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Fantasy-Autor Hohlbein bei RTL II: Entzauberung des Magiers

Von , Neuss

Wolfgang Hohlbein: Herr fremder Welten Fotos
SPIEGEL ONLINE

Seit 30 Jahren schreibt Wolfgang Hohlbein Bestseller im Akkord, er verkaufte mehr als 43 Millionen Bücher. Jetzt, kurz vor seinem 60. Geburtstag, lässt der Fantasy-Autor RTL II eine Doku-Soap über seine Familie drehen. Hat er das wirklich nötig?

Nur eine Sache hat ihm gestunken, sagt Wolfgang Hohlbein. Gemeinsam mit Ehefrau Heike und Tochter Rebecca ist er Anfang Dezember nach Stuttgart ins Fernsehstudio gefahren, zum ersten Mal sahen sie die fertig geschnittene Pilotfolge "Die Hohlbeins - Eine total fantastische Familie". Sahen 45 Minuten voller Nichtigkeiten: Wolfgang kauft im Baumarkt ein, Heike füttert die dicken Möpse Max und Moritz, Rebecca schmiert Mettbrötchen. Alles okay so, meint Wolfgang Hohlbein. Aber dann nennen sie ihn in der Episode einen Multimillionär. Und das stimme ja nun ganz und gar nicht.

Fast wäre die weitere Zusammenarbeit daran gescheitert. Ist sie nicht, Anfang Januar schalteten 910.000 Menschen ein, als die Folge lief. Und so beginnen die Dreharbeiten in dieser Woche erneut, Hohlbein soll jetzt in Serie gehen, sechs Episoden sind geplant. Und diesmal will Hohlbein mehr mitreden. Weniger Trash-TV soll es werden, sagt er. Die Zuschauer sollen nicht noch einmal sehen, wie er beim Herrenausstatter seine Lederkluft gegen einen Anzug tauscht. Dafür soll mehr von seiner Arbeit als Autor gezeigt werden - beispielsweise in Großbritannien auf König Arthurs Spuren.

Vor 30 Jahren veröffentlichte Wolfgang Hohlbein gemeinsam mit seiner Frau den Roman "Märchenmond", es war sein Durchbruch. Seitdem schreibt er durchschnittlich vier Bücher im Jahr, insgesamt hat er etwa 200 veröffentlicht und rund 43 Millionen Exemplare verkauft. Er gilt als einer der erfolgreichsten, einer der meistgelesenen deutschen Fantasy-Autoren. Hat er es da noch nötig, sich ein RTL-II-Team ins Haus zu holen?

Ein Spaß, ein Experiment, so nennt er die Doku-Erfahrung. Natürlich spiele auch Eitelkeit eine Rolle, Eigenwerbung. "Ich würde aber nie so weit gehen, mich in der Öffentlichkeit schlachten zu lassen, nur weil ich ins Fernsehen will", sagt er.

Musical, Rockoper, "Barbie"-Bücher

Hohlbein selbst möchte vor allem eines: Stillstand vermeiden, Experimente wagen. Das war schon in der Vergangenheit so: Aus "Märchenmond" wurde ein Musical, mit "Blutnacht" hat er eine Rockoper geschaffen, mit der Metal-Band Manowar zusammengearbeitet - und in den Neunzigern unter dem Pseudonym Angela Bonella sogar drei "Barbie"-Bücher verfasst.

Jedes Experiment kann schiefgehen. Hohlbein weiß das. Trotzdem will er immer wieder Neues probieren, gucken, ob es vielleicht doch Spaß macht, erfolgreich wird. Bequemlichkeit - den Gedanken daran erträgt er nicht. "Ich will nie verharren", sagt er. "Will nie sagen: Das alles hab ich schon erreicht, jetzt mache ich nichts anderes mehr."

Wegen dieser Abneigung gegen das allzu Vorhersehbare gab der gelernte Industriekaufmann Hohlbein einst seinen gutbezahlten Job in einer Spedition auf. Morgens um neun wusste er, was er nachmittags um vier tun würde. Und was er in drei Wochen um diese Uhrzeit tun würde. Es war das Gegenteil von einem Leben in Bewegung. Etwa ein Jahr lang jobbte er nach der Kündigung als Nachtwächter in verschiedenen Industriebetrieben und schrieb nebenbei die ersten Heftromane.

Noch heute schreibt Hohlbein meist nachts. Er lässt sich dann in seinen tiefen Ledersessel fallen, sitzt an einem kleinen Holztisch in seinem Wohnzimmer, holt sein Notizbuch hervor, liest noch einmal die Sätze vom Vorabend - und beginnt mit der Fortsetzung. Er schreibt mehrere Stunden pro Nacht, alles mit der Hand, seine Buchstaben sehen aus wie gemalt. Er braucht Kaffee und Hintergrundgeräusche, der Fernseher läuft. Rechts hinter ihm thront eine mannshohe Ritterrüstung, daneben hängen Schwerter und Schilder, in jedem Winkel des Zimmers steht ein Troll, eine Fee, ein Zwerg.

