. Ein neuer Investor bringt sich ins Spiel, Ausgang ungewiss.

Der Plan der Glücksritter

Im vergangenen Jahr waren zwei Männer im Städtchen Osterode am Harz mit Plänen vorstellig geworden, die leer stehende Rommel-Kaserne auf Vordermann zu bringen: Wolfgang Koch und Jan Karras. Nach einiger Zeit wurde bekannt, wie sie das weitläufige Areal nutzen wollten: Ein Flüchtlingsheim sollte entstehen, Erstaufnahme für 600 Asylbewerber. Der Bedarf für solche Unterkünfte ist riesig - die Erfahrung der beiden Männer auf diesem Feld ist gleich null.

Der eine, Koch, ist Chef einer Firma mit dem seltsamen Namen "Princess of Finkenwerder", sie soll die Kaserne 2014 günstig erworben haben. Der andere, Karras, ist ein Zwei-Meter-Schrank mit Oberarmen wie Hulk Hogan. Nach dem Versuch, bei der Polizei Fuß zu fassen, wurde er Bodyguard und ließ sich in der Boulevardpresse mit dem Satz zitieren: "Ich werde gern von Leuten gebucht, die nur auf Show machen." Zuletzt bot Karras im Internet Schutz in Krisengebieten und "Unterstützungsaufgaben für das Militär" an.

Die Gespräche zwischen der Princess of Finkenwerder und den niedersächsischen Behörden verliefen schleppend. Die beiden Seiten diskutierten über Bauauflagen und die Beseitigung von Asbest und anderen Schadstoffen, welche die Kaserne belasteten. Der Landkreis drängte darauf, den Gebäudekomplex umfassend zu sanieren. Das Projekt drohte zu scheitern, ein Vertrag mit dem Land kam nicht zustande.

Doch dann: Auftritt Til Schweiger.

Der Schauspieler ist befreundet mit dem Security-Mann Karras, in Schweigers Demenz-Film "Honig im Kopf" trat der Muskelmann als Möbelpacker auf. Über ihn kam Schweiger wohl vor wenigen Wochen auf die Idee, sich in Osterode zu engagieren.

Es war eine spontane Entscheidung, gut gemeint - aber gut beraten war Schweiger offenbar nicht: Seit Tagen werden Merkwürdigkeiten über die Glücksritter Koch und Karras bekannt. Ersterer soll einen miserablen finanziellen Leumund haben, Letzterer durch Aufschneiderei aufgefallen sein. Für das Land Niedersachsen ist inzwischen klar: Als Betreiber kommt die Princess of Finkenwerder nicht infrage, höchstens noch als Vermieter.

Doch nach der verheerenden öffentlichen Reaktion will Koch die Kaserne nun offenbar wieder loswerden. Er soll dem Privatinvestor Carsten Jungclaus, der in Deutschland und der Schweiz tätig ist, den Gebäudekomplex angeboten haben. Fragen dazu ließ Koch unbeantwortet.

Jungclaus saß schon vor einigen Monaten bei einem Gespräch über das Projekt mit den niedersächsischen Behörden mit am Tisch. Er bestätigt, dass er die ehemalige Kaserne nun kaufen wolle, als Preis sei eine siebenstellige Summe im Gespräch. Jungclaus verfügt über gute Kontakte zur Hamburger Privatbank Donner & Reuschel. Diese kann sich nach eigenen Angaben vorstellen, als Kreditgeber einzuspringen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: "Wichtig ist, dass alle Beteiligten einen unzweifelhaften Ruf haben."

Investor will zehn Millionen Euro mitbringen

Jungclaus sagt: "Wir gehen davon aus, dass Umbau und Erstausstattung insgesamt bis zu zehn Millionen Euro kosten werden - und wären bereit, diese Summe aufzubringen." Voraussetzung sei, dass das Land die fertige Einrichtung für einen Zeitraum von rund zehn Jahren pachten wolle. Betreiber könnte ein erfahrener Träger wie die Diakonie oder die Caritas werden. Der Osteroder Kreistagsabgeordnete Frank Kosching (Linke), der Koch und Karras stets kritisch sah, sagt nun: "Ich würde es begrüßen, wenn ein finanzstarker, seriöser Investor das Projekt übernehmen würde."

Wird am Harz doch noch alles gut? Abwarten.

"Ich hoffe sehr, dass es in Osterode klappt", sagt Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). Es gebe nach wie vor Gespräche mit Koch von der Eigentümerfirma Princess of Finkenwerder. Gleichzeitig liefen aber auch Verhandlungen an anderen möglichen Orten für eine Erstaufnahme.

Dem Schauspieler Schweiger hat Pistorius derweil empfohlen, sich schon mal woanders zu engagieren: 160 Kilometer weiter westlich, in Osnabrück, wo seit Dezember ein Flüchtlingsheim steht. Über seine neu gegründete Til Schweiger Foundation will er dort WLAN für alle und eine Fahrradwerkstatt finanzieren.

(Lesen Sie ein ausführliches Interview mit Til Schweiger im aktuellen SPIEGEL.)

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 160 Beiträge
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Seite 1
inbay 22.08.2015
1. Toll
Eine der Schwächen dieser Gesellschaft ist die das sie Vergangenes nicht vergangen sein lassen kann. Veränderungen sind so nicht möglich und Herr Schweiger muss sich weder für seine Freunde noch für seine Hilfsbereitschaft rechtfertigen. Wer eine positive empathische Entwicklung will der muss nicht mit Steinen werfen sondern versuchen mit denen umzugehen die so etwas wollen.
micromiller 22.08.2015
2. Als Deutscher Super Mime mit Grübchen
ist er sicher ein ganz toller. Es scheint, dass er in anderen Bereichen nicht so die Durchsicht hat, er sollte sein Publikum und sein Bankkonto lieber mit der Schauspielerei erfreuen.
siegerländer79 22.08.2015
3.
Hmm, kann es sein, daß Schweigers Engagement für die Flüchtlinge gar keine Nächstenliebe sondern finanzielles Kalkül war? Also mehr der Einsatz für den Kumpel statt für Hilfsbedürftige dahintersteht?
muttisbester 22.08.2015
4. Sie wollen nur das beste...für sich
Oh diese Scheinheiligkeit... Eine flüchtlingsunterkunft als Renditeobjekt ohne Risiko, so Lob ich mir das Engagement unserer Promis. Und dann noch schön weit weg, von der eigenen Villa entfernt. Ja, so ist sie, unsere Elite. Der Steuerzahler, also nicht die besagten Investoren, sollen hier schön abgzockt werden. Und damit auch keiner aufmuckt, wird das alles unter humanitärer Hilfsaktion verpackt. Was ist das für ein Land, was sind das für Menschen? Aber in der öffentlichen Debatte standen die guten und die bösen schnell fest, wie so häufig.
jjcamera 22.08.2015
5. Selbstlos?
Wirklich selbstlose Helfer engagieren sich, ohne dabei in die Schlagzeilen zu geraten. Schweiger hätte bei Maischberger besser "geschwiegen". Das war peinlich.
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