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Techno-DJ Westbam: Die Macht des Bumbumbum

Ein Interview von Rainer Schmidt

Westbam ist einer der wichtigsten deutschen DJs und gerade 50 Jahre alt geworden. Ein Gespräch über die Lust am Ausgehen, die Feierwut der Schwulen und die politische Kraft der Technomusik.

DJ Westbam: Mr. Techno Fotos
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Zur Person
  • Oliver Rath
    Maximilian Lenz alias Westbam wurde am 4. März 1965 in Münster geboren. Der DJ gilt als einer der wichtigsten deutschen Vordenker und Wegbereiter der elektronischen Musik. Er war Mitte der Achtzigerjahre in Berlin Mitgründer des erfolgreichsten deutschen Techno-Labels, Low Spirit, Gesellschafter der Mayday und Stammgast auf der Love Parade. Seine Autobiografie "Die Macht der Nacht" erscheint am 6. März im Ullstein Verlag (320 Seiten, 18 Euro).
SPIEGEL ONLINE: Westbam, was ist Ihr Fazit: Worin liegt die wahre Macht der Nacht, was treibt die Leute in die Clubs?

Westbam: Ganz kurz und prägnant: Sex. Was nicht heißt, dass es dazu ständig kommt. Wobei Musik wohl auch eine Rolle spielt. Sonst wäre ich als Teenie nicht in so vielen Schwulenläden unterwegs gewesen.

SPIEGEL ONLINE: In der Techno-Hochphase kam es trotz aufgesexter Stimmung in Clubs selten zum Ernstfall, weil die Leute lieber tanzten oder zu druff waren.

Westbam: Das ist richtig. Aber der Sexgedanke ist die latente Antriebsfeder. Deswegen wird das Nachtleben immer von Menschen dominiert, die zwischen 15 und 25 sind. Wenn sich die Leute ihre Hörner abgestoßen haben, wie man so schön sagt, und eine Familie gründen, wird es auch mit dem Nachtleben weniger. Nur bei den Schwulen gibt es auch eine Kultur des Ausgehens für Ältere, in der einige reifere Heteros Asyl bekommen, die den Family-Weg nicht einschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre These ist: In Sachen Feiern haben wir von den Schwulen gelernt?

Westbam: Ja, unbedingt. Die Homoerotisierung und Metrosexualisierung der deutschen Gesellschaft begann in den Achtzigern und war ein Segen. So, wie damals etwa schon im Berliner Metropol gefeiert wurde, wo ich auflegen durfte - das war der Blueprint für alles, was in den Neunzigern folgte.

SPIEGEL ONLINE: Wo dann von Donnerstag bis Dienstag durchgefeiert wurde.

Westbam: Das war eine Zeit lang so, ja. Das gibt es so nicht mehr. Die Leute gehen heute konzentrierter aus, gerne am Sonntagmorgen. Aber jetzt kommen sie nicht mehr von einer anderen Party, sondern frisch geduscht von zu Hause.

Westbam 2012: "Abgehackt tanzt heute nur noch Herbert Grönemeyer" Zur Großansicht
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Westbam 2012: "Abgehackt tanzt heute nur noch Herbert Grönemeyer"

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen offen über den Drogenkonsum der Nachtlebenszene. Früher wurde darüber stets schamhaft geschwiegen, um keine Vorurteile zu bestätigen.

Westbam: Ich habe immer gesagt: Ich bin nicht gegen den Gebrauch von Drogen, aber gegen den Missbrauch. Im Nachtleben hat es immer Drogen gegeben. Aber vielleicht sogar nicht mehr als im Rest der Gesellschaft. Wo es wahrscheinlich mehr Drogen gibt, ist unter DJs und Musikern.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Techno ohne Ecstasy so groß geworden?

Westbam: Vielleicht hat Ecstasy den Aufstieg von Techno begünstigt. Vielleicht hat auch Techno den Aufstieg von Ecstasy begünstigt. Denn: Chemisch ist die Droge, so viel ich weiß, seit hundert Jahren bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Zum Mythos der Nacht gehört die Idee der verschworenen Gemeinschaft, der Gedanke der "Familie" aller Ausgehenden.

Westbam: Der DJ selbst ist im Grunde immer allein und recht einzelkämpferisch unterwegs. Das "Family"-Ding wurde in den Neunzigern überstrapaziert, viele falsche Freundschaften wurden zu einem Familienersatz stilisiert.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche als Tänzer galt lange als hüftsteif und peinlich. Wo stehen wir heute?

Westbam: Der Hippie-Ausdruckstanz hat mich als Kind vom Tanzen abgehalten, obwohl oder auch weil er so undeutsch-wabbelig war. Mein erster Tanz war der Pogo beim Punk, später kamen die ganzen abgehackten Tanzschritte dazu, etwa beim Ska: das Bein vor und zurück, Ellenbogen raus. Diese zackigen Bewegungen selbst handelten ja von der deutschen Identität der "Neuen Deutschen Welle". Das Hektische, Eckige und Ungelenke wurde auf die Spitze getrieben, nach dem Motto: Wir machen das extra.

SPIEGEL ONLINE: Die elektronische Musik hat das geändert?

Westbam: Ja. Die Deutschen haben sich auf den Loveparades der Neunzigerjahre gelockert. Auf Ibiza kann man in den Clubs nicht mehr erkennen, ob da Engländer, Italiener oder Deutsche tanzen. Genau so wenig, wie du es der Musik noch anhörst, woher sie kommt. Da gibt es keine regionale Färbung mehr. Schade eigentlich. Abgehackt tanzt heute nur noch Herbert Grönemeyer.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben der Loveparade eine wichtige politische Wirkung zu. Da werden wieder viele aufjaulen.

Westbam: War Woodstock politisch? Waren die New-Wave-Konzerte der Achtziger politisch? Auf jeden Fall! War die Loveparade politisch? Aber auf super jeden Fall! Sie hat das Bewusstsein von Millionen und das Bild Deutschlands in der Welt doch ziemlich verändert. Man muss blind sein, um das nicht zu sehen. Im weitesten Sinne manifestierte sie kulturell die Beendigung des Zweiten Weltkrieges. Allein wie viel Völkerfreundschaft die Love Parade zwischen Deutschland und Polen gestiftet hat, dafür hätte Dr. Motte das goldene Bundesverdienstkreuz am Band verdient, und das meine ich absolut ernst.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland hieß es lange eher: Techno ist Faschismus. Es herrschte Hass und Abscheu im Feuilleton.

Westbam: Was empfinden wir als "hässlich"? Was hassen wir, frei nach Nietzsche, am meisten? Unseren eigenen Untergang. Die neue Kultur nahm plötzlich große Plätze ein, an denen vorher Rock war. Der normale Rock-Feuilletonist fühlte sich ausgeschlossen. Der Ärger über Techno war meistens schlicht Angst vor dem Fremden.

SPIEGEL ONLINE: Es folgte ein Triumphmarsch. Hatte sich Techno Ende der Neunzigerjahre zu Tode gesiegt?

Westbam: Das war nur ein Teilaspekt. Nach dem Mauerfall herrschte große Zuversicht, dass bald die ganze Welt zusammen befreit und glücklich in entspannten Demokratien nach westlichen Werten durch das Leben tanzen würde. Spätestens am 11. September 2001 war klar: Das funktioniert so nicht. In der Folge suchte sich auch das Nachtleben einen neuen Sound. Rückzug in die Clubs, keine aufdringliche Ravemusik mehr, lieber leises Minimal, das war die Stimmung.

Westbam 2004: "Ich lege meistens einmal in der Woche auf" Zur Großansicht
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Westbam 2004: "Ich lege meistens einmal in der Woche auf"

SPIEGEL ONLINE: Sie, der Mann des Bombast-Techno, waren auf einmal nicht mehr so angesagt.

Westbam: Jeder Künstler kann sich freuen, wenn er zehn Jahre eine besondere Wirkungsmacht entfaltet. Darüber hinaus geht es dann um die Konservierung eines Erfolgsmoments, siehe Rolling Stones, oder kluge Anpassung, siehe Madonna. Beides ist für mich keine attraktive Option.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es, als heute 50-Jähriger für 20-jährige Clubgänger aufzulegen?

Westbam: Es kann toll mit 50 sein und mies mit 20 und umgekehrt. Aber mit 50 empfindet man die körperlichen Anstrengungen naturgemäß deutlicher - und ich reagiere empfindlicher, wenn es mir selbst mal nicht gefällt, es nervt mich heute mehr. Ich werde wohl immer künstlerisch tätig sein, aber bin nicht sicher, ob das Auflegen jeden Samstag dazu gehören wird.

SPIEGEL ONLINE: Ein Ende ist tatsächlich vorstellbar nach mehr als 30 Jahren?

Westbam: Natürlich. Ich lege meistens einmal in der Woche auf, meist für zwei Stunden. Deswegen wäre es für mich kein Kulturschock, diese Zeit anders füllen zu müssen. Dazu würde sich sofort wahlweise anbieten: fernsehen oder, besser noch, schlafen.

SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Tagen ist Ihr Ziehvater und Förderer William Röttger gestorben. Wie wichtig war er für Sie und Ihre Karriere?

Westbam: DJ Westbam hätte es ohne William Röttger nicht gegeben.

Der Autor
Rainer Schmidt ist Journalist und Schriftsteller, er kennt Westbam seit den Neunzigerjahren. Über seine eigene Rave-Zeit hat er den Roman "Liebestänze" geschrieben

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