Interview mit Wolfgang Niedecken "Vielleicht darf ich noch mal eine Ehrenrunde drehen"

Carpe diem, hat sich Wolfgang Niedecken nach seinem Schlaganfall gedacht und sich in Arbeit gestürzt. Im Interview spricht der 62-Jährige über engelhafte Wesen, sein Beuteschema und wo er sein allerletztes Konzert spielen würde.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Niedecken, nach Ihrem Schlaganfall im Jahr 2011 haben Sie gesagt, Sie hätten sich zu viel Arbeit aufgehalst. Nun erscheinen Ihre zweite Biografie und ein Solo-Album, bald gehen Sie auf Tour und ein BAP-Album ist auch in Planung.

Niedecken: Ich mache nur noch die Sachen, die ich wirklich gerne tue. Ich halte mich aus dem Organisatorischen weitestgehend raus. Wenn mich nämlich eines stresst, dann diese Organisationstretmühle. Da kann ich mich jetzt natürlich auch überall gut rausreden. Und positiver Stress ist ja erlaubt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten auf keinen Fall zum Rock'n'Roller werden, der in erster Linie für seinen Schlaganfall bekannt ist. Hat's geklappt?

Niedecken: Der letzte Schritt ist jetzt gemacht. In meiner Biografie stelle ich auch noch mal klar, was eigentlich passiert ist, damit das nicht immer so boulevardesk dramatisiert wird. Ich hatte einen starken Husten, durch das Gehuste habe ich einen kleinen Riss an der Halsschlagader erlitten und so hat sich das Blutgerinnsel gebildet. Ich habe kein Problem damit, darüber zu sprechen, dass ich einen Schlaganfall hatte. Andere fallen dann ja von der Palme oder so. Ich freue mich einfach, dass alles wiedergekommen ist, was ich im Rahmen des Schlaganfalls verlernt hatte. Dass ich wieder flüssig reden kann, dass ich schreiben kann. Dass meine rechte Hand funktioniert, dass mein Gleichgewicht da ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zu Ihrem 60. Geburtstag gesagt, Sie fühlten sich immer noch wie irgendwas mit 30. Und heute?

Niedecken: Jetzt bin ich 62 - für einen Rocksänger ein biblisches Alter. Ich fühle mich immer noch "wie irgendwas mit 30" und denke immer noch nicht großartig darüber nach, aber ich werde immer öfter daran erinnert. Ich fange an zu rechnen, zum Beispiel wenn ich Todesanzeigen lese. Ich schaue nun oft, wann der Betroffene geboren wurde.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Schlaganfall wollten Sie unbedingt diese Platte machen. Warum?

Niedecken: Das Album ist eine Hommage an meine Frau. Ohne sie würde ich hier nicht sitzen. Es sind zwölf Songs, die ich aus meinem Repertoire ausgesucht habe, und sie erzählen unsere komplette Geschichte. Davor ein neuer Song als Prolog und einer danach als Epilog.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Niedecken: Das klingt jetzt total kitschig, aber es war Liebe auf den ersten Blick. Meine Frau ist mir damals schon wie ein Engel vorgekommen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Engel? Sie sagen doch immer, dass Sie mit Esoterik nicht so viel anfangen können.

Niedecken: Als ich Tina zum ersten Mal gesehen habe, stand da ein engelhaftes Wesen vor mir. Ich kann's auch machohafter ausdrücken: Sie hat komplett in mein Beuteschema gepasst.

SPIEGEL ONLINE: So, so.

Niedecken: Ach, so ganz stimmt das ja auch schon wieder nicht. Ich bin nicht so Rod-Stewart-mäßig unterwegs, der sich immer das gleiche Modell wieder neu und 20 Jahre jünger zulegt.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Niedecken: Die vier wichtigen Frauen in meinem Leben sehen alle sehr verschieden aus - sind aber alle sehr starke Persönlichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre letzte Biografie ist erst vor zwei Jahren erschienen. Was ist seitdem passiert, dass Sie schon wieder eine schreiben mussten?

Niedecken: Das erste Buch ist ja längst nicht alles. Es ist viel auf Lücke geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Kommt jetzt also noch die B-Seite?

