YouTube-Sensation Keenan Cahill An seinen Lippen hängt das Netz

Er ist 16 Jahre alt, 1,26 Meter klein, schwerkrank - und ein absolutes YouTube-Phänomen: Keenan Cahill bewegt die Lippen zu Popsongs, stellt die Clips ins Netz und lässt sich feiern. Inzwischen suchen ihn die Stars. Katy Perry, 50 Cent, Jennifer Aniston - alle wollen mit ihm auftreten.

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Keenan Cahill schwärmt für Katy Perry. So weit, so normal, viele 16-Jährige tun das. Wenn ihr Song "Teenage Dream" läuft, bewegt er die Lippen mit, ganz so, als würde er selbst singen. Auch hier befindet sich Keenan in guter Gesellschaft, das Internet ist voll von solchen Clips. Der feine Unterschied: Seine Performance zu Perrys Hit wurde bei YouTube mehr als 37 Millionen Mal angeklickt.

Keenan ist eine Web-Sensation. Er ist der Teenager, der den Traum lebt, wie im Song. Der auf den Bahamas einen Club eröffnen darf. Der mit Schauspielerin Jennifer Aniston einen Werbespot dreht. Der in Talkshows zu Gast ist.

"Ich habe immer zu Gott gebetet, dass aus mir etwas wird", sagte Keenan der Zeitung "SunTimes" aus seinem Heimatort Chicago. "Dann hat sich etwas verschoben. Heute sage ich 'Danke' und nicht mehr 'Kannst du mich bitte groß rausbringen'", so der Teenager weiter.

Denn inzwischen hat genau das geklappt. Wenn Keenan heute auf YouTube zu einem Rap-Song die Lippen bewegt, geht im Video plötzlich die Tür auf, und HipHop-Star 50 Cent übernimmt den eigenen Part höchstselbst. Beide tanzen vor der Webcam wie einstudiert.

Das zweite Leben von Keenan Cahill beginnt, als ihm die Eltern zum 13. Geburtstag einen Computer samt Webcam schenken. Es ist die Wende. Keenans erstes Leben bestand vor allem aus Schmerzen, Klinikaufenthalten und endlosen Stunden in Arztpraxen.

Die schlimmste Zeit seines Lebens

Denn Keenan ist eben kein ganz normaler Junge. Als er 1995 geboren wird, fallen seinen Eltern zwar die ungewöhnlich großen Kniescheiben des Babys auf, doch echte Sorgen machen sie sich nicht. Dann häufen sich die Alarmsignale. Mit einem Jahr scheint Keenan deutlich zu klein für sein Alter, erst mit 18 Monaten lernt er laufen. Viel später als seine Altersgenossen. Dazu plagen ihn Anfälle, er übergibt sich. Immer wieder.

Erst langwierige Tests bringen schließlich die Prognose: Keenan leidet am Maroteaux-Lamy-Syndrom. Die Krankheit ist extrem selten - weltweit sind kaum mehr als tausend Fälle bekannt - und sehr tückisch. Der Körper kann komplexe Zuckermoleküle, die sogenannten Mukopolysaccharide, nicht aufspalten. Folgen können Fehlbildungen des Skeletts und Erkrankungen der Haut sein. Vor allem aber sinkt die Lebenserwartung dramatisch. "Das war die schlimmste Zeit meines Lebens", erinnert sich Mutter Erin O'Brien-Cahill.

Wegen seiner Krankheit wächst Keenan nur langsam, heute ist er 1,26 Meter groß. Als Folge der medikamentösen Behandlung fallen ihm als Kind die Haare aus, erst später wachsen sie wieder nach. Aber eines verliert der Jungen nie: seinen Spaß daran, die Freunde zu unterhalten, sie zum Lachen zu bringen. "Ich wollte immer vor die Kamera", sagt er heute.

Ein Tweet von Katy Perry brachte die Klick-Explosion

Mit 13 Jahren beginnt er, seine Videos ins Netz zu stellen. Zunächst schauten sich Hunderte Nutzer am, was Keenan da veranstaltete. Bald waren es Tausende. Darunter auch eine Person, die ihm besonders am Herzen liegt. "I heart you @KeenanCahill", schrieb Katy Perry per Twitter-Kurzmitteilung. Ein einziger Satz, doch er glich einer Explosion. Wenig später hatten Millionen sein Video gesehen.

