Hamburg - Eine Woche bevor seine Mutter neues Staatsoberhaupt der Niederlande wird, sagt Willem-Alexander einem Reporter, er wolle eigentlich gar nicht nach Den Haag ziehen. Er würde viel lieber auf Schloss Drakensteyn bleiben. Es ist Frühling 1980, Willem-Alexander, 13 Jahre alt, steht mit seinen Brüdern Friso und Constantijn im Garten seines Elternhauses, alle tragen Schlaghosen und Topfschnitt.
Der Reporter lacht ein wenig onkelig und fragt nach dem Grund. Willem-Alexander steckt die Hände in die Hosentaschen und sagt: "Hier ist es viel freier."
Freiheit - das ist bis heute Willem-Alexanders wichtigstes Anliegen. Er weiß, was das König-Sein mit einer Familie anrichten kann. Er hat erlebt, wie seine Mutter ständig unterwegs war und ihre Gefühle unter der Krone versteckte, während der Vater zu Hause depressiv wurde.
Wenn Königin Beatrix am 30. April ihrem Sohn Willem-Alexander das Zepter übergibt, dann wird nicht nur die royale Marine zum ersten Mal seit 123 Jahren das HM ("Harer Majesteit") auf der Flotte in ein ZM ("Zijner Majesteit") umstreichen müssen: "Seiner Majestät". Wenn der 46-Jährige König wird, zieht eine Gelassenheit und Offenheit in den Palast ein, die unter Beatrix nie denkbar gewesen wäre.
Willem-Alexander wird aber auch ein distanzierter König werden. Anders als seine Mutter wird er jedoch nicht das Volk, sondern das Amt auf Abstand halten.
Er ist einer, der beim Toiletten-Weitwurf mitmacht und den Staatsgästen zur Begrüßung kumpelhaft auf den Rücken klopft. Einer, der aushält, dass der Wert der Monarchie sich ändert. "Ich bin kein Protokoll-Fetischist", sagte er zwei Wochen vor seiner Amtseinführung in einem Interview. Er möchte ein König sein, der für Kontinuität und Stabilität steht. Ein Versprechen an seine Mutter. Aber er möchte auch ein moderner König sein - und das ist eine Ansage ans Volk.
Alex - so nennt ihn seine Frau
Mit Willem-Alexander wird sich der Ton am Hof ändern. Er bestehe nicht darauf, mit "Majestät" angesprochen zu werden. Die Leute sollen ihn so nennen, wie sie möchten und sich wohlfühlen. Zum Beispiel Alex. So nennt ihn auch seine Frau.
Dass die Dynastie Oranje-Nassau unter den europäischen Königshäusern als sympathisch gilt, liegt vor allem an dem hemdsärmeligen Willem-Alexander und seiner unbefangenen Máxima. Zwei Frohnaturen, immer gutgelaunt, immer ein bisschen so, als seien sie gerade von einer Fahrradtour zurückgekehrt. Das A-Team, die drei Töchter Amalia, 9, Alexia, 7, und Ariane, 6, geht auf eine öffentliche Schule.
Es wird ein Bruch mit der Regentschaft seiner Mutter, die sich stets hinter einem antiquierten Hofzeremoniell verbarg. Ihr vielleicht modernster Zug war ihre Abdankung: "Ich glaube, dass die Verantwortung für unser altes Land in die Hände einer neuen Generation gehört", begründete sie ihren Verzicht auf den Thron.
Sie wird gewusst haben, dass ihr Sohn einiges umkrempeln wird. Einmal sagte Willem-Alexander: "Ich hab es nicht schwer mit meinen Eltern gehabt, sie hatten es schwer mit mir."
Als Teenager hadert er mit seinem Status als Kronprinz. Schon als Elfjähriger pöbelt er Fotografen an, sie sollten sich "zum Teufel scheren". Seine Eltern schicken ihren Sohn mit 16 Jahren auf ein Internat nach Wales. Er wird nie ein exzellenter Schüler, aber ein begeisterter Sportler. Nach dem Abitur absolviert er den Militärdienst bei der Marine, später lässt er sich bei der Luftwaffe ausbilden. Die Fliegerei wird seine Leidenschaft.
