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Trauer um Michael Jackson: Obama weint dem "King of Pop" keine Träne nach

Aus Los Angeles berichtet

Amerika ist sich einig: Die Jackson-Gedenkfeier war ein stilvoller Abschied von einem menschlich gewordenen "King of Pop". Nur Präsident Obama hält sich mit Trauerbekundungen auffallend zurück: Er will den skandalbelasteten Jackson nicht als afroamerikanische Vorbildfigur.

Los Angeles - Wer für ein paar Momente die Augen schließt im Staples Center von Los Angeles, kann sich glatt versetzt fühlen in ein anderes Stadion. Das Pepsi Center in Denver, in dem Barack Obama im August 2008 seine historische Nominierung als erster afroamerikanischer Präsidentschaftskandidat feierte, vor 80.000 jubelnden Menschen.

Die Sätze klingen ähnlich bei dieser pompösen Abschiedsfeier für Michael Jackson. Schauspielerin Queen Latifah sagt: "Er hat mir gezeigt, dass einem als Afroamerikanerin die Welt offensteht." Basketball-Legende Magic Johnson schwärmt: "Danke, dass du so viele Türen für uns Afroamerikaner geöffnet hast." Al Sharpton, prominenter Bürgerrechtler und Prediger, donnert: "Er hat Rassenschranken niedergerissen."

Jackson habe es normal werden lassen, Schwarze auf Magazintiteln oder in Musikvideos zu sehen - so sehr, dass die Amerikaner voriges Jahr endlich einen Schwarzen ins Weiße Haus gewählt hätten. In Sharptons Rede verschmilzt Jacksons Erfolgsgeschichte nahtlos mit dem Sieg des ersten afroamerikanischen Präsidenten.

Tatsächlich war Jackson schon "post-racial", als Obama noch zur Schule ging. Sein Erfolg, das ließ sich in seinen letzten Lebensjahren leicht vergessen, war ein ungeheurer afroamerikanischer Aufstieg. Er wuchs als achtes von zehn Geschwistern in Gary, Indiana, auf, nichts deutete auf Glamour und Millionen.

Unwiderstehliche Parallele

Doch Jackson wurde der "King of Pop", einer weißen Disziplin, MTV spielte seine Videos rauf und runter, er hatte mit Anfang 20 schon weiße und schwarze Fans auf der ganzen Welt. Eigentlich müsste Obama, der Vergleiche liebt, die Parallele unwiderstehlich finden.

Aber wer im Staples Center die Augen öffnet und die Ohren aufsperrt - der sieht und hört nichts von Obama. Kein Grußwort des Präsidenten, im goldenen Programmheft sind Fotos von Jackson mit Ronald Reagan, mit George H. Bush, mit Bill und Hillary Clinton zu sehen. Keins von oder mit Obama.

Als der Präsident am Beerdigungstag beim Staatsbesuch in Moskau nach Jackson gefragt wird, lobt er ihn als Entertainer - aber verweist auch wieder auf die Tragik in dessen Leben. Obamas Zurückhaltung verdeutlicht die amerikanische Unentschlossenheit über die Quasi-Heiligsprechung, die der einstigen Skandalfigur Jackson gerade widerfährt - und die Gefahr einer neuen Spaltung Amerikas in der Rassenfrage.

Zwar würdigt die Gedenkfeier im Staples Center geschmackvoll die Person Jackson neben der bloßen Show-Persönlichkeit. Erinnerungen prominenter Freunde wie dem ehemaligen Kinderstar Brooke Shields lassen den Megastar menschlich werden. Spätestens als Tochter Paris Jackson ihre Liebe für "den besten Vater, den man sich wünschen kann", ins Mikro haucht, fließen Tränen bei den Zuschauern.

"Nichts war komisch an eurem Vater"

Doch in Erinnerung bleiben auch die kämpferischen Töne von Bürgerrechtsveteran Sharpton, geschult in vielen Schlachten. Der stilisiert den "King of Pop" trotz aller Skandale zum unschuldigen Opfer einer brutalen Medienwelt. "Nichts war komisch an eurem Vater", ruft Sharpton dessen drei Kindern zu. "Er musste einfach mit komischen Dingen fertig werden." Die Menge im Staples Center jubelt laut.

Auf CNN meldet Kommentator Jeffrey Toobin zwar Protest an: "Das geht mir zu weit. Jackson hat mit kleinen Jungen in einem Bett geschlafen. Niemand hat ihn dazu gezwungen." Doch solche Bedenken versenden sich schnell.

Oder der bittere Satz von Marlon Jackson, der seinem toten Bruder zuruft: "Vielleicht werden sie dich jetzt endlich in Ruhe lassen." Sie, wer ist das? Die Medien, die Kritiker? Oder gar die Weißen? Brechen im Jackson-Gedenken alte Rassenspaltungen neu auf?

In einer Pew-Umfragen sagt knapp die Hälfte schwarzer Befragter, dessen Skandale bekämen zu viel Aufmerksamkeit - nur 22 Prozent Weiße sehen das so. Parallelen zum Mordprozess gegen Footballstar O.J. Simpson werden bereits gezogen. Auch damals hielten viele Schwarze Simpson für das Opfer eines weißen Rachefeldzugs gegen erfolgreiche Schwarze.

"Es spielt keine Rolle"

Dabei ist Jackson ein schwieriges schwarzes Rollenmodell. Zwar spendete er Unsummen für afroamerikanische Anliegen, er sang Sätze wie: "Es spielt keine Rolle, ob du schwarz oder weiß bist." Doch seine eigene Haut wurde immer weißer. Jackson behauptete, eine Hautkrankheit sei daran schuld. Aber Freunde behaupteten, er habe nicht mehr schwarz sein wollen. Jackson heiratete weiße Frauen, seine Kinder sind weiß. Doch nach seinem Tod umarmten schwarze Amerikaner Jackson wieder "uneingeschränkt", analysiert die "New York Times".

