Die Geissens: Jetzt kriegen die Loser ihr Fett weg
Trendforscher, Zeitgeist-Hipster und Durchblicker aufgepasst: Carmen Geiss hat gesprochen. Über Handtücher und Fett. Und Fett in Handtüchern. Klingt komisch? Ja, aber genau das ist die Frage - und noch einiges mehr.
Ein Satz lässt mich nicht mehr los. Der Satz lautet: "Solange mein Handtuch fettiger ist als manch anderem seine Suppe, sollten sich die Leute keine Gedanken machen."
Gesagt hat diesen Satz Carmen Geiss. Und weil die Geissens verstehen gleichzusetzen ist mit die Gegenwart begreifen, muss ich andauernd an diesen Satz denken. Wer diese Botschaft entschlüsseln kann, der vermag die Richtung erkennen, in die unsere Gesellschaft steuert, da bin ich mir sicher.
Frau Geiss hat den Satz auf die Frage geantwortet, ob sie und ihr Mann, Robert Geiss, denen man auf RTL II beim Reichsein zusehen kann, nicht "Lügen-Millionäre" seien. Nein, die Leute sollten sich mal keine Gedanken machen, denn: Die Handtücher der Geissens seien fettiger "als manch anderem seine Suppe".
Was bedeutet das, frage ich mich also, das fettige Handtuch? Sind das Handtücher, die mit einem speziellen Fett präpariert wurden? Ist das Fett eine neue Art der Luxusimprägnierung? Das Fetthandtuch wäre dann ein absurdes Utensil, denn mit fettigen Dingen lässt sich schwer abtrocknen.
Echt fett, der Stoff
So ein Handtuch hätte den Rang einer Botschaft. Wir leben unausgesetzt in der Sonne tropischen Glücks, hier muss man sich niemals anziehen oder abtrocknen, so ungefähr würde die Message lauten. Handtücher haben wir hier nur als Zeichen, die uns daran erinnern, dass irgendwo anders, in den Leichtlohngruppengebieten, ein scharfer Wind weht, sozialkritisch gesprochen. Dort muss man sich abtrocknen. Während wir uns hier, im Glanz eines strahlenden Dauerferienglücks, nicht das kostbare Seychellen-Nass von den Körpern wischen. Im Gegenteil. Wir fetten uns ein, vorzugsweise mit Handtüchern.
Oder stammt das Fett im Handtuch aus dem Gesicht der Frau Geiss? Auch das wäre möglich: Dass Carmen Geiss derart opulent mit Kosmetik verfährt, dass ihr Gesicht quasi das Handtuch einfettet. Sie würde sich, unter der Bilderbuchsonne von Saint-Tropez oder Biarritz, auf ein Handtuch legen, und später wäre, ähnlich den Heiligenerscheinungen auf Tüchern oder Toastbrot, ein Fettporträt auf eben diesem Handtuch zu sehen.
Erkenne die kosmetische Lage
Kenner der neuesten Zell- und Kaviarcremes erklären, nein, die besonders gute Lotion ist ja gerade eine, die sich nicht als solche zu erkennen gibt. Das edel gecremte Gesicht sieht aus wie ein unangetastetes. Höchstens ein Schimmer ist zu sehen wie nach fünf Minuten nachlässig ausgeführter Pilates-Übungen.
Aber, so mein Gedanke, vielleicht hat Frau Geiss zwecks Demonstration ihres bestialischen Reichtums, eben so eine Nobellotion, die aus dem Gedärm exotischer Lurcharten vom hinteren Amazons gekocht wird, in derart verschwenderischer Weise auf ihr Gesicht gepackt, dass der Einsickerungseffekt entfiel und sich stattdessen eine kosmetische Sedimentierung gebildet hat, die am Ende als Fett im Handtuch landet. Dann wäre die Botschaft: Nicht weniger ist mehr, sondern mehr ist mehr, ihr Loser.
Das alles ist rätselhaft, eine Herausforderung für Dermatologen und Kulturkritiker gleichermaßen. Und dann ist da noch die Suppe. Das Handtuchfett der Frau Geiss sei quantitativ dem Fett, wie es in den Suppen "von so manchem" anzutreffen ist, überlegen. Auf welches gesellschaftliche Segment wird hier angespielt? Migranten? Wo essen sie fettige Suppen? In den polnischen, russischen oder rumänischen Enklaven unserer Großstädte? War das also eine politische Provokation?
Das Schmalz in der Suppe
Oder sind mit der fettigen Suppe vielleicht jene Eintöpfe gemeint, die nun gerade in den hippen, jungbürgerlichen Vierteln von Berlin, München und Hamburg angesagt sind? Als Teil dieses Rustikalschicks: die ganze Zeit über Tofu und Rucola, aber einmal im Monat eine ordentliche Fettsuppe wie von Muttern, wenn Muttern nicht eine Galeristin auf Sylt wäre oder eine Zahnärztin aus Bielefeld.
Spätestens jetzt sagen Ästheten, Geschmacksbürger und alle, die immer noch glauben, man dürfe ungestraft Ein-Gang-Fahrräder fahren, im Sommer Wollmütze tragen und heimlich die FDP wählen, diese Leute sagen nun: Das ist eklig, was interessieren mich die Geissens, ich kaufe meine Kosmetik im Reformhaus oder direkt von Chanel. Und Handtücher, bevor die fettig werden, räumt die Putzfrau sie weg.
Diesen Leuten kann ich nur empfehlen, nach ihrem Zwölf-Stunden-Tag in der Agentur das Gesicht auf ein Frotteetuch zu legen und zu schauen, was hinterher zurückbleibt. Vermutlich sind es nur ein paar Burnout-Tränen.
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- Samstag, 09.03.2013 – 17:40 Uhr
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