Wunderkind Jackie Evancho: Zu perfekt, um wahr zu sein

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Mit ihrer makellosen Stimme verzückt die zehnjährige Jackie Evancho derzeit das TV-Publikum in den USA. Die Zuschauer von "America's got Talent" wählten sie in die Endrunde, die Jury prophezeit ihr eine große Zukunft. Doch schon werden Zweifel laut: Hat das Wunderkind auch wirklich live gesungen?

Als Jackie Evancho vor einer Woche die Bühne von "America's got Talent" betrat, war sie nur ein entzückendes blondes Mädchen mit eisblauen Augen und einem einnehmend bescheidenen Lächeln. Als sie sie verließ, war sie ein Star.

Zehn Million Zuschauer verfolgten die Performance der zierlichen Sängerin aus Pine Township im US-Bundesstaat Pennsylvania - und waren ebenso fassungslos wie die Jury. "Ein absolut unglaublicher Auftritt" sei das gewesen, etwas was man "noch nie gesehen hat", schwärmten die Experten. "Wie ein Engel" habe das Mädchen gesungen, so der einstimmige Tenor.

Anstatt sich mit einschmeichelnden Musical-Interpretationen zu begnügen, hatte Jackie gleich in die Vollen gegriffen und auf Italienisch die Arie "O Mio Babbino Caro" aus der Oper "Gianni Schicchi" von Puccini geschmettert. Furchtlos stellte sie sich in eine Reihe mit so berühmten "Kolleginnen" wie Maria Callas, Montserrat Caballé oder Anna Netrebko.

"Bist du sicher, dass du nicht 30 bist?", fragte der britische Journalist Piers Morgan augenzwinkernd nach dem Auftritt und formulierte damit, was die meisten Zuschauer dachten: Dass die Stimme des Mädchens zu reif für ihr Alter klinge. "Als du begonnen hast zu singen, habe ich mich gefragt, ob das echt ist", zweifelte Jurorin Sharon Osbourne. "Ich konnte nicht glauben, dass aus diesem winzigen Körper eine so große, reife Stimme kommt."

Das ging einigen Journalisten nicht anders: "Ein bisschen gruselig" habe das geklungen, ätzte das "Wall Street Journal", so als würde aus ihrem Körper die Stimme von Susan Boyle erklingen. Die eigenwillige Hausfrau war im vergangenen Jahr der Star der britischen Variante des TV-Talentspektakels - mindestens so begabt wie Jackie, aber unter ästhetischen Gesichtspunkten und was das Alter betrifft eher der Gegenentwurf zu der feengleichen US-Amerikanerin. Dennoch gelang es ihr, neun Millionen Kopien von "I Dreamed a Dream" zu verkaufen.

Dank ihrer überdurchschnittlichen Leistung stieg auch Evancho mühelos auf in die Gruppe der 24 Finalisten, die ab dem 23. August bei "America's got Talent" um eine Million US-Dollar und ein Engagement in Las Vegas kämpfen. Und machte sofort Bekanntschaft mit den Widrigkeiten des Musikbusiness.

Nur ein kleines Playback-Wunder?

"Ist Jackie Evancho echt?" fragte "US Today" und erklärte, auf dem Video der NBC-Sendung bewege das Mädchen seine Lippen nicht synchron zur Musik. Wurden also zehn Millionen Zuschauer lediglich Zeuge eines miesen, kleinen Playback-Wunders? Die Produktionsfirma FremantleMedia North America dementierte diese Behauptung in einer Stellungnahme und betonte, das Mädchen habe live gesungen. Auch der Sender NBC kam zu demselben Schluss.

Jackie selbst zeigte sich im Interview mit dem Fernsehsender WPXI aus Pittsburgh betrübt: "Ich fühle mich schlecht, wenn man mir nicht glaubt", sagte sie. Es sei schwer zu beweisen, dass sie nicht Playback singe, sagte die Zehnjährige - und sang flugs vor laufender Kamera "Panis Angelicus", um die Spötter und Zweifler eines Besseren zu belehren.

Die kleine Jackie ist keineswegs ein Newcomer, sondern so etwas wie ein altes Häschen im Showbiz: Seit etwa zwei Jahren begeistert sie sich für Opern. Der Film zum Andrew-Lloyd-Webber-Musical "Phantom der Oper" soll sie im Alter von acht Jahren zum Singen animiert haben, berichten die Eltern. Das Kind bekam Gesangsunterricht, nahm an lokalen Talentwettbewerben teil und brachte 2009 ihre erste CD heraus: "Prelude to a Dream".

"Sie ist mit einer Stimme gesegnet, die phänomenal ist", sagt der Komponist und Dirigent Tim Janis, der Evancho für sein diesjähriges Weihnachtskonzert in der Carnegie Hall engagiert hat. Die Zehnjährige ist schon jetzt mit allem ausgestattet, was der zeitgenössische Kinderstar so braucht: einer eigenen Website, Twitter- und Facebook-Account sowie einer YouTube-Seite.

Tim Smith von der "Baltimore Sun" befürchtet das Schlimmste: Er sorge sich um junge Menschen, die an einem delikaten Punkt ihrer Entwicklung der Glitzerwelt und ihren Marketingmechanismen ausgeliefert würden. "Es ist cool für jemanden mit echtem Talent, Anerkennung zu finden, aber es ist weitaus weniger cool, wenn es einem zu Kopf steigt oder das Geld in den Taschen von Leuten landet, die alles andere als edle Absichten haben", so Smith in seinem Blog.

"Ich wollte, dass alles perfekt ist"

Tatsächlich gingen der Stress, die Anspannung und vor allem die offensichtlich hohen Erwartungen der Familie nicht spurlos an dem Mädchen vorbei. "Ich habe das Gefühl, ich müsste in Tränen ausbrechen", sagte die Zehnjährige nach ihrem umjubelten Auftritt. Tatsächlich weinte sie, als sie sich kurz darauf in die Arme der Mutter flüchtete.

Im Hotel habe sich die Familie später ein Video des Auftritts angesehen, berichtete die "Pittsburgh Tribune-Review". Ganz professionell zog die Zehnjährige danach ein erstes Resümee: "Ich bin wirklich stolz auf mich. Ich habe viel Applaus bekommen", sagte sie dem Blatt zufolge. Die Ansprüche an sich selbst waren offenbar hoch: "Ich wollte, dass alles perfekt ist und ich wollte, dass die Jury mich mag."

Die Eltern scheinen keine Bedenken zu haben: "Ich habe sie noch nie so singen hören", freute sich Vater Mike Evancho. "Es sah aus, als fühle sie sich sehr wohl in ihrer Haut", so der 40-Jährige. Auf der Website des Sangeswunders heißt es vollmundig: "Jackie ist sehr ausgeglichen und dankt Gott für jede Möglichkeit, die sich ihr bietet."

Tatsächlich scheint die unbeschwerte Kindheit für den blonden Sonnenschein vorläufig ausgesetzt zu sein. Während sie es laut einem Facebook-Eintrag vom Sonntag noch schaffte, sich zu langweilen, war es am Dienstag mit der exzessiven Ruhe vorbei. "Ich war heute einkaufen und ganz viele Leute haben mich angestarrt, das war gruselig", schieb Evancho am Dienstag. Da konnte sie auch nicht aufheitern, dass eine mitfühlende gleichaltrige Seele bemerkte: "Ich wünschte, die Leute würden mir hinterher starren, ich bin nur ein durchschnittliches Mädchen."

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