Los Angeles - Die Geschichte der modernen Friseurkunst kennt zwei Epochen: Die Jahre vor und die Jahre mit Vidal Sassoon. In der alten Zeit machten heiße Trockenhauben, ziepende Toupierkämme, juckende Lockenwickler und zementierendes Haarspray den Gang zum Friseur für Millionen Frauen zur Tortur. Dann tauchte Vidal Sassoon mit der Schere in der Hand auf und sorgte für die große Befreiung auf den Köpfen. Der Brite revolutionierte die Haarmode. Am Mittwoch starb Sassoon im Alter von 84 Jahren in Los Angeles. Nach Informationen der "Los Angeles Times" litt er an Leukämie.
Als Sassoon sein Handwerk lernte, trugen die Frauen ihr Haar hochgesteckt, die Frisuren waren überladen. Sassoon befreite die Frauen von dieser Last, seine Kreationen waren einfach, leicht zu pflegen und trotzdem schick. Die Sechziger waren das Jahrzehnt, in dem die Frauen sich aus der Unterdrückung zu befreien begannen - und Sassoon lieferte die Haarschnitte dafür. "Er hatte ein perfektes Gespür für den richtigen Moment", sagte Linda Wells, Chefredakteurin der Modezeitschrift "Allure". "Sassoon war ein wirklicher Feminist."
Nachdem er 1948 als freiwilliger Soldat im israelischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte, kehrte Sassoon nach England zurück und widmete sich ganz der Friseurkarriere. Mitte der fünfziger Jahre eröffnete er den ersten Laden in der mondänen Bond Street. Schnell wurden seine stark konturierten Schnitte berühmt, er verhalf Mary Quant zu einem neuen Look, sie war als Modedesignerin der Star ihrer Zeit und machte den Minirock berühmt.
Geometrische Schnitte, neue Techniken
"Ich hatte die Idee, Frisuren eine Kontur zu geben, das Haar wie Stoff zu behandeln und alles wegzulassen, was überflüssig war", sagte Sassoon 1993. "Die Frauen gingen zurück zur Arbeit, kämpften für ihre Rechte und hatten keine Zeit mehr, ewig unter der Trockenhaube zu sitzen."
Lange experimentierte er mit neuen Schneidetechniken und geometrischen Schnitten. Sassoons Interesse galt nicht nur den Haaren, auch Kunst und Architektur - vor allem der Bauhaus-Stil - hatten es ihm angetan. "Mein Traum war das Haar im Reich der Geometrie: Quadrate, Dreiecke, Rechtecke und Rhomben." Mit dem "Bob" setzte er diese Vision um, sie wurde sein größter Erfolg.
Anfang der sechziger Jahre schuf Sassoon den aufsehenerregenden Haarschnitt mit gerader, kinnlanger Konturlinie - flippig und einfach zugleich. Die "Schüttelfrisur" wurde zum perfekten Accessoire der Swinging Sixties und ist bis heute eine der häufigsten Anfragen in den Salons der Welt.
Mia Farrows Haare machten ihn berühmt
1966 entwickelte Sassoon einen lockigen Look, für den er sich von Clara Bow inspirieren ließ, einem Filmstar der zwanziger Jahre. Hollywood-Produzenten ließen ihn daraufhin von London nach Los Angeles einfliegen, um Mia Farrow die Haare für "Rosemary's Baby" zu machen. Mit Aktionen wie dieser, für die Sassoon die damals astronomische Summe von 5000 Dollar erhalten haben soll, festigte er seinen Ruhm als Starfriseur.
Sassoon erwies sich nicht nur als Trend-Genie, sondern entwickelte sich auch zum cleveren Geschäftsmann. Er eröffnete erfolgreiche Geschäfte in den USA, gründete eine internationale Salonkette, mehrere Friseurakademien, kreierte 1974 eine Haarpflegeserie - und wurde selbst zum Multimillionär. Stars zahlten viel für einen Schnitt beim Maestro. Sassoons wohlklingender Name wurde zur Marke und war bald hauptsächlich als Shampoo bekannt.
Mit seiner vierten Frau Rhonda, die er 1992 geheiratet hatte, lebte Sassoon in Los Angeles. In den vergangenen Jahren war es still geworden um den Herrn mit dem silbergrauen Haar.
"Ich war und bin ein großer Fan von Vidal Sassoon. Er hat uns Friseuren viel geholfen und viel gelehrt", sagte der Berliner Starfriseur Udo Walz über den Tod des Kollegen. Sassoon sei der erste gewesen, der auf Lockenwickler und Dauerwelle verzichtet habe. "Er hat mit seinen spektakulären Schnitten die Friseurszene total umgewandelt."
jbr/dapd
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