Nun ist Keenan also ein Web-Phänomen, um das sich die Stars und Sternchen der US-Popszenen reißen. Als er 16 Jahre als wurde, gratulierte Katy Perry per Web-Botschaft, es folgte eine ganze Parade mehr oder weniger berühmter Menschen. "Das ist alles Wahnsinn, aber es ist guter Wahnsinn", sagt seine Mutter der "SunTimes". Zusammen mit Manager David Graham organisiert sie den Zeitplan ihres Sohnes. Nur am Wochenende darf er Auftritte geben, in der Woche drückt er die Schulbank.

Angst, lächerlich gemacht zu werden, hat Keenan nicht. Auch die teils harschen Kommentare unter seinen YouTube-Videos stören ihn nicht. Sein Manager hat ihm zudem verboten, die Begriffe "Ruhm" und "Berühmtheit" im Zusammenhang mit seiner eigenen Person zu verwenden.

Denn bei allem Trubel holt ihn die Realität immer wieder ein. Wöchentlich bekommt er Infusionen, im Sommer wird er an Beinen und Hüfte operiert. Während dieser Zeit kann er keine Auftritte geben, auch Videoclips wird Keenan kaum drehen können. Sind seine sprichwörtlichen 15 Minuten im Rampenlicht dann vielleicht schon vorbei? "Über das Ende rede ich nicht gern", sagt der 16-Jährige. "Wie auch immer es ausgeht, es ist okay so", sagt die Mutter.

Manager Graham schließlich hofft, dass die Blitzkarriere seines Schützlings zumindest lange genug hält, bis sich dieser ein speziell angepasstes Auto leisten kann. Dann wäre Keenan wieder ein normaler Teenager - fast.

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
langenscheidt 19.04.2011
1. Märchen vom Nichtstun zum Millionär
"Ich habe immer zu Gott gebetet, dass aus mir etwas wird", sagte Keenan der Zeitung "SunTimes" aus seinem Heimatort Chicago. Und man läßt den Jungen in dem Irrglauben, er sei nun etwas geworden? Er mag jetzt viel Geld verdienen, aber das wars auch schon. Was geworden ist er dadurch noch nicht.
manta 19.04.2011
2. ---
Die Leute mit denen er da auftrit nutzen seine Krankheit doch auch nur um damit ein mediales Aufsehen zu bekommen. Das ist alles so "falsch" das will man sich garnicht ausmalen. J.Bieber, Rebecca Black, etc. Alles was hohe "Views/Zeit" hat auf Youtube ist meistens keinen Cent Wert. Ich wünsche dem Jungen noch viel Freude im Leben. Wenn ihm das Spaß macht was er da tut, dann ist das schön, ich finde es aber nichtmal eine Meldung wert. *Gähn*
lb3 19.04.2011
3. der youtube effekt
Das ist ein nicht so schönes Web Phänomen. Früher wurden Menschen im Zirkus ausgestellt, das war schon sehr entwürdigend. Heute laden manche Leute ihre Clips bei youtube hoch und werden genauso begafft. Eine recht verlogene Angelegenheit auf Kosten eines Menschen, der eigentlich nichts anderes will, als jeder andere auch: Echte Akzeptanz. Applaus und Einschaltquoten haben zwei unterschiedliche Klangfarben und eine davon ist ein Fake. Keenan ist zu wünschen, dass er nicht allzu hoch fliegt. Sondern echte menschliche Wärme erfährt. Dafür reicht schon eine einzelne Person, die es gut mit ihm meint.
motormouth 19.04.2011
4. ...
Ein Webphänomen? Hand hoch _o/ wer schonmal was von dem gehört hat! Ich nicht. _o_
Micirio 19.04.2011
5. ---
Zitat von motormouthEin Webphänomen? Hand hoch _o/ wer schonmal was von dem gehört hat! Ich nicht. _o_
Hand ist oben!
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