Trauerfeier für Ex-Hure Domenica "Sie war ein Naturereignis"

Sie war hoffnungslos hilfsbereit und grenzwertig grenzüberschreitend: Mit einer bewegenden Trauerfeier haben Hunderte Freunde und Wegbegleiter von Deutschlands berühmtester Domina Abschied genommen. Die beruhigende Botschaft: "Sie hat alles mitgenommen und nichts ausgelassen."

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"Wie sie war?" Annika zieht fest an ihrer selbstgedrehten Zigarette. Die Luft im Nordlicht ist so dick, dass man die Kümmerling trinkenden Gäste am anderen Ende des Tresens kaum erkennen kann. "Eine Freundin, eine große Seelsorgerin, eine, die für viele zu viel war."

Jahrelang hat die Rothaarige mit dem durchdringenden Blick mit Domenica Niehoff in der Hamburger Herbertstraße als Domina gearbeitet. Jetzt ist sie aus Süddeutschland gekommen, um ihrer Kollegin das letzte Geleit zu geben. Ob es sie traurig stimme, die Freundin zu verlieren? "Es ist okay, dass sie geht. Sie hat ein Leben gelebt, für das andere drei gebraucht hätten."

Bevor Annika sich aufmacht zum großen Treffen auf dem Hans-Albers-Platz, zieht sie ihren schwarzen Hut tief ins Gesicht. Gewohnt bleigrau und regenschwer ist der Himmel über Hamburg, außerdem gilt es, sich vor den Kameras zu schützen - sie muss an ihre Tochter denken, ihr neues Leben vor dem alten schützen. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn auf dem Kiez wimmelt es nur so von Kamera-Teams und Reportern, die sich unter die etwa 500 Trauergäste mischen.

"Wenn alle gekommen wären, die mit ihr im Bett waren, hätte es eine Schlange bis zum Rathaus gegeben", witzelt Fitz aus Lübeck, sportliches Outfit, dröhnende Lache, "feste Freundin" mit besonders vollen Lippen. Freier wie Zuhälter waren unter den Trauernden, doch auch die hohe Politik ließ sich blicken: "Sie war sehr eigen, ein bisschen chaotisch, man konnte sie nicht in Schubladen pressen", erinnert sich Krista Sager, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag und selbst überzeugte St. Paulianerin.

Langsam setzt sich der Trauerzug in Bewegung Richtung Herbertstraße. Man sieht viele Sonnenbrillen und blasse Gesichter, etwas wintersteif stakst die Gemeinde über den regennassen Asphalt. "Love, Love, Love" spielt die Bigband, als die ersten Tropfen fallen. Geradezu gespenstisch leer sind die Bürgersteige - kein einziges Freudenmädchen ist zu sehen. Niemand kobert, kichert oder lacht, die Barhocker in den Vitrinen sind verwaist. "Alles wegen Domenica", sagt Annika und stürzt sich auf der Suche nach alten Bekannten in die Menge.

Designer Götz Barner ist im knöchellangen, weißen Kunstpelz erschienen. Mit treuherzigem Augenaufschlag beklagt er die zunehmende Kommerzialisierung des Kiez: "Originale wie Domenica sterben aus. Es geht nur noch um Kohle." "Crazy Horst" aus der gleichnamigen Kneipe in der Hein-Hoyer-Straße sieht es gelassener: "Domenica hatte ein erfülltes Leben. Sie hat alles mitgenommen und nichts ausgelassen. Wir sind hier alle hart am Wind."

"Domenica konnte Wendehälse nicht ausstehen"

Domenica, "Mutter aller Huren" und "Königin vom Kiez", Streetworkerin und Kneipenbesitzerin, war Mitte Februar im Alter von nur 63 Jahren in einer Hamburger Klinik gestorben. Seit langem litt sie an einer schweren chronischen Bronchitis und Diabetes. "Ständig hat sie gehustet und trotzdem weiter geraucht", erzählt Fotograf Günter Zint vom St. Pauli Museum, der als guter Freund der Verstorbenen den Trauermarsch organisiert und Spenden für das Begräbnis aufgetrieben hat. Selbst ins Krankenhaus habe sie sich Zigaretten schmuggeln lassen, das dringend notwenige Insulin "wie Bonbons eingenommen".

"Ich habe sie noch kurz vor ihrem Tod gefragt, ob sie denn ein Testament aufgesetzt hat. Da hat sie mich empört angeguckt und gesagt: Nein, bis du verrückt, ich bin doch noch jünger als Du!" Nicht die Spur lernwillig sei sie gewesen, sagt Zint - und meint das als Kompliment. "Ich halte das für eine Tugend. Domenica konnte Wendehälse nicht ausstehen, ich auch nicht."

In den achtziger Jahren war Domenica durch Talk-Show-Auftritte und große Medienpräsenz zur nationalen Huren-Ikone aufgestiegen. Sie kämpfte für die Rechte der Prostituierten und die Legalisierung des Gewerbes. Prominente wie der Illustrator Tomi Ungerer, Maler Horst Janssen oder Gloria von Thurn und Taxis scharten sich um die vollbusige Domina. Rock-Poet Wolf Wondratschek schwärmte, "wenn sie mit ihrem Hintern wackelt, fließen die Flüsse bergauf." Zint sieht es im Rückblick weniger poetisch: "Sie hat mit den Medien gespielt und mitgespielt, dafür haben die Medien ihr bisweilen böse zugesetzt."

"Die Wunder und die Wunden von St. Pauli"

Martin Paulekun ist seit 1993 Pastor in der evangelischen St. Pauli Kirche am Pinnasberg. Obwohl Domenica eigentlich katholisch war, erklärte er sich bereit, in seinem Gotteshaus die Trauerfeier abzuhalten. "St. Pauli ist ein Dorf, wo man gemeinsam Abschied von den Toten nimmt", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Unsere Kirche steht offen für die Wunder, aber auch die Wunden dieses Stadtteils - und damit selbstverständlich auch für Domenica."

Voll besetzt bis auf den letzen Platz war die Kirche am heutigen Freitagnachmittag. Ein süßlicher Geruch hing in der Luft, der eine oder andere hatte wohl schon auf das Wohl der Verstorbenen angestoßen. Ein Rollstuhlfahrer mit dem Nummernschild "Wolfgang" gönnte sich mit Blick auf den Sarg erstmal ein Pils. Der war geschmückt mit roten Rosen und wirkte fast ein bisschen zu klein, um die große Tochter der Stadt zu fassen. "Tschüß Domenica, deine Hasenfamilie", stand auf einem Gebinde, der "Verdi-Fachbereich 13" kondolierte auf einem anderen.

Domenica sei immer Heilige und Hure, aber auch Alibi für die Präsentation des Verbotenen in der Öffentlichkeit gewesen, sagt Pastor Paulekun in seiner Predigt. Für das Viertel sei sie so wichtig gewesen, weil sie immer "Beziehung zu den Menschen aufgenommen und Grenzen überschritten hat."

Die Grenzüberschreitung, sie ist Thema Nummer eins, wenn es um Domenica geht. Das so mächtig Maßlose an ihr, das sie alle schmutzigen Ecken ausleuchten ließ, ohne Angst im Gesicht, aber mit Trauer im Herzen. "Sie war, wie sie war - ein Naturereignis", sagt St. Pauli-Nachrichten-Gründer Zint.

"Warte, bis die Leiche vorbei kommt"

Nicht minder legendär und ebenso unverbesserlich war Domenicas Hang zur Freigiebigkeit. Seit 1991 engagierte sie sich im Verein Ragazza e.V. für drogensüchtige Frauen, die sich rund um den Hamburger Hauptbahnhof mit Prostitution über Wasser hielten. Immer wieder ließ sie schwer abhängige Mädchen bei sich übernachten, kochte für sie, gab ihnen Geld und für ein paar Stunden das Gefühl, aufgehoben zu sein.

Natürlich wurde sie bisweilen bestohlen und hintergangen, das hinderte sie aber nicht daran, weiterzumachen. Sogar aus dem selbst gewählten Exil im vom Bruder geerbten Haus in der Eifel schickte sie noch Geld an die Mädels von St. Georg - solange, bis sie selbst keines mehr hatte. Von einer guten Freundin auf das Problem angesprochen, sagte sie nur, sie handele stets nach dem Motto: "Setz dich an den Fluss und warte, bis die Leiche vorbei kommt." Will heißen: Irgendwann kriegt man die Diebe von selbst.

Das Verhältnis der zwischendurch ausgezeichnet verdienenden Hure zum schnöden Mammon war offenbar zeitlebens ein schwieriges: "Noch heute warte ich auf das schnelle Geld. Und es kommt immer noch nicht", sagte sie gut acht Monate vor ihrem Tod in einem Interview. Die Hamburger Autorin und Gerichtsreporterin Peggy Parnass hat eine einfache Erklärung: "Sie wurde von allen ausgenutzt."

"Ich war nicht lebensfähig, ein Träumerkind"

An einem Freitag, den 3. August 1945, wurde Domenica Niehoff in Köln geboren. Den Vornamen verdankt sie ihrem Vater, einem italienischen Eisverkäufer, der die Mutter offenbar so heftig misshandelte, dass diese ihre drei Kinder schnappte und die Flucht antrat. Mit kleinen Gaunereien soll sie die Familie über Wasser gehalten haben - bis die Polizei auf sie aufmerksam wurde.

Domenica und ihr Bruder wurden in ein katholisches Waisenhaus gebracht. Bis zu ihrem 13. Lebensjahr lebte das Mädchen laut eigener Aussage völlig abgeschottet von der Außenwelt: "Ich war damals nicht lebensfähig, ich wusste nicht, was draußen los war, ich war ein Träumerkind."

Das sollte nicht lange so bleiben. Bereits im Alter von 17 heiratete sie den Bordellbesitzer Joseph R., der sich nach zehn Jahren Ehe vor ihren Augen erschoss. Domenica war auf sich selbst gestellt und trat in die Fußstapfen ihrer Großmutter: Sie ging anschaffen, zunächst im "Palais d'Amour", dann in der Hamburger Herbertstraße. Als Domina betreut sie in ihrem eigenen Studio neben vielen Prominenten auch "solche und solche - gemein, brav, lieb, reich, arm, jung und alt".

Keine Frage: Mit einer Trauerzeremonie wie der heutigen zelebriert der Kiez immer auch ein wenig sich selbst, den Mythos der eingeschworenen Gemeinde, der kodderschnäuzigen und liebenswerten St. Paulianer, die selbst bei Schietwetter und schlechter Geschäftslage nicht die gute Laune verlieren. Natürlich wissen alle, dass die kumpelhaften Zeiten längst vorbei sind, dass Drogen, organisiertes Verbrechen und postmoderne Abgefucktheit die Meile beherrschen. Umso wichtiger scheint es, Flagge zu zeigen und sich auf traditionelle Werte zu berufen. Einen davon hat Domenica selbst über alles geschätzt. Zurückgekehrt aus dem einsamen Asyl in der Eifel, schwärmte sie noch kurz vor ihrem Tod: "Auf St. Pauli bist du niemals allein."



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