Es ist eine inspirierende Umgebung für einen Fantasy-Autor. Und eine ideale Kulisse für ein TV-Team auf der Suche nach Klischees.

Hohlbein selbst scheint wie für diese Kulisse gemacht. Seine Haare reichen bis zu den Schulterblättern, er trägt einen Zottelbart und mit Vorliebe schwarze Lederklamotten. Bei einer Größe von 1,72 Metern wiegt er gerade einmal 52 Kilo. Seine Schultern hängen immer leicht nach vorne, der ganze hagere Körper wirkt dadurch gedrückt. Wegen einer Muskelschwäche in den Augen schielt er häufig, in der Öffentlichkeit trägt er dann getönte Brillen. Das einzige, was nicht ins Bild vom schrägen Fantasy-Typen passen will, ist die Elektrozigarette, an der Hohlbein regelmäßig zieht.

"Natürlich will er gerne für sein Lebenswerk gewürdigt werden"

Uneitel. So bezeichnet der Agent Dieter Winkler seinen alten Freund. Er sei es, der Hohlbein gerne ins Fernsehen bringe, der ihn auch schon zu "TV Total" gebracht habe. Dass sich Hohlbein ausgerechnet jetzt auf das Doku-Soap-Experiment einlässt, hat Winkler zufolge auch mit dem 15. August dieses Jahres zu tun: Hohlbeins 60. Geburtstag. "Natürlich will er gerne für sein Lebenswerk gewürdigt werden", sagt Winkler. Bei Hohlbein selbst klingt das so: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Seine Zukunft sieht er jedoch nicht im Fernsehen. "Wir versuchen's, und dann gucken wir mal, was dabei herauskommt", sagt Hohlbein. Er will weiter vor allem Geschichten erzählen, will unterhalten. Und zwar ohne sich über die Art und Weise rechtfertigen zu müssen.

Er weiß, dass er kein großer Literat ist. Doch es gab Momente, in denen ihm die ständige Geringschätzung zu schaffen gemacht hat, in denen Worte ihn tatsächlich verletzt haben. Einmal habe ihm ein Germanistikprofessor nach zwölf Bier an den Kopf geworfen: "Arschlöcher wie du sind Schuld daran, dass meine Studenten keine Literatur mehr lesen." Getroffen hat ihn auch ein Artikel im SPIEGEL, der sich dem Phänomen Fantasy-Literatur in Deutschland gewidmet hat - und in dem er nicht erwähnt wurde. Er sei nicht beleidigt, versichert er heute, vier Jahre nach Erscheinen. Aber er wundere sich noch immer.

Man kann Wolfgang Hohlbein vorwerfen, dass sich viele seiner Geschichten ähneln. Er schreibt auch sicher nicht am Fließband Sätze, vor deren Schönheit man innehalten möchte. Doch mit seinen Büchern schafft er es seit Jahrzehnten, Kinder und Jugendliche gedanklich in fremde Welten zu entführen, sie mitzunehmen auf Abenteuer und große Reisen. Das ist sein Verdienst. Er sollte nicht geringgeschätzt werden.

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insgesamt 90 Beiträge
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1.
Sleeper_in_Metropolis 22.05.2013
---Zitat--- "Natürlich will er gerne für sein Lebenswerk gewürdigt werden" ---Zitatende--- Verständlich. Aber wie schon Eingangs im Artikel gefragt wurde : In Form einer RTL2-Doku ? Muß man sich das antun ?
2. Masse statt Klasse
aldamann 22.05.2013
...und ab und zu mal eine seltene Ausnahme. Das ist Holhlbein. Wer so schriftstellert, dem kommt's nur auf's Geld an. Eine Doku-Soap ist da nur die logische Fortsetzung
3. Überkommen
schensu 22.05.2013
Die große Zeit Hohlbeins ist seit gefühlten 20 Jahren vorbei. Obwohl die Helden seiner Bücher wechseln, bleiben die gezeichneten Spannungsbögen stets die gleichen. Das war auf Dauer in ihrer Vorhersehbarkeit ermüdend und konnte nur zu Missachtung führen. Hohlbein recycelte sich in seinen Büchern ein ums andere mal selbst. Zu dieser Soap, oder was das sein soll, sag ich jetzt mal nix.
4. Unsympathisch,
maxderzweite 22.05.2013
und die Bücher sind nicht mein Fall, aber ich wünsche ihm natürlich eine Fernsehkariere auf RTL2, da wird er sein Lebenswerk bestimmt veredeln können.
5. komisch...
winterindelhi 22.05.2013
naja, also das im vorletzten Satz soll wohl "Verdienst" heissen? Ich liebe seine Romane und bewundere seine Kreativitaet und wie er vor Geschichten nur so sprudelt... Vielleicht nehme ich mir wieder einmal eines seiner Buecher vor. Das mit der Realty Show verstehe ich irgendwie nicht und finde es nur seltsam...
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