Niedecken: Ich könnte auch noch eine C- und noch eine D-Seite schreiben. Der ehemalige FC-Köln-Spieler Christian Springer hat mir nach meiner Krankheit mal eine SMS geschrieben: Erst wenn der ganz große Schiri abpfeift, dann ist Schluss. Das fand ich sehr schön.

SPIEGEL ONLINE: Sie betonen in Interviews gerne, dass mit der Erfahrung auch die Einsicht wächst. Neue Einsichten der letzten Zeit?

Niedecken: Ich bleibe mal bei den sportlichen Vergleichen. Mir ist bewusst geworden, dass ich mich auf der Zielgeraden befinde. Ich habe die gelbe Karte wahrgenommen - und bettle nicht um Gelb-Rot. Vielleicht darf ich noch mal eine Ehrenrunde drehen.

SPIEGEL ONLINE: Und was tun Sie, um Gelb-Rot zu vermeiden?

Niedecken: Ich trinke keinen Alkohol mehr. Ich habe keine Lust, irgendetwas in meinem System zu haben oder irgendetwas in ihm in Unordnung zu bringen. Ich genieße, dass ich so fit bin. Und mir ist vor Augen geführt worden, dass ich keine Zeit zu verplempern habe. Carpe diem!

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als Kölner Symbolfigur. Nervt es Sie, dass Sie immer mit ihrer Heimatstadt assoziiert werden?

Niedecken: Nö. Köln ist wirklich mein Heimathafen, von dem ich gerne aufbreche, aber auch gerne wieder hin zurückkomme. Ich liebe Köln, und viele Menschen, die hier leben. Ich könnte zu jeder Ecke eine Geschichte erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie mal eine.

Niedecken: Nehmen wir mal die Ecke Mainzer Straße/Ubierring. Dort habe ich an der ehemaligen Kölner Werkschule Kunst studiert. Ich weiß noch, wie glücklich ich am ersten Morgen mit meiner Mappe unterm Arm da hingegangen bin. Kunststudent. Endlich. Nie mehr Mathe, nie mehr Latein. Nur das tun, was ich gerne tat. Das war schon ein erhebender Moment.

SPIEGEL ONLINE: Trotz der Einwände Ihres Vaters? Der wollte doch, dass Sie seinen Lebensmittelladen übernehmen.

Niedecken: Ja, wie hätte er das auch gut finden können? Mein Vater hat sich auch Sorgen um mich gemacht. Ich hatte ja nur spinnerte Gedanken. Ich habe in einer Schülerband gespielt, dann Kunst studiert und nach dem Examen wieder Musik gemacht. Mein Vater ist im September 1980 sehr beunruhigt gestorben. So richtig Erfolg hatten wir erst 1982.

SPIEGEL ONLINE: Sie schrieben den Song "Verdamp lang her" damals als eine Art Entschuldigung an Ihren Vater. Können Sie das Lied nach mehr als 20 Jahren überhaupt noch ertragen?

Niedecken: Ja, ich singe es gerne, wir spielen es alle gerne. Ich denke jedes Mal an meinen Vater. Ich werde ja auch immer wieder nach dem Lied gefragt. Ich denke, diese Geschichte mit meinem Vater haben viele meiner Altersgenossen ähnlich erlebt. Wir haben uns schon sehr mit unseren Vätern angelegt. Sie waren diejenigen, die sich im Dritten Reich angepasst hatten. Aber über dieses Anlegen ist vielleicht auch vergessen worden, wie sehr wir unsere Väter geliebt haben. Ich war ein absolutes Papa-Kind! Der muss gelitten haben wie ein Schwein, als ich in die Pubertät kam. Ich habe ihn vor meiner Mutter regelrecht lächerlich gemacht. Das tut mir heute total leid.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für 2014 noch mal eine Reihe Konzerte mit BAP angesetzt, Start ist Berlin, Finale in Köln. Wo würden Sie Ihr letztes Konzert geben wollen?

Wolfgang Niedecken: Das allerletzte Konzert? Das wäre dann auf dem Chlodwigplatz in der Kölner Südstadt. Da könnte man mich notfalls auch beerdigen, falls das die nächste Frage sein sollte.

Das Interview führte Gesa Mayr



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.