Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

US-Schauspieler Charlie Sheen: Der Absturzstar

Von , New York

Charlie Sheen peilte mal eine Karriere als großer Filmstar an - doch dann inszenierte er sich lieber als Hollywoods "Bad Boy". Lange rettete ihn das Fernsehen, jetzt schickten ihn seine Produzenten in die Entzugskur. Protokoll einer öffentlichen Selbstdemontage.

Charlie Sheen: Szenen eines Abstiegs Fotos
dpa

In der letzten Januarwoche war viel los. In Ägypten explodierte der Volksfrust. Nelson Mandela kam ins Krankenhaus. Ein Drittel der USA bibberte unter historischen Schnee- und Eismassen - ein Ende war nicht in Sicht.

Was die Leute bewegt, das zeigt sich dieser Tage nicht zuletzt auch an den "Trending Topics" des Kurznachrichtendienstes Twitter. Und wer war da am vorigen Freitagabend Top-Trend? Nicht Kairo. Nicht Mandela. Nicht das Wetter.

Sondern Charlie Sheen, Hollywoods Enfant Terrible - noch vor "Egypt" und "Mubarak".

Amerika ist fasziniert von der langen Drogen-, Sauf- und Sex-Odyssee seines bestbezahlten Fernsehstars ("Two and a Half Men"), die jetzt ihr vorläufiges Ende gefunden hat. Nach einer 36-stündigen Sause mit diversen Substanzen und mehreren Pornostars, die anschließend dummerweise alles ausplauderten, verschwand Sheen für drei Monate in der Entzugskur, wieder mal.

Die Story und ihre Etappen sind inzwischen so altbekannt wie anstrengend: Huren, Koks, Exzesse, Ausnüchterungszellen, Gerichtssäle. Seit Jahren delektieren sich Amerikas Klatsch-Blogs und Kabelshows an der öffentlichen Selbstzerfleischung des Charlie Sheen. Mal habe er Hotelzimmer zertrümmert, mal Frauen verprügelt und meist dabei Drogen konsumiert. Sheens beliebteste Erklärung: "Ich hatte eine schlechte Nacht."

Am Freitag war es damit dann erst mal vorbei, und Sheen reihte sich in die lange Riege von Hollywood-Stars ein, die vor ihren Dämonen kapitulierten - wenn auch in seinem Fall weniger freiwillig, wie zu hören war, sondern auf Druck seines Senders und der Familie. Hollywoods Drehtür schnurrte wie geölt: Während Sheen daheim entzieht, checkte Disney-Star Demi Lovato, 18, aus einer Klinik aus - sie hatte sich wegen "emotionaler Probleme" behandeln lassen, hieß es.

Trash mit Methode

Dass Sheen mit seinen 45 Jahren immer noch auf diesem postpubertären Karrussel mittrudelt, war schließlich vor allem wohl seinen Geldgebern zu viel, dem TV-Sender CBS und dem Warner-Brothers-Studio. Die produzieren Sheens Sitcom "Two and a Half Men", in der er eine domestizierte Version seiner selbst spielt. "Men" hat Sheen zum Top-Verdiener gemacht, mit angeblich 27,5 Millionen Dollar Salär im Jahr.

Sheens jüngste Entgleisung kulminierte am Donnerstag voriger Woche in einem Notruf, gefolgt von einem Trip ins Cedars-Sinai Medical Center, das schon für manchen Star zu früh zur letzten Station wurde (River Phoenix, Brittany Murphy). Offiziell begründete Sheens Publizist die Notbehandlung zunächst mit "schweren Magenschmerzen" und "Zwerchfellbruch". Inoffiziell war die Rede von "einem Gucci-Aktenkoffer voller Kokain". Die wohl originellste, da offenbar bierernst gemeinte Ausrede stammte von einem "Augenzeugen", dem Paparazzi-Videoproduzenten Steve Brodersen: "Er hat beim Fernsehgucken zu viel gelacht."

