Tod in der Seine Das traurige Ende der schwarzen Prinzessin

Sie war eine Ausnahmeerscheinung der Modebranche: Katoucha Niane fiel auf - mit ihrer schwarzen Haut, dem stolzen Gesichtsausdruck, der eleganten Körperhaltung. Nun hat die Pariser Polizei die Leiche des Ex-Models aus der Seine gezogen. Die schwarze Prinzessin ist tot.

Von Henning Lohse


Gewöhnliche Models schreiten über den Laufsteg. Katoucha Niane bewegte sich mit unvergleichlicher Eleganz. Ihre weißen Beauty-Kolleginnen wirkten im Vergleich zu ihr oftmals sehr, sehr blass. In der abgeschirmten Pariser Modewelt genoss Niane hohes Ansehen, dort löste sie Ende der achtziger Jahre eine kleine Revolution aus. Das aus Guinea stammende Mannequin avancierte zum ersten schwarzen Model, das bei den Modenschauen regelmäßig gebucht wurde.

Yves Saint Laurent, Christian Lacroix und Paco Rabanne engagierten die Afrikanerin für ihre wichtigsten Defilées - zu einer Zeit, als schwarze Models auf dem Laufsteg und in den Modezeitschriften nur Nebenrollen spielten. Einer ganzen Generation farbiger Models hat Katoucha Niane mit ihrem Erfolg als Topmodel den Weg bereitet, zu ihnen gehörte Jahre später eine gewisse Naomi Campbell.

Jetzt ist die Frau, die Yves Saint Laurent zu seiner Muse erkor, tot. Ertrunken in der Seine, als sie nach einer späten Feier mit reichlich Alkohol im Blut auf ihr Hausboot klettern wollte. Der tödliche Sturz geschah in den Morgenstunden des 2. Februar. Seitdem galt die 47-Jährige als vermisst. Am Donnerstag zerschlugen sich die Hoffnungen ihrer Freunde und Fans. Die Pariser Wasserschutzpolizei zog einige Brücken weiter eine unkenntliche Leiche aus der Seine. Das Paillettenkleid und die schwarzen Lederstiefel mit den hohen Absätzen gaben erste Hinweise auf Katoucha Niane, die Autopsie beseitigte die letzten Zweifel. "Ertrunken, ohne Gewalteinwirkung", ließ die Gerichtsmedizin mitteilen.

Von einer Tante ins Badezimmer gelockt

Viele Freunde hatten bis zuletzt gehofft, dass die verschwundene Katoucha Niane mit einem Lachen wieder auftauchen würde, als sei nichts geschehen. Sie wussten, wie sehr die Mutter dreier Kinder am Leben hing, trotz vieler - teils dramatischer - Rückschlage.

Ihren schlimmsten Tag erlebte Katoucha mit neun Jahren. Sie wurde das Opfer der traditionellen Beschneidung, bei der jungen Mädchen Teile der Genitalien entfernt werden. "Wir lebten in Guinea. Eines Tages sagte meine Mutter, wir gehen jetzt ins Kino", berichtete Katoucha Niane, als sie letztes Jahr zum ersten Mal über die tiefe Verletzung an Körper und Seele sprach. Das ahnungslose Mädchen erlebte einen Horrorfilm, und fand sich in der Rolle des Opfers wieder. "Ich wurde von einer Tante ins Badezimmer gelockt. Jahrelang hatte man uns beigebracht, immer die Beine zusammenzuhalten. Und plötzlich hieß es: Mach die Beine breit. Dann kam sie mit der Rasierklinge."

Katoucha Nianes Märtyrertum setzte sich fort. Ein Onkel missbrauchte sie im Teenageralter, nach einer Zwangsheirat flüchtete sie mit 18 Jahren nach Europa, ihr Ziel war Paris. Hier tat sich eine neue Welt auf. Niane profitierte von Freiheit und Unabhängigkeit, entwickelte sich zu einer selbstbewussten Frau.

Hier begann sie auch ihre imponierende Mannequin-Karriere mit ersten Auftritten bei Thierry Mugler. "Sie war unberechenbar, wild, auf dem Laufsteg eine Raubkatze", erinnert sich Violeta Sanchez, die zur gleichen Zeit Model in Paris war. "Katoucha war eine Ausnahme. Sehr elegant. Sie gehörte zu den wenigen Mannequins, die man trotz Perücke und Kleid von hinten erkennen konnte. Sie hatte eine unglaubliche Ausstrahlung."

Modemacher Wolfgang Joop schwärmt ebenfalls von Niane. Bei einer Modeschau in Paris sagte Joop zu SPIEGEL ONLINE: "Ich habe vor vielen Jahren mit ihr gearbeitet. Sie war fantastisch. Und schwer zu buchen. Und wenn man sie hatte, war sie nicht einfach. Ich hatte ein Defilée, bei dem alle Models die gleiche Perücke tragen sollten. Sie weigerte sich mit einem lautstarken "Ich hab mein eigenes Haar!". Nur mit Engelszungen habe er Niane schließlich überreden können, eine Perücke zu tragen. "Was für eine Frau!"

Kampf gegen Verstümmelung von Frauen

Die so bewunderte Katoucha Niane war sich der Ironie ihres Werdeganges sehr wohl bewusst. "Als Topmodel habe ich die arroganteste und die am meisten bewunderte Weiblichkeit verkörpert. Dabei sollte ich durch die Beschneidung in meiner Rolle als Frau reduziert werden. Was für eine Vergeltung."

Mit dem Ende der Modelkarriere 1994 wechselte Katoucha Niane das Metier - aber nicht die Branche. Sie arbeitete als Modeschöpferin und achtete darauf, immer mit Yves Saint Laurent in Kontakt zu bleiben. Im Jahr 2005 ein neuer Karriereversuch, wieder eine Vorreiterrolle. Das Ex-Model trat im französischen Privatfernsehen bei einer Realityshow auf, die Frankreichs nächstes "Top Model" wählen würde. Im Senegal versuchte sie eine ähnliche Sendung zu produzieren, mit der junge schwarze Mannequins sich den Traum von der großen Karriere und Freiheit erfüllen könnten.

Der vielleicht wichtigste Moment in ihrem Leben war die Veröffentlichung ihres Buch "Dans ma chaire" (In meinem Fleisch) im letzten Jahr. Darin prangert sie die an ihr verübte Beschneidung an, ruft zum Widerstand gegen dieses noch immer weltweit verbreitete Ritual auf. Bei der Vorstellung ihres Buches erklärte sie mit ihrem so typischen Optimismus: "Ich bin 47 Jahre alt, und habe noch mindestens die Hälfte meines Lebens zu leben." Sie hat sich getäuscht.

"Ein wilder Tod mit Eleganz"

Freunde und Fans verloren peu à peu die Hoffnung auf ein Wiedersehen, nachdem die näheren Umstände des Unglücksabends bekannt wurden. Katoucha Niane war nach der alkoholreichen Feier von einem Freund zu ihrem Bootshafen nahe der Brücke Pont Alexandre III begleitet worden. Dort liegen mehrere Peniches, wie die oft luxuriös ausgestatteten Pariser Hausboote heißen.

Der Begleiter setzte das Ex-Model bei strömendem Regen am Ufer ab. Offenbar wusste er nicht, dass Nianes Boot in zweiter Reihe ankerte. Auf dem Weg dorthin muss sie dann ins 7 Grad kalte Wasser gestürzt sein. Auf dem ersten Hausboot wurde ihre Handtasche mit Handy und Kreditkarte gefunden. Sie enthielt auch die Brille, die Katoucha Niane wegen Kurzsichtigkeit tragen sollte - und aus Eitelkeit meistens nicht aufsetzte. Violeta Sanchez erkennt im Tod ihre Kollegin wieder: "Ein wilder Tod mit Eleganz. Sie ist sich treu geblieben, mit einem Paillettenkleid als Totentuch und der Seine als Sarg."

War es Unfall oder Selbstmord? Die Polizei ermittelt noch. Niemand weiß, ob diese Frage jemals sicher beantwortet werden kann. Es gibt offenbar keine Augenzeugen, die das Drama beobachtet haben. Katoucha Niane, die als "afrikanische Prinzessin" im Rampenlicht gestanden hatte, starb einen einsamen Tod. Einen Kilometer weiter liegt die Place de l'Alma. Dort starb im Sommer 1997 mit Diana eine andere Prinzessin, die ebenfalls im Blitzlichtgewitter gelebt hatte.



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