Wie Beatrix studiert er an der Universität Leiden, er legt den Fokus auf Geschichte, Menschenrechte und internationales Recht. Er ist Teil einer holländischen Studentenverbindung, die bekannt für ausufernde Gelage und Aufnahmerituale ist.
Fotos dokumentieren seine Trinkfestigkeit, bald hat er seinen Spitzenamen "Prins Pilsje". Er braucht länger als die Regelstudienzeit für seinen Abschluss, den Medien fällt es nicht schwer, ihn als mitunter faul und doch eher einfältigen Kronprinzen darzustellen.
Entsprechend groß waren die Zweifel der Niederländer an der Kompetenz des Kronprinzen. Für Willem-Alexander war das vielleicht ein Segen. Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen. Heute ist das Volk angenehm überrascht. Sie bewundern ihn für seinen Einsatz bei der Uno, wo er für Wasserökonomie verantwortlich ist. Und sie verehren seine Familie.
Eine Bürgerliche aus Argentinien
Während einer Reise nach Sevilla lernt er die Argentinierin Máxima Zorreguieta kennen, eine Bürgerliche, die in New York bei der Deutschen Bank arbeitet. Eine, die ebenso offen ist wie er selbst.
Es ist ernst zwischen den beiden, 1999 stellt er Máxima offiziell in den Niederlanden vor. Dass ihr Vater während des Regimes von Jorge Videla Minister war, ist dem toleranten Willem-Alexander egal - nicht aber dem Volk. Es hagelt Protest. Zu allem Unglück zitiert er bei dem Versuch, seine Geliebte zu verteidigen, unwissentlich ebenjenen Diktator. Ein Skandal, das Volk spricht ihm auch noch den letzten Funken Seriosität ab.
Es ist Máxima, die das Volk mit seinem Kronprinzen versöhnt. Ja, das sei schon "een beetje dom" von Alex gewesen, sagt sie bei einer Pressekonferenz auf Holländisch. Ein bisschen dumm - Máximas Worte brechen die höfische Distanz endgültig, die Beatrix aufrechtzuerhalten sich so bemüht hat. Willem-Alexander setzt sich durch - wenn auch mit Einschränkungen: Im Ehevertrag ist notiert, dass sein Schwiegervater sämtlichen Staatsakten fernbleiben muss.
Diese Unbeirrbarkeit, die hat er wohl von seiner Mutter. Bleib du selbst, hat Beatrix ihrem Sohn immer geraten. Halt den Kurs und häng dein Fähnchen nicht nach dem Wind. Doch die Volkstümlichkeit hat er sich bei seiner Großmutter abgeschaut.
Königin Juliana war öfters in Gummistiefeln und auf dem Rad zu sehen. Auch von Willem-Alexander und seiner Familie gibt es die obligatorischen Bilder vom Fahrradausflug.
Ein bisschen grummeln die von Natur aus kompromissbereiten Niederländer trotzdem. Der Prinz pflege eine Vorliebe für teure Uhren. Von einem "Jet-Set-Paar" war die Rede. 2009 zieht Willlem-Alexander den Zorn auf sich, als er sich anschickt, ausgerechnet im armen Mosambik ein Luxus-Ferienhaus für sich und seine Familie zu kaufen. "Jeder macht mal Fehler", entschuldigt er sich später. Das Volk ist besänftigt, er sei eben auch nur ein Mensch.
Am 30. April wird Willem-Alexander IV. der jüngste König Europas werden. Und die Dynastie Oranje-Nassau wird an Einfluss verlieren, repräsentativer, skandinavischer werden. Nicht nur, weil die Regierung kürzlich die Macht der Monarchie beschnitten hat. Anders als seine Mutter hat sich Willem-Alexander nie als Politiker verstanden.
Seine Monarchie wird moderner und freier werden. Wann die neue Königsfamilie nach Huis ten Bosch in Den Haag ziehen wird, ist noch offen. Vorläufig jedenfalls, ließ der Palast verlauten, bleibe die Familie noch eine Weile in ihrer Villa im benachbarten Wassenaar wohnen.
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