Trash mit Methode: Charlie Sheen, der mit dem Film "Platoon" einst eine ernsthafte Weltkarriere anpeilte, versucht sich heute als letztes Exemplar einer aussterbenden Art zu inszenieren - als "Hollywood Bad Boy". Ihre Namen sind Legende: Warren Beatty, Dennis Hopper, Sean Penn. Mittlerweile aber sind die längst gezähmt (Mickey Rourke, Rob Lowe), ausgenüchtert (Colin Farrell, Robert Downey Jr.), zu Karikaturen verknöchert (Jack Nicholson, Burt Reynolds) oder schon so lange tot, dass die Twitter-Generation sie kaum mehr kennt (Tyrone Power, Rudolph Valentino). Nur einer hält noch die Stellung - Charlie Sheen.

Dankbares Porno-Starlet

Als klebe er in den achtziger Jahren fest, umgibt er sich immer wieder mit derselben zwielichtigen Entourage aus Nacktmodellen, Ex-Frauen, Bodyguards und Jasagern. Die fachen seine viel zu publike Midlife-Krise an, helfen ihm immer wieder, im Rausch zu verschwinden - und schlachten das dann bestmöglich für sich selbst aus, über Paparazzi-Websites wie "TMZ.com" oder vorabendliche Gossip-Shows wie "Extra".

Denn für viele Mitläufer war Sheens Selbstzerstörung bisher ein prima Geschäft. Pornostar Kacey Jordan, 22, will bei der "Zwerchfellbruch"-Nacht dabeigewesen sein: Sie jagte ein Foto des angeblichen Sheen-Couchtischs (Ikea) durchs Internet, darauf Coca-Cola, Mundwasser, Pillen und Marlboros, und gab anschießend jedem ein Interview, der sie fragte: "Wir reden von 20 Gramm Kokain!" Auf der "Babe"-Skala einer Porno-Website schoss Jordan über Nacht von Platz 258 auf Platz sechs. "Ich danke meinen Fans", twitterte sie entzückt.

Dabei hatte Sheen den Erfolg buchstäblich in die Wiege gelegt bekommen. Geboren als jüngster Sohn des Charakterdarstellers Martin Sheen ("Apocalypse Now", "The West Wing"), hatte er schon mit 19 seine erste große Filmrolle. Zwei Jahre später trat er in die Fußstapfen des Vaters, mit "Platoon", einem Vietnam-Drama à la "Apocalypse Now".

Dessen Regisseur Oliver Stone engagierte ihn 1987 erneut: In "Wall Street" spielte Charlie Sheen an der Seite von Michael Douglas. Er war endgültig ein Star.

Doch spätestens da liefen die Dinge aus dem Ruder. Sheen hatte immer schon ein Rabaukenimage gepflegt, ähnlich wie seine Saufkumpanen Rob Lowe und Sean Penn. Die berappelten sich aber irgendwann. Sheens Karriere dagegen kam ins Schlingern.

Karriere kaputt, Ehen ruiniert

Oliver Stone versprach Sheen 1989 die Hauptrolle in "Geboren am 4. Juli", gab sie dann jedoch an Tom Cruise. Sheen schwor, nie wieder mit Stone zu arbeiten - was er auch bis vergangenes Jahr durchhielt, als er in "Wall Street - Geld schläft nicht" mit einem winzigen Cameo-Auftritt seine alte Rolle von 1987 wiederholte. In der kurzen Szene rauscht er mit zwei kichernden Frauen im Arm durchs Bild.

Während "Geboren am 4. Juli" Kritiker wie Kinopublikum begeisterte, musste sich Sheen in den neunziger Jahren fast nur noch mit B-Movies begnügen. Er landete erstmals im Entzug. Er schoss seiner Verlobten, der Schauspielerin Kelly Preston, "aus Versehen" in den Arm, woraufhin sie ihn verließ. Er gab als Stammgast der Hollywood-Puffmutter Heidi Fleiss 50.000 Dollar aus. Er war mit Pornostars liiert.

1998 ließ sich Sheen erneut in die Drogenklinik einliefern. Doch danach stürzte er immer weiter ab. Seine cineastische Karriere war längst ruiniert, seine drei Ehen scheiterten, und zuletzt waren die Filmrollen meist nur noch Charlie-Sheen-Parodien, etwa in "Scary Movie 3".