Zum Tod von Michael Jackson
Sony BMG/Reuters

Musik, Bilder, Hintergründe: Alles über den King of Pop

Sharpton und seinem Mitstreiter Jesse Jackson kommt das gelegen. Sie sehen einen Schwarzen im Weißen Haus, aber ihren Einfluss schwinden. Ihr Einfluss auf Obamas Umfeld ist minimal. Jackson wurde im Wahlkampf bei der Bemerkung ertappt, er wolle Obama am liebsten die Eier abschneiden, weil der sich herablassend über Schwarze äußere.

Nun haben sie mit der Causa Jackson wieder ein schlagkräftiges Thema: Die Rehabilitierung eines gefallenen schwarzen Helden. Sharpton fordert eine Gedenkbriefmarke für Jackson und vielleicht gar einen Nationalfeiertag. Der US-Kongress soll Jackson als eine Art Welt-Wohltäter ehren, auf Initiative schwarzer Demokraten.

Obamas Team dürfte solche Vorstöße mit Sorge verfolgen. Der Präsident hat sich immer bemüht, Verantwortungsbewusstsein in der afroamerikanischen Gemeinschaft zu betonen - in der zerrüttete Familien häufig, Bildungsfortschritte aber spärlich sind. Als Rollenmodell dafür taugt Jackson mit seinen Leihmüttern, seiner offensichtlichen Medikamenten- und Verschwendungssucht nicht. Von den Pädophilie-Vorwürfen ganz zu schweigen.

"Glorifizierungsorgie" in L.A.

Außerdem spaltet er das Land in einer Weise, die Brückenbauer Obama widerstrebt. Der konservative "New York Times"-Kolumnist David Brooks zitiert Jackson am Gedenktag als Beleg für den Sittenverfall in der US-Gesellschaft. Der republikanische Abgeordnete Peter King aus New York nennt Jackson offen einen "Kinderschänder" - und geißelt die "Glorifizierungsorgie" in Los Angeles.

Selbst Demokraten, vor allem die aus konservativeren Wahlkreisen, rebellieren gegen zu viel Jackson-Verehrung. Bei einer Gedenkminute für ihn im US-Kongress machten einige demonstrativ nicht mit. Noch ist unklar, welche Debatte die Oberhand gewinnt - die Heiligsprechung oder die nüchternere Betrachtung. Und ob Amerika darüber eine neue Rassendiskussion droht.

Doch fest steht wohl: Vom politisch versierten Präsidenten ist keine Träne zu erwarten. An Jacksons Gedenktag wird Obama auch gefragt, wie hoch er dessen Beitrag für den Durchbruch von Schwarzen in Amerika einschätze. Der antwortet ausweichend wie ein Dozent für Kulturgeschichte: Sidney Poitier falle ihm ein, der Schauspieler. Louis Armstrong, der Trompeter. Jackson. Es gäbe eine "lange Liste schwarzer Entertainer" mit diesem Einfluss.

Der erste afroamerikanische Präsident will sich dem afroamerikanischen "King of Pop" einfach nicht verpflichtet fühlen.

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Forum - Michael Jackson - was bleibt von ihm?
insgesamt 870 Beiträge
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1. bad, bad news again ...
freewheeling 08.07.2009
Ich habe soeben eine streng vertrauliche Mail erhalten die besagt, dass unser MJ nun zu den "Nicht-Toten" gehoert, auch genannt "Zombies". Was das bedeutet muss allen klar sein! Mein Gott, das Video von Heino als Zombie kommt mir in den Sinn, wenn das noch einer kennt, als ploetzlich dutzende Heino-Zombies mit Klampfe im Gleichschritt ueber den Friedhof marschierten. Was kann man bloss tun um das Unheil fuer die Menschheit abzuwenden??? Ich liebe euch alle!!!!
2.
TommIT, 08.07.2009
Zitat von sysopDer "King Of Pop" ist tot - Millionen trauern um ihn. Was wird von Michael Jackson in Erinnerung bleiben?
Der King of Pop ist tot - und in 100 Jahren noch nicht einmal das Es lebe die Lizensrechte, die Erbschaft und die vom Saulus zum Paulus genesene Mama. Die VIEEELLEN Freunde die wie Kakerlaken aus der Ritze kommen. Das erinnert mich irgendweie an die Vögel mit längerem Hals und Platte. Es ist rührend dass man mehr Freunde hat wenn man tot ist, als man lebend hatte.
3. Mythos
SwissMatthias72 08.07.2009
Von Michael Jackson wird ein Mythos übrig bleiben. Die Erinnerung an einen Menschen, der nie eine Kindheit hatte, der zu schnell ins Showbusiness gestossen wurde; der eigentlich ein einsamer Mensch war, der nur geliebt werden wollte. Er wird den gleichen Platz einnehmen wie Elvis Presley; man wird noch in den nächsten Generationen noch von ihm reden. Und vor allem wird seine Musik die Generationen überdauern.
4.
wowiku, 08.07.2009
Zitat von sysopDer "King Of Pop" ist tot - Millionen trauern um ihn. Was wird von Michael Jackson in Erinnerung bleiben?
Hoffentlich nichts. Gibt es nicht wichtigere Themen als diesen Mann ?
5.
ReinerG, 08.07.2009
Außer dem Trara um seinen Tod wohl nichts.
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