WAGs - Spielerfrauen Schöne Biester? Von wegen! 

England spielt um Platz drei, das sei auch ein Verdienst der Spielerfrauen, heißt es in britischen Medien. Statt mit Eskapaden abzulenken, hätten sie mit Zurückhaltung geglänzt. Geht's noch? Warum Wives and Girlfriends (WAGs) besser sind als ihr Ruf.

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Vor zwölf Jahren ging ich einmal auf die Pirsch, um ein paar WAGs aufzustöbern. Es war WM in Deutschland, die Wives and Girlfriends, kurz WAGs, des englischen Teams waren in einem alten Nobelhotel in Baden-Baden untergebracht, und ich arbeitete bei einer schwäbischen Regionalzeitung, die mich zur Investigativ-Begutachtung der stilmäßig eher lauten weiblichen Entourage schickte. Keifende Sonnenbrillengroßeinkäufe sollte ich observieren, über Prosecco-Dosen-Stechen auf der Kurpromenade und Bitchfights mit reichen russischen Kur-Greisinnen berichten und was der edlen Reporterpflichten mehr waren.

Damals war der WAG-Hype gerade auf dem Höhepunkt, die praktische Sammelbezeichnung gluckerte gerade von der britischen Boulevardpresse in den allgemeinen Sprachgebrauch. Erfunden haben die griffigen Abkürzungen angeblich die Service-Angestellten des Jumeirah Beach Club in Dubai. Dort war die englische Nationalmannschaft 2004 kurzzeitig bei ihrer Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in Korea und Japan einquartiert, die begleitenden Frauen und Freundinnen verschlangen schmollschnutig Fifa-Logos aus Marzipan und benahmen sich auch sonst so exaltiert, dass die staunenden Servicekräfte eine eigene Gattungsbezeichnung für angebracht hielten.

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WAG: Mehr als ein Klischee

Auf dem Höhepunkt ihrer Exzentrik waren sie ja auch eine Schau, ein whitetrashiges Kulturphänomen, bei dem man schlecht wegschauen konnte - und warum sollte man auch? Sie waren ein Spektakel, gelbhaarig verfärbt, fozziebärfarben gebruzzelt, Swarowski-verkrustet, weißnagelspitzig, stöckelfüßig, behangen mit riesigen Handtaschen, in denen sich die dünngliedrigen WAGs bei spontanen Erschöpfungsanfällen bei ihren Shopping-Ausflügen problemlos zu einem kleinen Schläfchen hätten zusammenrollen können. Und bei alledem schienen sie so gedankenblank und unbekümmert, als würden sie nicht einmal merken, wie gut es ihnen geht, schrieb ein früher Kommentator einmal: "Wie ein Rudel Golden Retriever in pastellfarbenen Kaschmirpullovern."

Lassen die Frauen ihre Sündengriffel von den Männern, klappt es mit dem Fußball

Die prominentesten WAGs dieser goldenen Jahre waren Victoria Beckham, von der "Sunday Times" als "the original WAG" geadelt, Cheryl Tweedy, die Freundin von Ashley Cole, und Coleen Rooney, die die "Times" als "Nationalheiligtum" bezeichnete. Fair enough, denn der kulturelle Wert des Gespusi-Geschwaders war zwar nicht augenfällig, aber doch unbestritten: Sie waren zu ihrer Hochzeit ein gigantisches Ablenkungsmanöver, smokey eyes and mirrors - und zwar nicht im oft bekrittelten Sinn, dass sie ihre Fußball spielenden Ehemänner und Freunde vom sportlichen Ernst ablenkten. Nein, sie lenkten vor allem die Augen der Öffentlichkeit auf sich, sie waren die verrückten Hühner, die Prass-Girls, die Konsumschleudern - und die mit ihnen verbandelten Männer im Kontrast dazu ganz normale, bodenständig gebliebene lads, trotz ihres Reichtums, trotz der Mega-Kommerzialisierung des einstigen Working-Class-Sports, die irgendwie versehentlich in die Fänge dieser Glitzi-Furien geraten waren.

Während der WM 2006 erhielten die Shopping-Eskapaden der Britinnen, die angeblich leer gesoffenen Bars und betanzten Lokaltische in Baden-Baden in der Heimat immense mediale Aufmerksamkeit - die Mittelmäßigkeit der dazugehörigen Fußballmannschaft und das vermasselte Viertelfinale wurden nicht selten auf diese unerhörten Ablenkungen zurückgeführt. Von da an ging es bergab mit WAGs, öffentliche Quietschfidel-Ausbrüche wurden seltener, die Ausschweifungen diskreter.

Bei dieser WM wird nun gern betont, das englische Team sei auch deshalb so erfolgreich gewesen, weil es eben keine Eskapaden und Ablenkungen durch mitreisende Lebensgefährtinnen gegeben habe. Kaum lassen die Frauen, diese notorischen Sirenen und schlimmen Verführerinnen, ihre Sündengriffel von den Männern, klappt es auch wieder mit dem Fußball, wie schön! Jamie Vardys Frau Rebekah (die auch schon an der britischen Version des Dschungelcamps teilnahm) organisierte letztens zwar eine gemeinsame Girls' Night Out für die mitgereisten WAGs in Russland, auf Instagram war zu sehen, wie Fern Hawkins, die Freundin von Harry Maguire, im Verlauf des Abends eine Shisha rauchte, aber sonst verlief alles scheinbar in geregelten, überaus langweiligen Bahnen, auch wenn der Abend lang war, wie Rebekah mit einem um 3:56 Uhr geposteten Sonnenaufgangsbild kokett andeutete. Sie sei sich ihrer nationalen Verpflichtung bewusst, auch die Frauen und Freundinnen repräsentierten schließlich England, sagte sie in einem Interview, weswegen sie nicht im Morgengrauen aus einem Nachtclub auf die Straße rollen wolle.

Jede Nation hat ihre Spielerfrauen

Schade eigentlich. Ich vermisse die Parade-WAGs, die Spaß haben und machen, was sie wollen. Diese sensationell verneureichten Nageldesignerinnen (Alex, die Frau von Steven Gerrard) und gescheiterten Girlgroup-Kehlchen (Abbey, die Frau von Peter Crouch), die jetzt mit Schmackes auf die Pauke hauten, einfach nur because they can. Ich vermisse die Melodramen, die wahnwitzig auftoupierte Eitelkeit, die schäbigen TV-Deals - herrlich, wie Abbey Crouch, damals noch geborene Clancy, die Frisör-Castingsendung "Great British Hairdresser" co-moderierte! Wie Crouch zwischenzeitlich mit ihr per Fax Schluss machte! Wie die Paare Steven Gerrard und Schauspielmodel Jennifer Ellison sowie Tony Richardson und Alex Curran einfach beschlossen, die Partner zu tauschen! Jede Nation hat ihre Spielerfrauen, aber die englischen setzten in diesem Genre einfach die Benchmark.

Victoria Beckham auf der diesjährigen New York Fashion Week
imago/i Images

Victoria Beckham auf der diesjährigen New York Fashion Week

Und die besten unter ihnen, obwohl oft als Hühnchenanhängsel verlacht, können durchaus als prächtige Beispiele dafür gelten, wie man sich clever eine eigene Karriere aufbaut, Promi-Mann hin oder her. Victoria Beckham, natürlich. Aber auch Colleen Rooney, deren Privatvermögen dank Buchverträgen, Fitness-DVDs und Modeljobs inzwischen auf über acht Millionen Pfund geschätzt wird. Auch in Deutschland gab es toughe Business-Spielerfrauen: Italia Walter, Ehefrau von Weltmeister Fritz Walter, besorgte ihm Werbeverträge und schmiss die gemeinsame Wäscherei. Gaby Schuster, legendäre Managerin und (Ex-)Frau von Bernd Schuster, arrangierte seine Transfers, feilschte mit Vereinsbossen - und bekam zum Dank ein Yoko-Ono-mäßiges Zerstörerimage übergestülpt, ähnlich wie Angela Häßler, Bianca Illgner und Martina Effenberg. Leben Spielerfrauen vom Geld ihres Mannes, ist das für viele verhöhnenswert - vermehren sie es stattdessen, drängen sie sich in eine Position, die ihnen nicht zusteht. Die Geschichte der WAGs ist eine Geschichte der Missverständnisse.

In Baden-Baden sah ich damals übrigens keine einzige von ihnen, freundete mich aber beim tagelangen Rumlungern vor dem Hotel mit den englischen Paparazzi an, die mich ihre selbst gebastelten WAG-Referenzbücher studieren ließen: Wie Ornithologen, die in ihren Vogelbestimmungsbüchern blättern, verglichen sie immer wieder vorbeiflanierende Frauen mit ihren abgehefteten Fotos. Sonst konnten sie mir leider keine saftigen News erzählen, nur, dass sie sich gerade gestern erst 24 Flaschen Hairstyling-Schaum und 24 Flaschen Sonnenmilch hätten liefern lassen - die Nationalmannschaft, nicht die Spielerfrauen.



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