1,9 Millionen pro Folge

Dann rief das Fernsehen - und dort gelten bekanntlich etwas andere Kriterien. Im Jahr 2000 übernahm Sheen vom erkrankten Michael J. Fox ("Zurück in die Zukunft") die Hauptrolle in der TV-Sitcom "Spin City" (deutscher Titel: "Chaos City"). 2003 begann der Siegeszug von "Two and a Half Men", in der Sheen einen hedonistischen Frauenheld spielt, minus Drogen. Im Mai 2010 verlängerte CBS seinen Vertrag - für sagenhafte 1,9 Millionen Dollar pro Episode.

Lange wurde gemunkelt, CBS freue sich über Sheens Faxen. "Sie sind begeistert", zitierte die "New York Post" neulich einen "Network-Insider". "Sie glauben, dass das die Show einem ganz neuen Segment junger Zuschauer zugänglich macht, die 17- bis 23-Jährigen. Sie halten das für Publicity im Millionenwert."

Doch bald schlug die Publicity in Peinlichkeit um. Sheen wurde zur Lachnummer, zum traurigen Clown. Im Oktober demolierte er seine Suite im New Yorker Plaza Hotel, angeblich splitternackt. Callgirl und Porno-Starlet Capri Anderson, sein Date für die Nacht, versteckte sich aus Angst im Badezimmer, bis die Cops kamen.

Am Ende geht das zynische Spiel sowieso nie auf. Lindsay Lohan ist heute Kassengift, da sie keine Versicherung mehr für Dreharbeiten abdecken will. Anna Nicole Smith zelebrierte ihre diversen Süchte im Reality-TV, bis sie einsam starb.

Ob Sheen diesmal wirklich die Notbremse zieht, steht dahin. Bevor er sich in die Ausnüchterung begab, hinterließ er über die Website "Radar Online" einen Abschiedsgruß an die Fans: "Die Leute scheinen es nicht zu kapieren. Kann ein Kerl nicht Spaß haben und gleichzeitig seine Arbeit machen? Alles Ärsche!"

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 108 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. meist immer
emden09 01.02.2011
Zitat von sysopCharlie Sheen peilte mal eine Karriere als großer Filmstar an - doch dann inszenierte er sich lieber als Hollywoods "Bad Boy". Lange rettete ihn das Fernsehen, jetzt schickten ihn seine Produzenten in die Entzugskur. Protokoll einer öffentlichen Selbstdemontage. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,742349,00.html
Formulierungen wie "meist immer" muss ich bei meinen Kindern schon seit der 5 Klasse nicht mehr korrigieren - die haben's kapiert. Schade dass Klatschreporter in ihrem Fach noch schlechter sind, als die Stars über die sie "schreiben".
2. Dennoch professionell gearbeitet
t-marquard 01.02.2011
Was in dem Artikel unterschlagen wird ist, dass Warner Bros. TV und CBS stets betont haben, dass Sheen immer pünktlich am Set war, seine Texte beherrschte und immer professionell und vorbildlich gearbeitet hat.
3. Sheen verwechselt sich selbst mit der Rolle des "Charly Harper"
reflexxion 01.02.2011
Da hat wohl einer ein Problem zwischen Fiction im TV und Realität. Ich sehe die Serie sehr gern und mir ist es ehrlich gesagt Wurscht, ob er sich in seiner Freizeit mit Gewerblichen in Hotels zurückzieht und die sau rauslässt. Geld verdirbt offensichtlich den Charakter. Was mich nervt ist die dauernde Berichterstattung der Regenbogenpresse und ihrer Pendants im TV und online.
4. Er ist halt kein
Kay2342 01.02.2011
Berlusconi.. dem jubelt man in allen Klatschpressen,auch dem Spiegel,immer laechelnd hinterher..trotz offenem geheimnis um Pädophilie...
5. kT
Kapnix, 01.02.2011
Zitat von emden09Formulierungen wie "meist immer" muss ich bei meinen Kindern schon seit der 5 Klasse nicht mehr korrigieren - die haben's kapiert. Schade dass Klatschreporter in ihrem Fach noch schlechter sind, als die Stars über die sie "schreiben".
Vielleicht hat der Autor auch diese Ausdrucksweise ironisierend gebraucht, zumal SPon ein Blog und kein Germanistikseminar ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: