TV-Quotenfrau Furtwängler, die Furie

Mit Preisen ausgezeichnet, durch gigantische TV-Quoten verwöhnt, hofiert, gehätschelt: 2007 war das Jahr der Maria Furtwängler. Dabei graut der Schauspielerin vorm Lichtgestalt-Image. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt sie, warum sie gern mal den Wüterich, weibliche Version, gibt.


SPIEGEL ONLINE: Frau Furtwängler, der "Tatort: Wem Ehre gebührt" zeigt die neuen Leiden einer schwangeren Kommissarin Lindholm - die erwartet ein Kind und wirkt zwischen überfürsorglicher Familie und verstörten Kollegen wie ein Alien. Viel Freude kommt da nicht auf.

Furtwängler: Es hat mich selber überrascht, dass die Lindholm die Schwangerschaft als solche Einschränkung erlebt. Ursprünglich dachte ich, das muss man heiter und glücklich erzählen, aber das passte nicht. Lindholms Vorgesetzte nutzen ihre Schwangerschaft, um sie endlich zu domestizieren. Und das findet sie grauenvoll.

SPIEGEL ONLINE: Der Plot von "Wem Ehre gebührt" bricht ein Tabu. Ohne zu viel verraten zu wollen: Es geschieht Unfassbares in einer türkischen Familie.

Furtwängler: Dazu hat sogar die "Hürriyet" ein Interview angefragt, das ich auch gegeben habe. Die haben auf diesen Tabubruch im "Tatort" - es geht um einen Missbrauchsfall - durchaus konsterniert reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie den türkischen Kollegen gesagt?

Furtwängler: Mein Argument war, dass alle Vorurteile, mit denen die Lindholm in die türkische Lebenswelt geht, am Ende nicht zutreffen. Stattdessen erzählen wir von etwas, was nicht nur hundertfach in deutschen, sondern eben auch in türkischen Familien vorkommt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben großen Einfluss auf die Gestaltung der Kommissarin Lindholm. Wie weit geht der?

Furtwängler: Ich bringe Ideen ein - die Szene bei der Schwangerschaftsgymnastik in "Wem Ehre gebührt" ist ein Erlebnis, das ich mit meinem Mann hatte. Wenn auch mit anderer Pointe. Und ich schau' natürlich, dass die Lindholm sich treu bleibt. Ich behaupte einfach mal, dass ich am besten weiß, wie die tickt.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Idee, Lindholm zur ersten schwangeren deutschen Kommissarin zu machen, stammte von Ihnen.

Furtwängler: Ich wollte von diesem unglaublichen Glück erzählen, das Kinder sind. Ich finde, wir gehen in Deutschland viel zu wenig emotional an das Thema heran. In meinem Leben sind Kinder die größte Erfüllung, das größte Glück, die größte Liebe. Das klingt pathetisch, aber: So ist es. Für ein Kind kann man sich nur mit dem Gefühl entscheiden. Alle anderen Fragen - wie bin ich finanziell abgesichert, was wird aus meinem Job? - machen es in Deutschland extrem schwierig, "Ja" zu Kindern zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Der entscheidende Morgen Ihrer Karriere war der des 8. April 2002, als die Quoten für Ihren ersten Lindholm-Tatort "Lastrumer Mischung" bekannt wurden…

Furtwängler: Was, so lange ist das schon her?

SPIEGEL ONLINE: Wie wäre es für Sie gelaufen, wenn es statt der traumhaften zehn Millionen nur, sagen wir, …

Furtwängler: … nur fünf Millionen gewesen wären?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Karriere wäre…

Furtwängler: ... bestimmt nicht so gelaufen. Bestimmt nicht. Aber es gibt immer wieder im Leben Weichenstellungen wie diese. Die erste war, dass jemand den Mut hatte zu sagen: "Mach du die Kommissarin" - zu einem Zeitpunkt, als das bei der ARD nicht nur positive Reaktionen ausgelöst hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Reaktionen wie: Warum kriegt ausgerechnet die Furtwängler so eine begehrte Rolle?

Furtwängler: Ja. Da hieß es dann: "Nehmen wir doch lieber die oder den. Die Furtwängler hat doch vorher Rosamunde-Pilcher-Filme gemacht." Natürlich gibt so eine Quote dann einen unheimlichen Schub. Aber wenn auf den ersten Erfolg drei Flops gefolgt wären, wäre es rasch wieder vorbei gewesen. Die nächste Umdrehung war dann "Die Flucht." Ich denk' bei solchen glückhaften Erfolgen immer nur: Was für'n Schwein, dass mich jemand gefragt hat, ob ich die Rolle will!

SPIEGEL ONLINE: Spätestens seit der "Flucht" kommen Sie in der Berichterstattung nur noch als tadellose Lichtgestalt daher, als schöne Power-Persönlichkeit, als Erfolgsgarantin…

Furtwängler: Genug, mir graut's !



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